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„Nordkorea wandelt sich“

Ostasienexperte Prof. Rüdiger Frank zu Gast in Dresden

Donnerstag, 02 April 2015 19:00
Prof. Rüdiger Frank bei seinem Vortrag in Dresden Prof. Rüdiger Frank bei seinem Vortrag in Dresden Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Dresden - Der 1969 in Leipzig geborene Ökonom und Professor für Wirtschaft und Gesellschaft Ostasiens an der Universität Wien, Rüdiger Frank, gilt als einer der führenden Korea-Experten im deutschsprachigen Raum. Aufgewachsen in der DDR und zeitweise auch in der Sowjetunion, verbrachte Frank Anfang der neunziger Jahre ein Semester als Sprachstudent an der Kim-Il-sung-Universität in Pjöngjang, studierte danach Koreanistik, Volkswirtschaft und Internationale Beziehungen in Berlin, promovierte in Duisburg und habilitierte schließlich in Wien.

Heute ist der Ostasienwissenschaftler nicht nur gefragter Gesprächspartner der Medien, wenn es um Nord- und Südkorea geht, sondern berät auch Wirtschaft und Politik. Pro Jahr bereist er Nordkorea ein- bis zweimal und gehört zu den wenigen westlichen Repräsentanten, die einen kritischen Dialog mit den Machthabern in Pjöngjang führen. Seine Kritik brachte ihm zwar schon zweimal ein Einreiseverbot ein, doch grundsätzlich schätzen ihn die Offiziellen in Nordkorea als fairen und unvoreingenommenen Fachmann.

In September letzten Jahres veröffentlichte Frank mit „Nordkorea. Innenansichten eines totalen Staates“ (DVA, 432 Seiten, € 19,99) ein lesenswertes Buch, das nicht nur einen Abriss über die Geschichte des Landes und des staatlichen Machtsystems bietet, sondern auch höchst interessante Einblicke ins alltägliche Leben der Bevölkerung und die Wirtschaftsstrukturen, die sich in den vergangenen Jahren – so gut wie unbemerkt oder unbeachtet vom Westen – doch sehr stark gewandelt haben.

Herausbildung einer Mittelschicht

Im Rahmen einer Vortragsreise durch Sachsen gastierte der renommierte Nordkorea-Experte kürzlich auch in Dresden, wo der örtliche Kreisverband der AfD in Kooperation mit der Agentur Wortreich zu einer Buchvorstellung eingeladen hatten. Bedauerlich war allerdings nicht nur, dass gerade einmal 16 Gäste den Weg zu dieser Veranstaltung mit einem echten Hochkaräter fanden, sondern auch, dass die bereitgestellte Technik am Anfang streikte und den Vortrag, der, wie Frank verständlicherweise etwas verstimmt anmerkte, „von den Bildern lebt“, fast platzen ließ. Durch ein paar Handgriffe konnten die Probleme zwar doch noch notdürftig behoben werden, nichtsdestotrotz war dies natürlich ein denkbar schlechter Start eines – wie sich dann herausstellen sollte – überaus erkenntnisreichen Abends.

Gleich zu Beginn seines etwa eineinviertelstündigen Vortrags erläuterte Frank, warum er überhaupt ein Nordkorea-Buch geschrieben hat: Die Qualität der Informationen im Westen über das Land seien oftmals mangelhaft und – wie einst hinsichtlich der DDR – stark von Stereotypen geprägt. „Es sind nicht alle Zinnsoldaten, es sind nicht alle Folterknechte und es sind nicht alle Menschen, die nur auf die Befreiung durch die Amerikaner warten“, so der Wissenschaftler. Weit davon entfernt, das Regime in Pjöngjang zu beschönigen, sei es doch sein Anliegen, so Frank, das Bild von Nordkorea zu ergänzen und dort, wo es sein muss, Korrekturen anzubringen.

Bei aller Kritik am politischen System Nordkoreas und den Menschenrechtsverletzungen des Regimes müsse man anerkennen, dass es auch dort nicht unerhebliche Veränderungen gegeben habe. Trotz der andauernden ideologischen Gleichschaltung der Gesellschaft habe sich diese in den letzten 15 Jahren wirtschaftlich und sozial ausdifferenziert. Während früher fast ausnahmslos Armut herrschte, habe sich mittlerweile eine – weiterhin wachsende – Mittelschicht herausgebildet, die etwa zwei der 24 Millionen in Nordkorea lebenden Menschen umfasse. Gab es früher drei Währungen (für Einheimische, für Gäste aus dem sozialistischen und für Gäste aus dem kapitalistischen Ausland), besteht mit dem Won jetzt nur noch eine. Außerdem konnte das Land trotz Sanktionen seinen Außenhandel verdreifachen und hat rund 20 Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, die bekanntesten in Kaesŏng im Süden an der Grenze zu Südkorea und Rasŏn im Nordosten an der Grenze zu China.

Privatwirtschaft wächst

Selbst hinsichtlich der alle Lebensbereiche durchdringenden Chuch’e-Ideologie und der staatlichen Propaganda stellt Frank leichte Veränderungen fest. In seinem Buch schreibt er zwar: „Vielerorts hängen Lautsprecher, aus denen Propaganda erklingt. Man findet sie in der U-Bahn, an den Arbeitsstellen und selbst in Wohnhäusern. Morgens fahren Lautsprecherwagen durch die Straßen und verbreiten die neuesten Parolen.“ Allerdings sei man unter Kim Jong-un vielfach dazu übergegangen, die Losungen weniger aufdringlich zu präsentieren und ideologisch pragmatischer zu agieren, bemerkte er in Dresden.

Dies schlage sich insbesondere im wirtschaftlichen Bereich nieder: Viele Angehörige der neuen nordkoreanischen Mittelschicht fahren SUVs aus chinesischer Produktion oder nutzen Smartphones und Tablets, die im Nachbarland hergestellt wurden. Bezahlt wird oft mit einer der mittlerweile vier unterschiedlichen Geldkarten, die allerdings nur über eine Chip-Aufladefunktion verfügen. Es gibt drei Mobilfunknetze, die von einem ägyptischen Anbieter betrieben werden, außerdem moderne Verkehrsmittel aus eigener Produktion, und in Gestalt von Pyeonghwa („Peace Motors“) existiert sogar ein Joint-Venture mit einem südkoreanischen Autobauer, der sich im Besitz der sogenannten „Vereinigungskirche“, besser als Moon-Sekte bekannt, befindet.

Das Interesse am Handel nehme kontinuierlich zu, die in westlichen Medien oft als „Schwarzmärkte“ bezeichneten Märkte seien in Wirklichkeit staatlich legitimierte Orte des privaten Warenverkaufs. Es bestehe auch – anders als früher in der DDR – kein Problem mit dem Zugang zu Waren mehr, nur seien Bananen oder Südfrüchte eben für die Normalbevölkerung unerschwinglich. Frank verdeutlichte den Wandel des Wirtschaftslebens immer wieder durch selbstgeschossene Fotos, unter anderem von Vergnügungsparks mit Hamburger-Buden, Spielhallen, Souvenirläden, Bowlingcentern, moderne Schwimmbädern oder Restaurants mit üppigem Angebot. Daneben gibt es natürlich auch weiterhin bittere Armut, doch von Hungersnöten wie noch vor einigen Jahren könne heute keine Rede mehr sein.

„Die Wiedervereinigung kommt“

In letzter Zeit sei ein zunehmender Trend zum Individualismus zu erkennen, was auch an der Mode und den Frisuren der Frauen deutlich werde. „Ich glaube, das komplette Wertesystem verändert sich gerade“, so Frank. Für ihn sind das alles spektakuläre Entwicklungen. „Als ich dort Anfang der Neunziger als Student war, gab es das alles noch gar nicht.“ Als großen Lehrmeister („Trainer“) der nordkoreanischen Regierung identifizierte Frank in seinem Vortrag China. Zwischen den beiden „Bruderstaaten“ gibt es mittlerweile vielfältige Handels- und Wirtschaftsbeziehungen. Mehrere Hunderttausend chinesische Touristen kommen jährlich nach Nordkorea, es gibt zahlreiche Unternehmenskooperationen, und Peking habe zudem das gewaltige Potenzial bei Infrastrukturprojekten aller Art erkannt. Mit dem „Modell Kaesŏng“ habe man sich dem verfeindeten Südkorea zudem erstaunlich angenähert.

Am Ende seines Vortrags gab Frank einen Ausblick. Dabei wagte er die für viele Ohren erstaunlich klingende Prognose, dass Nordkorea mittelfristig sogar „das Zeug zum nächsten asiatischen Tiger“ hat, nicht zuletzt auch wegen seiner Bodenschätze wie Gold, Eisenerz und Seltene Erden. Es bleibe noch viel zu tun, und es sei noch nicht gesagt, dass die unter Kim Jong-un vorsichtig begonnene Reformpolitik kontinuierlich fortgeführt werde. Abschließend erklärte der renommierte Experte sogar voller Überzeugung: „Ich glaube fest daran, dass die Vereinigung Koreas kommen wird.“ Das auf beiden Seiten vorhandene Nationalbewusstsein begünstige diese mögliche Entwicklung. „Der koreanische Nationalismus wäre eine Basis für einen vereinigten Staat“, so Frank, der dies als einen grundlegenden Unterschied zur damaligen Situation herausstellte. Insofern könnte die koreanische Wiedervereinigung dereinst sogar reibungsloser vonstattengehen als seinerzeit die deutsche.

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