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Kulturelle Differenzen im muslimischen Fastenmonat

Ramadan in Sachsen: „Bekleidungsanweisungen“ in Bautzen und Ausschreitungen in Dresden

Donnerstag, 08 Juni 2017 20:18
Ramadan in Kairo Ramadan in Kairo Quelle: wikimedia.org | Zied Nsir | CC BY-SA 3.0

Bautzen/Dresden – In Sachsen sorgt derzeit eine „Bekleidungsanweisung“ für den Besuch einer Schülergruppe in einem Asylbewerberheim für Aufregung unter den Eltern und in den sozialen Netzwerken. Das Bautzener Schiller-Gymnasium hat einen Projekttag zum Thema „Asyl und Geflüchtete“ anberaumt, in dessen Rahmen eine neunte Klasse der Schule den Besuch einer Flüchtlingsunterkunft zu absolvieren hat. Zuvor soll eine Diskussionsrunde stattfinden, zu der neben einem Sozialarbeiter, der Asylbewerber betreut, auch ein Vertreter des Bündnisses „Bautzen bleibt bunt“ geladen ist.

Die Organisation des Besuchstages liegt in der Hand von Schülern des Schiller-Gymnasiums, die ihre Mitschüler nun in einem Schreiben darauf hinwiesen, dass man sich derzeit im muslimischen Fastenmonat Ramadan befände, in dem „die Männer keine nackte Haut von Mädchen und Frauen sehen dürfen“. Wohlgemerkt: Es geht um den Besuch einer neunten Klasse, also um Schülerinnen und Schüler im Alter von 14 bis 15 Jahren.

Aus Respekt vor dem Glauben der Asylbewerber bittet die Schülergruppe ihre Mitschülerinnen darum, während des Besuchs des Asylheims ein schulterbedeckendes T-Shirt ohne großen Ausschnitt und lange Hosen oder einen langen Rock zu tragen. Wer sich an diese „Bekleidungsanweisung“ nicht halte, habe mit Konsequenzen zu rechnen beziehungsweise müsse akzeptieren, von den Organisatoren „angemessen“ eingekleidet zu werden. „Schülerinnen, die das nicht tun, werden von der Veranstaltung ausgeschlossen oder bekommen von uns Tücher und T-Shirts“, heißt es dazu in dem Schreiben.

Manche Eltern, aber auch viele Nutzer in den sozialen Medien, wo das Schreiben der Schülergruppe derzeit kursiert, sind nicht einverstanden damit, dass sich einheimische Jugendlichen den Gepflogenheiten von Migranten unterwerfen sollen. Nicht zu Unrecht weisen manche Kommentatoren darauf hin, dass die muslimischen Männer in diesen Tagen außerhalb ihrer Unterkunft ständig mit „nackter Haut“, also kurzen Röcken und ärmellosen Oberteilen, konfrontiert würden.

Für die Sozialarbeiterin Sophia Delan von der Gruppe „Pro Chance“, die den Asyl-Workshop in Kooperation mit dem Bündnis „Bautzen ist bunt“ leitet, ist dies jedoch offenbar kein überzeugendes Argument. Man wolle Respekt vor der Religion der Migranten zeigen. „Es geht nur um die Zeit, in der wir bei den Flüchtlingen in ihrer Unterkunft zu Gast sind. Da Ramadan ist, wollen wir ihrem Glauben ein Stück weit Respekt entgegenbringen“, wird die Sozialarbeiterin in Medienberichten zitiert. Die Teilnahme an dem Asylantenheim-Besuch sei freiwillig. Wer sich daran nicht beteiligen wolle, bekomme ein Alternativprogramm geboten.

Welche Folgen kulturelle Differenzen zwischen Einheimischen und muslimischen Migranten während des Fastenmonats haben können, zeigt ein Vorfall, der sich jüngst in einer Asylbewerberunterkunft an der Strehlener Straße in Dresden ereignete. Dort kam es am Abend des Pfingstsonntags nach 21 Uhr zu schweren Ausschreitungen gegen Security-Mitarbeiter, die Bewohner darauf hinwiesen, dass die Verwendung von Kochgeräten in den Zimmern nicht gestattet sei.

Daraufhin wurde das Sicherheitspersonal von den aufgebrachten Asylbewerbern (sieben Marokkaner und zwei Tunesier) mit Glasflaschen und anderen Gegenständen beworfen. Sechs Security-Leute wurden dabei verletzt, die Unterkunft wurde nach Medienberichten anschließend bis zur Unbewohnbarkeit zerstört. Sachschaden: Rund 3.000 Euro.

Die Dresdner Polizei rückte mit 14 Streifenwagen und 28 Beamten in der Strehlener Straße an und ermittelt nun wegen gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung. Der 43-jährige Haupttäter wurde in Gewahrsam genommen, die übrigen Beteiligten auf andere Asylantenheime in der Stadt verteilt.

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