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Sonderabteilung des Ordnungsamtes

Historisch unsensibel? In Dresden ist eine „Einsatzgruppe“ unterwegs

Mittwoch, 19 August 2015 17:11
Dirk Hilbert Dirk Hilbert Quelle: hilbert-fuer-dresden.de

Dresden – Heutzutage legt man großen Wert auf Sensibilität im Sprachgebrauch. Bestes Beispiel sind die Neufassungen von Kinderbüchern. In der aktuellen Auflage von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“ ist aus dem „Negerkönig“ ein „Südseekönig“ geworden, und auch in Otfried Preußlers „Kleiner Hexe“ gibt es kein „Negerlein“ mehr, sondern einen „Messerwerfer“.

Was im Falle von Volksgruppen, die sich durch bestimmte Ausdrücke herabgewürdigt fühlen, noch gerechtfertigt sein mag, gerät dann zur Farce, wenn Bibeln oder Schulbücher „gendergerecht“ umgeschrieben werden. Hier treten oftmals ein Eifer und eine Engstirnigkeit zutage, die einen erschaudern lassen. Als absolutes „No Go“ im Sprachgebrach gelten – was aufgrund unserer Vergangenheit nicht weiter verwunderlich ist – Ausdrücke, die dem Nationalsozialismus entlehnt sind oder während der NS-Zeit zu Propagandazwecken häufig genutzt wurden. Hier ist eine Grenze erreicht, die auf keinen Fall überschritten werden darf.

In Dresden sieht man das offenbar anders, denn dort ist auf den Straßen eine „Einsatzgruppe“ unterwegs, genauer gesagt eine „Besondere Einsatzgruppe“, kurz BEG. Dabei handelt es sich um eine Abteilung des Ordnungsamtes, die bereits im Jahr 2000 gegründet wurde und laut Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) „polizeiliche Vollzugsaufgaben“ wahrnimmt, beispielsweise „den Vollzug des Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung vor gefährlichen Hunden“, „die Durchsetzung der Polizeiverordnung der LH Dresden zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung“, „die Unterbindung aggressiven Bettelns“, das „Vorgehen gegen Vandalismuserscheinungen und Rowdytum“ oder „den Schutz öffentlicher Grün- und Erholungsanlagen vor Beschädigung/missbräuchlicher Nutzung“. Die BEG übernimmt also Hilfsaufgaben für die reguläre Polizei.

Das klingt zunächst einmal gut, und sicherlich erledigen die Leute von der BEG einen wichtigen Job, den man als Bürger nicht hoch genug schätzen kann, aber ob „Einsatzgruppe“ wirklich eine vernünftige Bezeichnung für diese ehrenwerten Männer und Frauen vom Ordnungsamt ist, muss doch stark angezweifelt werden. Unter der Bezeichnung „Einsatzgruppe“ sind in Deutschland schließlich vor allem jene Sondereinheiten der Sicherheitspolizei und des SD bekannt, die im Zweiten Weltkrieg hinter den Linien der vorrückenden Wehrmacht grauenhafte Verbrechen unter der Zivilbevölkerung, vor allem an Juden, anrichteten. Laut Heinz Höhnes „Der Orden unter dem Totenkopf“ sollen die Einsatzgruppen von 1941 bis 1943 in der Sowjetunion mindestens 600.000, nach anderen Schätzungen sogar bis zu 1,5 Millionen Menschen ermordet haben.

In den letzten 15 Jahren hat offenbar kein einziger Dresdner Politiker daran Anstoß genommen, dass eine Einheit namens „Einsatzgruppe“ durch in der Stadt patrouilliert. Das ist umso verwunderlicher, da es in den vergangenen Jahren einige Auseinandersetzungen um Straßennamen oder ganz besonders um die Gedenkkultur gab, die insbesondere von den linken Parteien als zu einseitig wahrgenommen wurde. Während man sich also munter darüber stritt, ob das Gedenken an die Bombenopfer von Dresden angemessen ist, da sich unter den Toten auch NS-Täter befanden, sorgte die ganze Zeit über eine Truppe in der Stadt für Ordnung, deren Bezeichnung an frühere Einheiten von SS-Schergen erinnert.

Jetzt könnte man natürlich sagen: Da hat jemand wieder ein Haar in der Suppe gefunden. Nur wer böswillig ist, kommt auf solche Assoziationen. Mag sein. Aber in anderen Fällen ist man schließlich auch nicht so nachsichtig und macht eine Riesenwelle, wenn irgendetwas im Sprachgebrauch auch nur annähernd nach Hitler riecht, selbst wenn es einen ganz anderen Ursprung hat. Insofern ist nicht einzusehen, warum man ausgerechnet im Falle der „Einsatzgruppe“ mit zweierlei Maß messen sollte.

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