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Jahrhundertealte Tradition

Zu Besuch beim Osterreiten in der Oberlausitz

Dienstag, 07 April 2015 17:01
Fahnenträger beim Osterreiten in Wittichenau Fahnenträger beim Osterreiten in Wittichenau Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Wittichenau – Das Schlagen der Hufe auf dem Kopfsteinpflaster hallt durch die engen Gassen und wird nur noch übertönt von den Gesängen der Männer in Frack und Zylinder hoch zu Ross. Als die Osterreiter in Wittichenau gegen 9:30 Uhr in Richtung Ralbitz aufbrechen, sind sie schon einige Stunden auf den Beinen. Bereits um fünf Uhr haben sich die Kreuzreiter am Ostersonntag in der Pfarrkirche zu einem Gemeinschaftsgottesdienst zusammengefunden. Nachdem sie nun dreimal durch den Ort geritten sind, geht es über über Hoske, Kotten und Cunnewitz nach Ralbitz. Von dort ist bereits der Ralbitzer Prozessionszug aufgebrochen, der am Mittag in Wittichenau eintreffen wird.

Über eintausend Osterreiter sind an diesem Sonntag in verschiedenen Prozessionszügen wieder in der Oberlausitz unterwegs, um in Liedern und Gebeten die Botschaft von der Auferstehung Christi zu verkünden. Der im Gebiet zwischen Bautzen, Kamenz und Hoyerswerda vor allem von den katholischen Sorben gepflegte Brauch hat auch in diesem Jahr wieder rund 7.000 Besucher aus Sachsen und ganz Deutschland angezogen, die die Reiter und ihre mit speziellem Ostergeschirr geschmückten Pferde bestaunen. Neben den Kirchenfahnen führen die Osterreiter auch das Kreuz und kleine Jesus-Statuen mit.

Das Osterreiten hat in der Oberlausitz eine lange Tradition. Ursprünglich ritten die heidnischen Slawen im Frühjahr um ihre Felder, um die bösen Geister des Winters zu vertreiben und für eine gute Ernte zu bitten. Auch nach der Christianisierung behielt der Brauch noch lange seine ursprüngliche Bedeutung. Das erste christliche Osterreiten fand vor fast 500 Jahren statt. Verbunden mit den Reiterprozessionen ist der österliche Sendungsauftrag: Sie sollen den Glauben an die Auferstehung Jesu in die jeweilige Nachbargemeinde tragen.

Das Wittichenauer Osterreiten ist das größte und zugleich älteste seiner Art. Mehr als 450 Wittichenauer Kreuzreiter begeben sich jedes Jahr auf den Weg zur Pfarrgemeinde Ralbitz – und das schon seit 1541. Eine weitere Besonderheit dieser Kreuzprozession ist ihre Zweisprachigkeit. Während die anderen Osterprozessionen zumeist auf Sorbisch abgehalten werden, wird von Kreuzreitern der Wittichenauer Gemeinde in einem Teil der Prozession deutsch und im anderen Teil sorbisch gesungen und gebetet. In einem Bericht von 1927 heißt es zur Geschichte des Osterreitens: „Bis zum Jahr 1540 zogen die Wittichenauer Kreuzreiter über Keula, Dörgenhausen und Klein-Neida nach Hoyerswerda zum Gottesdienst, die Hoyerswerdaer aber über Groß-Neida, Keula nach Wittichenau. Die Reformation errichtete zwischen diesem nachbarlichen Austausch der religiösen Empfindungen eine Scheidelinie. Seit 1541 begibt sich die Wittichenauer Prozession nach Ralbitz, die Ralbitzer kommen nach Wittichenau.“

Nachdem die Ralbitzer Reiter an diesem Ostersonntag in Wittichenau eingetroffen sind, können sie zum ersten Mal seit dem frühen Morgen vom Pferd steigen und werden von Gastfamilien mit deftigem Essen und einem erfrischenden Bier bewirtet. Gleichzeitig gönnen sich auch die Wittichenauer in Ralbitz eine Verschnaufpause. Am Ende des Tages wird jeder Reiter mit seinem Pferd rund 40 Kilometer zurückgelegt haben. Für manche eine besondere Herausforderung, da sie nur an diesem einen Tag hoch zu Ross sitzen. Viele Pferde sind ausgeliehen, mitunter kommen sie sogar aus anderen Bundesländern.

Am frühen Nachmittag gehen in Wittichenau die ersten Nachrichten von Unfällen herum. Auch das passiert immer wieder einmal. Ein 48-jähriger Reiter wurde verletzt, als das vor ihm laufende Pferd nach hinten ausschlug und den Mann traf. Er musste mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht werden. Darüber berichteten später auch die lokalen Medien. Aber es soll noch einen anderen Zwischenfall gegeben haben: Beim Absteigen vom Pferd sei ein 15-jähriger Junge mit grünem Myrtenkranz – dem Zeichen für die erstmalige Teilnahme am Osterreiten – beim Absteigen vom Pferd gefallen. Danach soll auch ihn ein Huf getroffen haben.

In beiden Fällen lief es relativ glimpflich ab. Zu schwereren Unfällen kommt es selten, was einen fast schon verwundern muss, wenn man die manchmal scheuenden Pferde mit ihren nicht selten eher unsicheren Reitern in den Straßen, die nach jedem Durchritt von den Anwohnern sorgsam vom Pferdedung befreit werden, sieht. Als die Wittichenauer Reiter dann am Abend wieder in ihrem Heimatort eintreffen und sich zum Abschlussgebet auf dem Marktplatz versammeln, dürfte so mancher nicht nur erschöpft, sondern auch erleichtert vom Pferd steigen. Die Strapazen werden sie jedoch auch im nächsten Jahr nicht davon abhalten, wieder an der Osterprozession teilzunehmen, denn auch in Wittichenau gilt es, diese jahrhundertealte Tradition weiter aufrechtzuerhalten.

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