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Kelkheim am Taunus - Das Umweltbundesamt ist die größte und mächtigste Umweltbehörde Europas. Kein Wunder, dass sich deren Präsidentin Maria Krautzberger (Jahrgang 1954) für eine der wichtigsten Umweltbeauftragten des Kontinents hält. Nur allzu gerne fordert die 62-jährige SPD-Politikerin irgendetwas, wobei sich die Reaktionen auf ihre Wortmeldungen regelmäßig zwischen Heiterkeit und Entsetzen bewegen. Fast scheint es, als würde die Diplom-Soziologin einmal pro Quartal mit einer irren Forderung auf die Menschheit losgelassen. Zu Jahresbeginn wollte Maria Krautzberger den Mehrwertsteuersatz auf tierische Lebensmittel von sieben auf 19 Prozent erhöhen, damit die Bürger weniger Fleisch essen. Mitte April machte sie sich für ein generelles innerörtliches Tempolimit von 30 km/h stark, weil ein ausgebremster Verkehr angeblich besser fließt. Und nun will Krautzberger die Dieselsteuer erhöhen, um 15 Millionen Autofahren den Tag zu verleiden. Doch anders als bei ihren früheren Versuchen, darf die Leiterin des Umweltbundesamtes diesmal auf Zustimmung hoffen. Denn dem Diesel soll es an den Kragen gehen – das haben die Schreibtischtäter in den links-grünen Ideologiehochburgen beschlossen. Ganz gleich wie absurd die Forderungen sind, die in der aktuellen Diskussion erhoben werden, nichts scheint unmöglich. Der Dieselmotor ist der Donald Trump der Mobilität. Beim indoktrinierten Massenpublikum taugt er hervorragend als ideologisches Feindbild. Wer fragt da noch nach Fakten?

Dresden – Medienberichten zufolge rückt das Bundesumweltministerium von Barbara Hendricks (SPD) davon ab, noch in diesem Jahr eine neue blaue Umweltplakette für Dieselfahrzeuge einzuführen. „Wir fokussieren uns nun auf mögliche Alternativen“, so ein Sprecher des Ministeriums in dieser Woche. Während Umweltverbände die Entscheidung kritisieren, sprach die Automobilindustrie von einem „Sieg der Vernunft“.

Chemnitz/Zwickau – Laut dem Chemnitz Automotive Institute (CATI) wird der VW-Abgasskandal auch in Sachsen nicht folgenlos bleiben. Volkswagen unterhält drei Standorte mit insgesamt 10.000 Mitarbeitern im Freistaat: das Fahrzeugwerk in Zwickau, die Automobilmanufaktur in Dresden und das Motorenwerk in Chemnitz. Vor allem in Zwickau, wo etwa 7.900 Werksmitarbeiter Golf- und Passat-Modelle mit Benzin- und Dieselmotoren fertigen, wird der Skandal um die Manipulationen der Abgasmessungen bei Diesel-Fahrzeugen noch in den kommenden zwei bis drei Jahren spürbar sein. Schon 2015 dürfte der Zielwert von 300.000 produzierten Neuwagen deutlich verfehlt werden, wie das CATI, eine Forschungseinrichtung der TU Chemnitz, voraussagt.

Ein erstes Signal dafür seien laut CATI-Direktoriumsmitglied Werner Olle die rückgängigen VW-Diesel-Verkaufszahlen auf Online-Plattformen. Bei sämtlichen Modellen des Wolfsburger Autobauers brachen die Verkaufszahlen um knapp 15 Prozent ein. Die Auswirkungen der Krise auf das Chemnitzer Werk mit seinen etwa 1.750 Mitarbeitern schätzt CATI hingegen als eher gering ein, weil dort ausschließlich Benzinmotoren und lediglich einige Baugruppen für Dieselmotoren produziert werden. Auch die Gläserne Manufaktur in Dresden mit rund 500 Mitarbeitern dürfte unberührt bleiben. Dort wird die Endmontage des VW-Premiummodells Phaeton verrichtet.

Dennoch rechnet das Chemnitzer Institut mit Investitionszurückhaltung des Mutterkonzerns an allen drei VW-Standorten in Sachsen. Wegen des Absatzrückgangs bei Dieselfahrzeugen und enormer Kostensteigerungen durch Rückrufaktionen, Strafzahlungen und Regressforderungen wird das Unternehmen überall Einsparungen vornehmen müssen. „Dies könnte auch zu schmerzlichen Korrekturen bei Neuvorhaben in der Region führen“, so CATI-Direktor Olle. Zusätzlich könnten auch die sächsischen Zulieferer-Firmen mit ihren rund 25.000 Beschäftigten unter Druck geraten. Bis zum Jahresende sind die Auftragsbücher der Automobil-Zulieferer nach Angaben des CATI zwar voll, doch spätestens ab Anfang 2016 dürfte sich die VW-Krise auch in dieser Branche niederschlagen.

Trotz ihrer Prognosen sehen die Chemnitzer Forscher die Lage nicht allzu pessimistisch. „Die VW-Krise wird in Sachsen nicht zu einer Automobilkrise ausufern“, so Werner Olle. Bei Michael Stopp, Branchenfachmann der Industrie- und Handelskammer Zwickau, ist sogar Optimismus angesagt. „Ich gehe zwar davon aus, dass der Absatz erst einmal nach unten geht“, meint Stopp. In drei bis vier Monaten dürfte er nach Ansicht des IHK-Experten aber wieder das vorherige Niveau erreicht haben.