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Gastbeitrag

Theodor Fontane als Apothekergehilfe in Dresden

Montag, 25 März 2019 23:00
Theodor Fontane als Journalist - in einem neuen Buch von Klaus-Werner Haupt Theodor Fontane als Journalist - in einem neuen Buch von Klaus-Werner Haupt Quelle: Bertuch Verlag

Von Juli 1842 bis April 1843 wirkt der 23-jährige Theodor Fontane in der am Dresdner Neumarkt 8 befindlichen Salomonis-Apotheke. Während deren Inhaber Gustav Adolph Struve in der Seevorstadt künstliches Mineralwasser produziert, stellt sein Gehilfe „in aufopfernder Tätigkeit“ Medikamente her. Durch seinen Freund, den Schriftsteller Karl Wilhelm Wolfsohn, erfährt Fontane aus erster Hand von den „literarischen Nachbarn“, die nebenan im Hôtel de Saxe logieren:

„Als Licht erster Größe macht sich der Fürst Pückler bemerklich, der hier in Sehnsucht seines Schnelläufer‘s Mensen Ernst harrt, der im Auftrage seines Herrn die Quellen des Nil entdecken und eine Wasserprobe mitbringen soll, damit die Tutti frutti´s des Verstorbenen einmal mit einer neuen Sorte Wasser aufwarten können. Durch die Abwesenheit seines Lieblings [Machbuba] ist die Menagerie fremdländischer Geschöpfe um ein wesentliches Mitglied vermindert worden; er begnügt sich jetzt mit einem Mohren, und einem Russen, da der Pair von England der eine Etage höher wohnt, die Galerie von Merkwürdigkeiten – trotz der vortheilhaftesten Anerbietungen – nicht vermehren will. Die Lanze, die der edle Fürst verabsäumt hat gegen H. [Georg Herwegh] einzulegen, wird wieder fleißig in das Schwarze Meer getaucht; kein Wunder, wenn wir nächstens einiger eklatanter Anschwärzungen gewahr werden.“

Verständlicherweise meidet der Apothekergehilfe das Nobelhotel in seiner Nachbarschaft. Nach Dienst verfasst er Korrespondenzen für die Leipziger Zeitschrift „Die Eisenbahn“ oder besucht Vorstellungen des Hoftheaters. Die Suche nach der Unbekannten, der „Namenlosen“, nach der sein Herz in unglücklicher Liebe schmachtet, führt den jungen Mann gelegentlich in die Kleine Fischergasse (heutige Brühlsche Gasse). Dort soll er mit Augusta Freygang angebändelt haben, einer sieben Jahre älteren Schankwirtstochter.

Der Apotheker Richard Kersting, einst selbst Lehrling bei Fontanes Dienstherrn Dr. Struve, schreibt am 8. März 1843 an seinen Bruder Ernst:

„Fontane ist ein prächtiger Kerl, der mit seinem scharfen Verstand, hellem Geist und glühender Phantasie weit über mir steht, er liebt auch das Schöne und strebt nach dem Guten, aber sonst ein kurioser Kauz. Um Wissenschaft kümmert er sich gar nicht, Charakter habe ich noch nicht viel bemerkt. […] Eitelkeit ist seine Hauptschwäche“.

Hermann Karl Kersting, dritter Sohn des Malers Georg Friedrich Kersting (1785-1847), fertigt eine Kreidezeichnung Fontanes, die der Porträtierte mit einer Widmung für Freund Wolfsohn versieht. Als jener zu Studienzwecken nach Odessa übersiedelt, verläßt Fontane Dresden, um seine Ausbildung in Berlin fortzusetzen.

Am 1. März 1849 – seit einigen Monaten führt Fontane die Apotheke im Krankenhaus Bethanien, Berlin-Kreuzberg – trifft ungewöhnliche Post aus Dresden ein: ein Aktenstück nebst Zahlungsaufforderung. „Denke dir“, erfährt der mit Fontane befreundete Leutnant Bernhard von Lepel, „Enthüllungen No II; zum zweiten Male unglückseliger Vater eines illegitimen Sprößlings. […] Kann ich Dukaten aus der Erde stampfen? Meine Kinder fressen mir die Haare vom Kopf, eh die Welt weiß, daß ich überhaupt welche habe.“ Fontane erkennt die Vaterschaft an und spottet über seine „unglaubliche Leistungsfähigkeit, da wo sie füglicherweise zu entbehren wäre.“ Seinen Kummer aber ertränkt er mit dem letzten gepumpten Groschen in Fein-Bitter, während seine Verlobte Emilie Rouanet-Kummer weiterhin auf die versprochene Hochzeit warten muß.

Als im September 1849 der Vertrag mit Bethanien ausläuft, beschließt Fontane, die Apothekerwaage mit der Schreibfeder zu vertauschen. Künftig vom Dichten leben zu wollen, erscheint ihm „so ziemlich das Tollste, was es gibt“. Wolfsohn hilft und vermittelt eine Korrespondenz für die radikal-demokratische „Dresdner Zeitung“. Am 18. Dezember 1849 besucht Fontane seinen Förderer in Dresden, wo sich beide – trotz „schlechter Kassenbestände“ – von Adolph Diedrich Kindermann in Öl malen lassen. Nachdem er vermutlich auch Augusta Freygang wiedergesehen hat, eilt Fontane weiter in schlesische Liegnitz, wo schon Emilie Rouanet-Kummer seiner harrte!

Dresden ist dem Schriftsteller immer wieder einen Besuch wert. Die Kunststadt und ihre malerische Umgebung, die „Manierlichkeit“ ihrer Bewohner, aber auch die sächsische Küche, haben in den späteren Werken Fontanes ihren Platz gefunden. Wer mehr über dessen Tätigkeit gerade als Journalist erfahren möchte, dem sei die Studie „LONDON KOMMT! Pückler und Fontane in England“ empfohlen.


Unser Gastautor Klaus-Werner Haupt wurde 1951 in Sachsen-Anhalt geboren und lebt seit 1973 in Brandenburg. Als Gymnasiallehrer war er mit seinen Schülern in Weimar auf den Spuren der Klassiker unterwegs. Der Pensionär ist Autor mehrerer Bücher zur Kulturgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts. Sein neuer Titel „LONDON KOMMT! Pückler und Fontane in England“ ist eben im Bertuch Verlag Weimar erschienen (140 Seiten, ISBN 978-3-86397-109-0, Preis 19 Euro).

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