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Vorerst keine Asylbewerber in der Königstraße

Entsteht in Lommatzsch ein neuer „Treffpunkt für Rechtsradikale“?

Dienstag, 14 Juli 2015 16:48
Lommatzsch Lommatzsch Quelle: de.wikipedia.org | Bild: Hagar66 | CC 0

Lommatzsch – In Lommatzsch im Landkreis Meißen sollten in dieser Woche eigentlich sieben Asylbewerber frisch renovierte, teilmöblierte Wohnungen in einem Haus an der Königstraße beziehen. Daraus wird allerdings erst einmal nichts, denn das Gebäude befindet sich offenbar im Besitz einer Person, die dem sogenannten Eigentümerbund Ost (EBO) nahesteht. Und diese Organisation kümmert sich nicht um die Belange von Bürgerkriegsflüchtlingen und Asylanten, sondern um mögliche Rechtsansprüche von deutschen Heimatvertriebenen und ihren Hinterbliebenen.

In einer Selbstdarstellung beschreibt sich der EBO als „Interessenvertretung ostdeutscher Grundeigentümer und Erben, deren Besitz nach dem Zweiten Weltkrieg konfisziert wurde“. Tätigkeitsfelder des eingetragenen Vereins sollen neben Brauchtumspflege und Seminarveranstaltungen auch die Beratung in Eigentumsfragen und die juristische Durchsetzung von Eigentumsansprüchen in den früheren deutschen Ostgebieten sein. Vorsitzender („Präsident“) des EBO ist Lars Seidensticker – ein Mann mit schillernder rechter Vita.

Das frühere DVU-Mitglied amtiert schon seit geraumer Zeit als Generalsekretär der als rechtspopulistisch geltenden Bürgerbewegung pro Deutschland, die von dem Verleger Manfred Rouhs geleitet wird. Die 2005 in Köln gegründete Kleingruppierung agiert vor allem in Berlin, wo sie bei der letzten Abgeordnetenhauswahl 2011 mit 1,2 Prozent nur ein recht bescheidenes Ergebnis erzielte. Ins Gespräch kam die Truppe vor allem mit einer Reihe von islamkritischen Auftritten, bei denen auch umstrittene Mohammed-Karikaturen gezeigt wurden. Auch Seidensticker war an diesen Kundgebungen beteiligt. Einen äußerst skurrilen Auftritt legte Seidensticker im März 2014 hin, als er bei der Sitzung des Wahlausschusses des Landkreises Meißen einen toten Fisch auf den Tisch knallte. Pro Deutschland trat damals zur Kreistagswahl an und erreichte am Ende 1,1 Prozent.

Mittlerweile hat der 1973 geborene Brauer und Mälzer offenbar mit seinen Gesinnungsfreunden gebrochen. „Ich habe mit Nazis nichts am Hut, habe mit denen nichts zu tun, bin kein Rassist“, so Seidensticker gegenüber der „Sächsischen Zeitung“. Er wohne nicht mehr in Berlin und möchte auch nicht mehr mit Pro Deutschland in Verbindung gebracht werden. Auf der Internetseite der „Bürgerbewegung“ ist er allerdings immer noch als Vorstandsmitglied und Generalsekretär ausgewiesen.

Nach Informationen der „Sächsischen Zeitung“ sind allerdings weder Lars Seidensticker noch der EBO als Eigentümer des Hauses an der Königstraße in Lommatzsch eingetragen, sondern eine 74-jährige ortsansässige Bürgerin. Der Kaufvertrag wurde seinerzeit vom Landratsamt mit einem Oliver Seidensticker abgeschlossen, vermutlich ein Verwandter von Lars Seidensticker, der nach SZ-Recherchen dem Vorstand des Eigentümerbundes Ost angehören soll. Der EBO wiederum ist in einer Auflassungsvormerkung des Grundbuches seit dem 15. April dieses Jahres als Kaufinteressent eingetragen. Nun befürchten manche, dass das ursprünglich für die Unterbringung von Asylbewerbern vorgesehene Haus zu einem „Treffpunkt für Rechtsradikale“ werden könnte.

„Das Ordnungsamt prüft den Stand der Fertigstellung und die bisherigen Investitionen. Fest steht, dass in den nächsten Wochen keine Asylbewerber dort einziehen werden. Stellt sich heraus, dass Oliver Seidensticker nicht der Eigentümer des Hauses ist, ist der Vertrag nichtig“, so Landratsamtssprecherin Kerstin Thöns. Ob das Landratsamt Meißen einen Mietvertrag mit dem EBO zwecks Asylantenunterbringung abschließen werde, falls dieser demnächst als Besitzer der Immobilie eingetragen sei, ließ sie offen. Thöns gegenüber der SZ: „Wir machen bei Mietverträgen keine Gesinnungsprüfung.“ Der Landkreis ist bei der Auswahl von Unterbringungsmöglichkeiten für Asylbewerber offenbar nicht sonderlich wählerisch. Kein Wunder, sind doch die Kapazitäten schon jetzt vollends ausgelastet. Allein in Lommatzsch werden derzeit Plätze für 51 Flüchtlinge gesucht.

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