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Deutsche Konkurrenten auf dem Öl- und Gas-Markt

Energie-Investments: Deutsche Oel & Gas AG (DOGAG) und Oil & Gas Invest AG (OGI AG) wollen raus aus Graumarkt

Montag, 21 Dezember 2015 22:56
Offshore-Bohrplattform auf hoher See Offshore-Bohrplattform auf hoher See

Stuttgart/Frankfurt am Main – Als Oberligist zählt der SSV Reutlingen 05 zwar nicht zu den großen deutschen Fußballclubs, ist aber durchaus ein Verein mit Tradition und einer treuen Anhängerschaft. Im Jahr 1905 als FC Arminia Reutlingen gegründet, nahm der Verein 1950 als Meister der Oberliga Südwest immerhin an der Endrunde zur deutschen Meisterschaft teil, wurde 1974 und 1997 deutscher Amateurmeister und nicht nur in diesem Jahr, sondern auch 1988, 1990 und 1999 württembergischer Pokalsieger.

Besonders stolz ist man in der Kleinstadt in der Schwäbischen Alb darauf, mit dem früheren VfB-Stuttgart-Star Maurizio Gaudino einen ehemaligen Nationalspieler als Sportdirektor vorweisen zu können. Ob der SSV auch mit seinem neuen Sponsor ein glückliches Händchen hatte, wird sich noch erweisen müssen. Die roten Trikots der Mannschaft ziert der Schriftzug der in Stuttgart ansässigen Deutschen Oel & Gas AG (DOGAG), die am sogenannten grauen Kapitalmarkt Anlegergelder einsammelt, um damit die Förderung von Erdöl und Erdgas in Alaska zu finanzieren. Derzeit ist das Unternehmen im Cook Inlet, einer Bucht im Golf von Alaska, aktiv und profitiert dabei von den Subventionen, die der US-Bundesstaat an Rohstoffförderer zahlt.

Umstrittener Tausch

Die von Kay Rieck (CEO) und Lars Degenhardt (CFO) geführte DOGAG befindet sich in 100%-igem Besitz der Luxemburger Holding Deutsche Oel & Gas S.A. (DOGSA). Erst vor wenigen Wochen pumpte die New Yorker ING Bank insgesamt 135 Mio. US-Dollar in die Unternehmensgruppe. Darüber hinaus hat sich vor kurzem auch das Stuttgarter Emissionshaus Energy Capital Invest (ECI) bei dem Öl- und Gas-Unternehmen eingeklinkt. Die ECI warb ursprünglich mit einem ähnlichen Geschäftsmodell wie die DOGAG und sammelte Gelder für US-Fonds, mit denen die Erschließung amerikanischer Öl- und Gasfelder realisiert werden sollte – und zwar solcher Vorkommen, die für die Multis wegen der relativ geringen Fördermengen – hier geht es um Tausende statt um Hunderttausende Barrel pro Tag – uninteressant sind.

Vor einigen Monaten wurden die Anleger der von der ECI aufgelegten Fonds über Nacht zu Aktionären der Deutschen Oel & Gas S.A. Kurzfristig hatte das Stuttgarter Emissionshaus nämlich seinen Kunden mitgeteilt, dass ihre Auszahlungen nicht mehr in bar vorgenommen werden sollen, sondern in Form von Aktien der DOGSA. Nur wenig später wurde der ECI die Option eingeräumt, auch die Inhaber der von ihnen aufgelegten Namensschuldverschreibungen durch DOGSA-Aktien zu bedienen. Wie das Unternehmen dazu mitteilte, wurde dies im Rahmen von Anlegerversammlungen mit qualifizierter Mehrheit beschlossen. Dem Berliner Anlegerschutzanwalt Manfred Resch erscheint das Procedere nicht ganz astrein, zumal, wie er bemängelt „die jeweilige Treuhänderin befugt war, die Stimmrechte der Anleger nach ihrem freien Ermessen auszuüben, sofern Anleger an der Versammlung nicht teilnahmen“. Außerdem kursierten Gerüchte, denen zufolge einigen Anlegern der Zutritt verwehrt worden sei.

Für den Wiesbadener Juristen Sebastian Rosenbusch-Bansi wirft auch die Umwandlung der Renditezahlungen in DOGSA-Aktien Fragen auf. „Die Anleger begeben sich damit auf dünneres Eis. Sie sind nun von der Entwicklung des Aktienkurses abhängig. Diese Entwicklung kann natürlich in beide Richtungen gehen, das heißt, es sind auch finanzielle Verluste möglich“, so der Fachanwalt für Steuerrecht. Energy Capital Invest selbst begründete den Umtausch von Anlegerkapital in Aktien mit einer besseren Liquiditätsausstattung und einer damit einhergehenden Verbesserung der Bonität der Gesellschaft.

Wundersamer Wertzuwachs

Um zu verstehen, warum die genannten Juristen wenig Vertrauen in die DOGSA und ihre Tochter DOGAG haben, ist ein Blick auf den Werdegang der Luxemburger Holding hilfreich. Diese wurde im Jahr 2013 unter dem Namen SHCO 51 mit einem Stammkapital von lediglich 31.000 Euro gegründet, änderte ihren Namen im Sommer 2014 in Deutsche Oel & Gas S.A. und führte eine Kapitalerhöhung auf 5 Millionen Euro durch – allerdings nicht mit Barem, sondern in Form von genau 5 Millionen Aktien der Deutschen Oel & Gas AG. Jede dieser Aktien hatte demnach einen Nennwert von einem Euro.

Nur kurze Zeit später, im November 2014, flossen weitere 500.000 Aktien der DOGAG in die DOGSA. Auf wundersame Weise waren diese Aktien dann aber nicht mehr nur einen Euro wert, sondern wesentlich mehr, denn das Stammkapital erhöhte sich auf einen Schlag von fünf auf sage und schreibe 475 Millionen Euro. Insgesamt verfügte die DOGSA nun also über ein angegebenes Grundkapital in Höhe von 480 Millionen Euro. Möglich wurde dies durch das Gutachten eines luxemburgischen Wirtschaftsprüfers, der erklärte, dass ihm bei der Evaluierung „nichts aufgefallen“ sei, das ihn zu der Auffassung führen könnte, dass der Wert der 500.000 Aktien an der DOGAG „nicht mindestens einem Wert von EUR 500.000.000 entspricht“. Derselbe Wirtschaftsprüfer hatte wenige Monate vorher noch einen Umtauschkurs von 1:1 als angemessen angesehen. Einen Jahresabschluss für das Geschäftsjahr 2014 hat die DOGAG bis heute nicht vorgelegt, obwohl viele Anleger mit Spannung auf eine Erklärung warten, wie die DOGAG-Aktien innerhalb von nur fünf Monaten um das Tausendfache im Wert gestiegen sein können.

Schillernde Persönlichkeit

Mit ähnlichen Investments wie bei der DOGAG wird Anlegern auch von der Oil & Gas Invest AG (OGI AG) Anlegern eine Rendite von satten 9 bis 12 Prozent pro Jahr versprochen. Das in Frankfurt am Main ansässige Unternehmen wirbt damit, über ihre amerikanische Tochterfirma kleinere Erdöl- und Erdgasvorkommen im Süden der USA zu erschließen und zu fördern. Derzeit lässt das Unternehmen nach eigenen Angaben in Alabama, Kentucky, Tennessee und Mississippi bohren. Seit Juni 2012 können Anleger ab einer Summe von 1.000 Euro mit Nachrangdarlehen in das Geschäftsmodell investieren.

Ursprünglich hatte die OGI AG diese Beteiligungen in Form eines Darlehens mit Rückzahlungsgarantie ausgegeben, für die der damalige Vorstandsvorsitzende Jürgen Wagentrotz, der bis heute Mehrheitsgesellschafter ist, mit seinem Privatvermögen haften wollte, das auf über 100 Millionen Euro beziffert wird. Der 1944 in Erfurt geborene und 1961 in den Westen geflüchtete Selfmade-Millionär gilt in der Branche als schillernde Persönlichkeit. Zunächst erlernte er den Beruf des Hotelkaufmanns, bevor er Mitte der sechziger Jahre eine Ladenkette mit sechs Möbelgeschäften aufbaute. Später erwarb später einen Verlag sowie das Casino-Magazin „Roulette“, kurz vor der Wende stieg er in das Immobiliengeschäft ein und gründete schließlich die Internet-Glücksspielplattform „CasinoClub“. Mit seinem Kapital wurde Wagentrotz 2010 Mehrheitsgesellschafter bei der kurz zuvor gegründeten OGI AG und gelangte schon zwei Jahre später an die Managementspitze. Mittlerweile hat er sich aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Sein Nachfolger als Vorstandsvorsitzender ist der Architekt und E-Commerce-Fachmann Günter Döring.

Wagentrotz‘ Rückzahlungsgarantie stellte nach Ansicht der BaFin ein sogenanntes erlaubnispflichtiges Einlagengeschäft dar. Das Unternehmen erstattete bislang gezeichnetes Kapital in Höhe von rund 4,5 Millionen Euro zuzüglich Zinsen an die Anleger zurück und setzte parallel dazu einen neuen Darlehensvertrag ohne persönliche Garantie auf. Künftig will die OGI keine Nachrangdarlehen mehr anbieten, sondern klassische Unternehmensanleihen ausgeben. Für diesen Kurswechsel zeichnet vor allem der Frankfurter Consultant Dr. Michele Sciurba verantwortlich, der das Unternehmen nicht nur berät, sondern auch Prokurist ist und auf der OGI-Internetseite als Angehöriger des Managements ausgewiesen wird.

Renommierter Berater

Der 1968 in Palermo auf Sizilien geborene und in Oldenburg aufgewachsene promovierte Philosoph ist mit seiner GMVV & CO. GmbH schon seit Ende der neunziger Jahre als strategischer Berater bei grenzüberschreitenden Unternehmungen im Energiesektor tätig. Die Tageszeitung „Die Welt“ stellte ihn einmal als ersten Frankfurter vor, der ein eigenes Windrad zur Stromerzeugung auf sein Dach montieren ließ. Darüber hinaus kennt man ihn in der Mainmetropole als Galeristen und Mäzen des Künstlers und Comiczeichners Volker Reiche, der vor allem durch seine „Strizz“-Bildergeschichten, die acht Jahre lang in der F.A.Z. erschienen, bekannt wurde. Laut Sciurba ist es erklärtes Ziel des Unternehmens, aus der Graumarkt-Zone in den weißen Finanzmarkt zu wechseln. Tatsächlich findet man seit einigen Wochen im Netz erstmals eine öffentlich einsehbare Finanz-und Budgetplanung, einen von einer Wirtschaftsprüfungskanzlei testierten Jahresabschluss für 2014 und einen Lagebericht des Vorstandes, der auch über die Risiken des Anlagemodells aufklärt.

In dieser Hinsicht hat die OGI AG gegenüber ihrem Konkurrenten DOGAG eindeutig die Nase vorn, doch auch die Stuttgarter bzw. Luxemburger wollen, wie Unternehmenssprecher Ulrich Zehfuß gegenüber der SACHSEN DEPESCHE betonte, aus dem grauen in den „weißen“ Markt wechseln. Eine erste Erfolgsmeldung gab es in diesem Zusammenhang vor wenigen Wochen. Wie die Unternehmenszentrale mitteilte, konnte die DOGSA ihre gesamte Erdgas-Fördermenge aus dem Bohrloch KLU#3 im Gebiet „Kitchen Lights Unit“ unter anderem an ConocoPhilllips, eines der weltweit größten Gas- und Mineralöl-Unternehmen, Aurora Gas, einen US-amerikanischen Gashändler sowie Homer Electric, das zweitgrößte Gasunternehmen Alaskas, verkaufen. Wir werden die Aktivitäten der DOGSA und der DOGAG ebenso wie jene der OGI AG weiter im Auge behalten und regelmäßig auf SACHSEN DEPESCHE darüber berichten.

 

Weiterführende Links:

www.hessen-depesche.de/wirtschaft/%E2%80%9Ewundersame-geldvermehrung%E2%80%9C-bei-der-deutschen-oel-gas-ag-dogag-marco-quacken-in-erkl%C3%A4rungsnot.html
www.sachsen-depesche.de/wirtschaft-finanzen/deutsche-oel-gas-s-a-dogsa-verkauft-gesamte-f%C3%B6rdermenge-aus-bohrung-in-s%C3%BCdalaska.html
www.hessen-depesche.de/wirtschaft/oil-gas-invest-ag-ogi-ag-j%C3%BCrgen-wagentrotz-%C3%BCbergibt-f%C3%BChrung-an-g%C3%BCnter-d%C3%B6ring-und-robert-percy-meiser.html
www.hessen-depesche.de/wirtschaft/oil-gas-invest-ag-ogi-ag-g%C3%BCnter-d%C3%B6ring,-percy-meiser-und-dr-michele-sciurba-sorgen-f%C3%BCr-frischen-wind.html
www.sachsen-depesche.de/interview/dr-michele-sciurba-%E2%80%9Ewir-werden-alles-daf%C3%BCr-tun,-die-ogi-ag-zu-einem-wachstums-und-kapitalmarktorientierten-unternehmen-zu-strukturieren%E2%80%9C.html

Letzte Änderung am Donnerstag, 28 Januar 2016 15:29
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