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„Pegida-Effekt“ oder Bettensteuer?

Dresden: Wieder Einbruch beim Tourismus

Samstag, 09 Juli 2016 18:11
Dresden bei Dämmerung Dresden bei Dämmerung Quelle: de.wikipedia.org | MalteF | CC BY-SA 3.0 de

Dresden – Nachdem der Tourismus in Dresden zum Jahresbeginn einen Zuwachs verbuchen konnte und das Landesamt für Statistik das stärkste erste Quartal seit mindestens fünf Jahren vermeldete, belegen die aktuellen Zahlen wieder einen Einbruch. Um 6,7 Prozent ist die Zahl der Übernachtungen im April 2016 gegenüber dem Vorjahresmonat zurückgegangen. Die Erklärungsansätze dafür sind höchst unterschiedlich.

Für die Tourismus-Sprecherin der LINKE-Fraktion im Sächsischen Landtag, Luise Neuhaus-Wartenberg, zeigt sich anhand des Rückgangs der Übernachtungszahlen einmal mehr der „Pegida-Effekt“. Die Linkspolitikerin geht davon aus, dass die jeden Montag stattfindenden „Spaziergänge“ der Islam- und Asylkritiker Gäste nachhaltig abschrecken. Dies müsse als „klares Warnsignal aufgefasst werden“. Dresden gelte „nicht mehr als kulturelles und touristisches Zentrum, sondern als Hort rechter Hetzer“, so Neuhaus-Wartenberg.

Indirekt macht auch die Dresdner Stadtverwaltung PEGIDA dafür verantwortlich, weniger Hotelzimmer als 2015 in der Landeshauptstadt gebucht werden. Man gehe davon aus, „dass die Diskussion um Pegida für den Rückgang verantwortlich ist“, so Rathaussprecher Kai Schulz gegenüber der „Sächsischen Zeitung“, gleichwohl einräumend, dass diese These nicht wissenschaftlich belegt werden könne.

Ähnlich sieht es der Münchener Reisepsychologe Jürgen Kagelmann, der die anhaltend negative Berichterstattung wegen PEGIDA als Hauptgrund für die sinkenden Tourismuszahlen ansieht: „Wir haben in den letzten Jahren gesehen, dass Berichte über mögliche Unannehmlichkeiten im Urlaub zu Buchungsrückgängen geführt haben.“ Auch in Ägypten und der Türkei seien die Rückgänge darauf zurückzuführen.

Johannes Lohmeyer, Vorsitzender des Tourismusverbandes Dresden, hat wiederum einen ganz anderen Verdacht. Für ihn ist die im vergangenen Sommer eingeführte Bettensteuer, die Geld in die klamme Stadtkasse spülen soll, die wohl größte Tourismusbremse. „Das Problem mit der Bettensteuer ist, dass es den Gästen erst vor Ort klar wird, wie sie abgezockt werden und dass sie deshalb nicht wiederkommen“, so Lohmeyer laut „Sächsischer Zeitung“.

Offenbar sieht der Verbandschef, der selber Hotelier ist, auch in der zunehmenden Konkurrenz durch Plattformen wie Airbnb, über die Privatleute ihre Wohnungen als Unterkünfte anbieten, einen entscheidenden Nachteil für das Beherbergungsgewerbe. „Allein in Dresden werden pro Jahr etwa 300.000 Übernachtungen in Privatunterkünften geschätzt, die von der amtlichen Statistik nicht erfasst werden“, zitierte „Focus online“ Lohmeyer kürzlich. Der Chef des Dresdner Tourismusverbandes sprach in diesem Zusammenhang von einer „massiven Wettbewerbsverzerrung“ und verwies auf mangelnde Sicherheits- und Hygienestandards, weswegen er ein Zweckentfremdungsverbot für privaten Wohnraum nach dem Vorbild Berlins für Sachsen forderte.

Möglicherweise könnte man das Auf und Ab beim Dresdner Tourismus ganz einfach auch mit normalen konjunkturellen Schwankungen erklären. Warum sollte das Übernachtungsgewerbe als einzige Branche davor gefeit sein? Der Ruf nach staatlicher Regulierung ausgerechnet von Lohmeyer ist übrigens erstaunlich. Schließlich ist er nicht nur Hotelier und Chef des Tourismusverbandes, sondern zählt auch zu den lokalen FDP-Größen in Dresden. Und Liberalen kann der Wettbewerb normalerweise nicht weit genug gehen.

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