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Aus der Landeshauptstadt

Die Schuld und das Leid – am 13. Februar in Dresden

Sonntag, 10 Februar 2019 21:33
Denkmal für Dresdner Bombenopfer auf dem Nordfriedhof Denkmal für Dresdner Bombenopfer auf dem Nordfriedhof Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Am 13. Februar 2019 jährt sich die Zerstörung der sächsischen Landeshauptstadt durch alliierte Bomberverbände zum 74. Mal. Bis heute bleibt der Tag europaweit düsteres Sinnbild jener Katastrophe, bei der Zehntausende starben, unersetzliche Kunstschätze und mehr als 12 000 Gebäude in Trümmer sanken. Wie in den Jahren zuvor, werben aus diesem Anlaß zahlreiche Veranstaltungen verschiedenen Charakters um die Teilnahme der Dresdner Bürgerschaft.

Zum GEDENKEN DER LANDESHAUPTSTADT lädt Oberbürgermeister Hilbert „gemeinsam mit den Fraktionen des Stadtrates, Vertreterinnen und Vertretern von Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur, Kunst, Sport, Gewerkschaften, Kirchen, der Jüdischen Gemeinde und anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren alle Menschen in Dresden zum gemeinsamen kraftvollen Handeln am 13. Februar 2019“ ein. (http://13februar.dresden.de/de/aufruf.php)

„Kraftvolles Handeln“ klingt nicht nach einer Trauergesellschaft und gewiß geht es hier auch um Geschichtspolitik, wenn das offizielle Dresden „an die Opfer der Zerstörung unserer Stadt ebenso wie an die Verbrechen von Nationalsozialismus und Krieg“ erinnern will. „Viele Veranstaltungen und Aktionen“ seien geplant, Höhepunkt ist die traditionelle Menschenkette, wobei mehr als 10 000 Teilnehmer symbolisch die Innenstadt umschließen.

Unter dem Motto „Erinnern, Versöhnen, Zukunft gestalten“ möchte die Dresdner Frauenkirche eine Woche lang „Ort vielfältigen Nachdenkens“ sein. Die Zerstörung der Stadt sei thematischer Ausgangspunkt, einbezogen werden die Partnerstädte Coventry und Breslau. Am Vorabend des 13. Februar stehen Zeitzeugenerinnerungen im Mittelpunkt der Andacht. Anderntags entspricht das stille Gedenken vor dem Kirchenbau einer jahrzehntealten Tradition. Parallel beginnt ein organisierter „Dresdner Gedenkweg“, um „an die Schuld und das Leid der Deutschen im Zweiten Weltkrieg erinnern“. (https://www.frauenkirche-dresden.de/gedenken-2019)

Um Schuld und Leid geht es auch auf dem Heidefriedhof, der eigentlich letzten Heimstatt der Bombenopfer. Dort hat der Verein Denk Mal Fort! e. V. die Regie übernommen. Bis 2014 gab es auf dem Gelände, wo mehr als 11 500 Luftkriegstote begraben sind, alljährlich eine Gedenkveranstaltung der Stadt mit obligatorischer Kranzniederlegung. In diesem Jahr sollen die Dresdner „individuell“ der Toten „aus den eigenen Familien“ gedenken, außerdem werde, laut Einladung, darum gebeten, „nach Möglichkeit auf Kränze und Kranzgebinde zu verzichten“.

Warum? Ist ein kollektives Erinnern unerwünscht, muß das Gedenken individuellen, also privaten Charakter tragen? Doch selbst das Private wäre nicht dem Zufall überlassen. Dafür sorgen Gäste aus Coventry und Breslau, werden Schüler „Gedichte rezitieren und damit dem Wunsch nach Frieden und Völkerverständigung Ausdruck verleihen“. Wer sich seiner Gefühle nicht sicher ist, kann das Gespräch mit der gleichfalls anwesenden „Initiative Weltoffenes Dresden“ (WOD) oder den Kunstschaffenden des Staatsschauspiels Dresden suchen.

„Gemeinsam und würdevoll“ möchte auch die AfD der Dresdner Bombenopfer gedenken. Angekündigt sind Kranzniederlegungen von Landtagsfraktion und Kreisverband sowie eine Abendveranstaltung auf dem Altmarkt. Da hier zeitgleich weitere Demonstrationen zu erwarten sind, sei mit Turbulenzen zu rechnen. Im vergangenen Jahr hatte es bei der Gelegenheit Störversuche und Ausschreitungen linker Gegendemonstranten gegeben, die einen Polizeieinsatz provozierten.

„Kinder- und Hundebetreuung“ - ist den nach Dresden reisenden Aktivisten eines sich als „feministisch“ verstehenden Antifa-Bündnisses garantiert, welches unter der Parole „Naziaufmarsch? FEMINISTISCHER BLOCKieren!“ vom 08. bis 16. Februar die Elbesstadt besuchen will. Durch „(Queer-) Feministische Intervention(en)“ wollen sich die Akteure dabei „Rassismus, Antisemitismus, Faschismus und Sexismus in den Weg stellen“. (Indymedia)

Erfahrungsgemäß obliegt es den Letztgenannten, das Andenken der Dresdner Bombentoten überhaupt in Frage zu stellen, den verhaßten „Nazis“ den Opferstatus in Gänze zu bestreiten. Doch läßt sich in den vorgeblichen Spielverderbern ein substantieller Gegensatz zur etablierten Gedenkkultur erkennen? In der entscheidenden Frage gibt es keinen Unterschied:

Einig ist man sich darin, das Erinnern an deutsche Opfer ohne Zuschreibung eigener Schuld, eigenen Verschuldens, selbst nach 74 Jahren nicht zu gewähren. Einig ist man sich in dem Bestreben, auch der jungen Generation eine als „Verantwortung“ verbrämte Schuld aufzubürden. Wenn aber Gedenken konditioniert ist, bleibt den Dresdnern nicht ein elementares Menschenrecht verwehrt, sich ihrer gemordeten Angehörigen in Würde und ohne erhobenen Zeigefinger erinnern zu können?

Letzte Änderung am Montag, 11 Februar 2019 13:57
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