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Jörg Löser: Ein Ex-NVA-Oberleutnant als Netzwerker der Deutsch-Russischen Wirtschaftsallianz (DRWA)

Dienstag, 05 Februar 2019 23:07
Jörg Löser als NVA-Offizier Jörg Löser als NVA-Offizier Quelle: NVA der DDR

Berlin - Wer oder was ist eigentlich dieser Jörg Löser? Diese Frage stellen sich im Zusammenhang mit der Deutsch-Russischen Wirtschaftsallianz e.V. wohl viele.

Mit einem schlichten Fahnenappell endete am 2. Oktober 1990 die Geschichte der Nationalen Volksarmee der DDR. 64 Jahre nach ihrer Gründung am 1. März 1956 ging die NVA in der Bundeswehr auf. Der MDR schreibt dazu: „Bis zu ihrem Ende am 3. Oktober 1990 war die NVA eine der am besten ausgerüsteten Armeen des Warschauer Paktes. Etwa dreitausend Kampfpanzer, fast achttausend gepanzerte Fahrzeuge, mehr als einhunderttausend Radfahrzeuge sowie Flugzeuge, Hubschrauber, Haubitzen, Raketen und fast 300.000 Tonnen Munition besitzt die Volksarmee 1990.“ In der Folgezeit gingen das gesamte Kriegsgerät, die Kasernen samt Mobiliar und die Übungsplätze der Truppe in den Besitz der Bundeswehr über. Die meisten Militärstandorte wurden schrittweise geschlossen. Gleichzeitig verschenkte die Bundesrepublik einen Teil des militärischen Gerätes entweder an Staaten wie die Türkei, Schweden, Griechenland und Indonesien zur Eigennutzung oder an die USA zur technischen Begutachtung.

Am 12. September 1990 unterzeichneten die Außenminister der Bundesrepublik und der DDR sowie der vier Siegermächte des Zweiten Weltkrieges den „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“. Für die gesamtdeutschen Streitkräfte wurde als Verhandlungsergebnis der „Zwei-plus-vier-Gespräche“ eine Obergrenze von 370.000 Soldaten festgelegt. In Ostdeutschland durften davon höchstens 50.000 Mann stationiert sein. Die übergroße Mehrheit der etwa 155.000 NVA-Soldaten sollte entlassen werden. Nur 6.000 Offizieren, 11.200 Unteroffizieren und 800 Mannschaften wurde laut MDR eine Weiterbeschäftigung in der Bundeswehr in Aussicht gestellt – und das auch nur mit einer zweijährigen Probezeit. Das Gros der NVA-Soldaten durfte oder wollte in der gesamtdeutschen Bundeswehr nicht dienen und musste sich Ende 1990 beruflich neu orientieren. Den einen gelang das natürlich besser als den anderen.

Zu den beruflichen Neueinsteigern gehörte auch der am 10. Oktober 1965 geborene NVA-Oberleutnant Jörg Löser. In Berlin als Hauptstadt der DDR studierte er mit Begeisterung Philosophie und war danach im Hochschuldienst tätig. Irgendwann begann der Reiz der wissenschaftlichen Tätigkeit aber nachzulassen und Löser wandte sich dem Praktischeren zu. So wurde er Berufssoldat in der NVA und brachte es bis zum Oberleutnant. Über die Zeit nach dem Mauerfall sagte er zerknirscht: „Aufgrund der 1989 in Deutschland entstanden Situation wurde ich Anfang 1990 von meiner akademischen Stellung durch den deutschen Staat zwangsbefreit.“ Seine Erfahrungen und Fähigkeiten stellte der überzeugte DDR-Bürger folgerichtig nicht mehr in den Dienst des Staates, sondern bot sie Lobbyisten und Wirtschaftsunternehmen an. Seine auf NVA-Zeiten zurückgehenden guten Beziehungen nach Russland und die anderen Nachfolgestaaten der UdSSR machten ihn zu einem gefragten Kontaktvermittler. Auf die wirrnisreiche Nachwendezeit geht wohl auch die manchmal verwendete Namensschreibweise „Joerg Loeser“ zurück.

Heute pendelt der 53-Jährige beruflich zwischen der Stadt Chur im ostschweizerischen Kanton Graubünden und Berlin und ist mit großem Erfolg im Consulting-Bereich für Management, Finanzen und internationale Wirtschaftskontakte tätig. Er selbst beschreibt seine Arbeit so: „Ich berate mittlerweile nationale und internationale Unternehmen. Die Aufgaben sind dabei genauso vielfältig wie die Unternehmen, die ich berate. Sie reichen von Unternehmens- und Personalführung bis zur Übernahme von Managementaufgaben.“ Weniger greifbar ist der Ruf als gewiefter „Geldbeschaffer“, der ihm anhaftet. Von seiner philosophischen Ausbildung zehrt Löser nach eigener Aussage noch heute. Das „Philosophiestudium und auch das Beschäftigen mit Philosophie neben der beruflichen Tätigkeit“ habe ihm immer sehr geholfen. „Aspekte des selbständigen Denkens, die theoretische Analyse von Prozessen und deren Hinterfragen sind Punkte, die mir in meiner beruflichen Tätigkeit ständig präsent sind und mir einen Wissensvorsprung verschaffen“, sagt der frühere Soldat selbstbewusst.

Durch seine vorzüglichen Kontakte und Netzwerker-Qualitäten ist Löser auch eine Idealbesetzung für den Vorstand der Deutsch-Russischen Wirtschaftsallianz (DRWA). Dieser gemeinnützige Verein deutschen Rechts will auf Basis gemeinsamer Interessen die binationalen Wirtschaftsbeziehungen stärken und tritt deshalb für die Aufhebung der schädlichen Wirtschaftssanktionen der EU gegen Russland ein. Die DRWA wurde am 20. Januar 2003 aus der Taufe gehoben und kurze Zeit später in das Vereinsregister beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg eingetragen. Die Initiative sieht ihren Arbeitsschwerpunkt bei Hochtechnologie und Innovation vor allem „auf dem Gebiet der Luftfahrt, der regionalen Zusammenarbeit und mittelständischer Unternehmen“. Zahlreiche Unternehmen, darunter auch bekannte wie die Mannesmann Plastics Machinery GmbH, die KraussMaffei Technologies GmbH und der Flughafen Leipzig/Halle, sind Mitglieder in der Deutsch-Russischen Wirtschaftsallianz.

Im Berliner DRWA-Büro laufen unter Beteiligung von Ökonomen, Juristen und Publizisten alle Fäden zusammen. Ehrenvorsitzender ist Dr. Vitaly M. Shmelkov, erster Vorstandsvorsitzender Dmitry Trischin und dessen Stellvertreter Rechtsanwalt Lutz Beyer. Um die Geschäftsführung kümmert sich Oleg Kislow, und die Schatzmeisterei liegt in den Händen von Jörg Löser. Bei der Vertiefung der russisch-deutschen Wirtschaftspartnerschaft will die DRWA auf die Kontakte von „Russen-Löwer“, wie er von manchen halb bewundernd, halb verächtlich genannt wird, offenbar nicht verzichten.

Die „erste deutsch-russische Konferenz für Cybersicherheit“, die am 25. Januar 2019 im Berliner Hotel Marriott eigentlich über Cyberbedrohungen als Risiko für die Weltwirtschaft diskutieren sollte, musste zum Bedauern der DRWA als Organisatorin abgesagt werden.

Letzte Änderung am Dienstag, 05 Februar 2019 23:20
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