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Vortragsveranstaltung von Veronika Bellmann und der CDU Freiberg

Birgit Kelle warnt vor den Folgen der „Gender-Ideologie“

Freitag, 24 März 2017 04:49
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann (l.) und die Publizistin Birgit Kelle Die CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann (l.) und die Publizistin Birgit Kelle Quelle: Johann W. Petersen | SACHSEN DEPESCHE

Freiberg – Wenn die Buchautorin und Gender-Kritikerin Birgit Kelle einen öffentlichen Vortrag hält, ist Ärger meistens vorprogrammiert. Diese Erfahrung musste auch die mittelsächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann machen, die gemeinsam mit der örtlichen Union um Holger Reuter für den 16. März 2017 zu einer Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit der Publizistin in den Freiberger „Brauhof“ geladen hatte.

Verärgert darüber zeigte zunächst der sächsische Landesverband der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), einer Vereinigung, die sich als Interessenvertretung lesbischer, schwuler, bisexueller, trans- und intersexueller Menschen in der CDU versteht. Die LSU forderte Bellmann in einem offenen Brief auf, die Veranstaltung mit Birgit Kelle wieder abzusagen, da diese „eine Aktivistin“ sei, „die ganz offen Menschen verschiedener sexueller Identitäten diskriminiert und an den Pranger stellt“.

Dieser Kritik schloss sich umgehend die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) an, deren Chemnitzer Bezirksvorsitzender Axel Stumpf seiner „Bestürzung“ über die „unerträgliche Grenzüberschreitung“ Ausdruck verlieh, die die Einladung Kelles durch eine Bundestagsabgeordnete darstelle. Das Homosexuellen-Magazin „Queer“ ging noch einen Schritt weiter, indem es nicht nur der Referentin Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit unterstellte, sondern gegen auch die Veranstalterin Veronika Bellmann wetterte. Diese sei, so „Queer“, eine „homophobe CDU-Politikern“, die „selbst gegen LGBTI-Rechte hetzt“.

Veronika Bellmann (CDU) begrüßt die Gäste
Veronika Bellmann (CDU) begrüßt die Gäste

 

Die mittelsächsische CDU-Abgeordnete ließ sich dadurch nicht beirren und zog die Veranstaltung durch. Über 100 Zuhörer fanden am Donnerstag letzter Woche den Weg in den Freiberger „Brauhof“, nur die Kritiker ließen sich nicht blicken und verzichteten darauf, ihre Bedenken und Einwände in der anschließenden Diskussionsrunde vorzutragen. Vor dem Versammlungslokal fand sich lediglich eine Handvoll junger Leute ein, die den Gehsteig mit Kreide verzierten. „Make Love not War“ oder „Liebe statt Hass“ war dort in Regenbogen-Farben zu lesen.

Von „Hass“ war im „Brauhof“ allerdings nicht zu spüren. Vielmehr stellte Kelle schon zu Beginn ihres Vortrags, der sich auf ihr 2015 im Adeo-Verlag erschienenes Buch „GenderGaga – Wie eine absurde Ideologie unseren Alltag erobern will“ stützte, klar, dass sie Menschen jeglicher sexueller Orientierung respektiere. Nur erwarte sie eben auch Toleranz für ihre Positionen und ihren eigenen Lebensstil. Als verheiratete, katholische Mutter von vier Kindern, die zwölf Jahre lang Hausfrau war, werde ihr von vermeintlich progressiven Zeitgenossen oft genug suggeriert, dass sie „aus einem anderen Jahrhundert“ stamme.

Die Publizistin aus Kempen am Niederrhein, die 1975 im siebenbürgischen Heltau (Cisnădie) geboren wurde, 1984 in die Bundesrepublik übersiedelte und mit dem Journalisten Klaus Kelle verheiratet ist, zeichnete in Freiberg die Entwicklung des „Gender Mainstreamings“ nach und verdeutlichte, wie dieses Gedankengut sukzessiv Eingang in die Politik und das Alltagsleben gefunden hat. Anhand mehrerer Beispiele setzte sie sich in ihrem launigen und oft humorvollen Vortrag mit den Auswüchsen der „Gender-Ideologie“ auseinander, ohne dabei den Ernst der Lage, vor allem mit Blick auf die Folgen, vor allem für Kinder, aus den Augen zu verlieren.

So gebe es bei Facebook 60 „Geschlechter“, denen man sich bei einer Anmeldung zuordnen könne. In der Gender-Forschung habe man sogar bis zu 4.000 „Geschlechtsidentitäten“ entdeckt. Sie sprach über weibliche Ampelmännchen, Unisex-Toiletten oder die Berliner Gender-Professorin Lann Hornscheidt, die nur geschlechtsneutral mit „Profx“ angeschrieben werden möchte. Sie sprach aber auch über die Frühsexualisierung von Kindern oder die offene Dekonstruktion der klassischen Familie mit dem Ziel, selbige als Keimzelle von vermeintlicher Geschlechterungleichheit und „Heteronormativität“ zu zerstören.

Der moderne Feminismus gehe längst weit über das absolut gerechtfertigte Bestreben nach Gleichberechtigung von Mann und Frau hinaus. Die Protagonisten des „Gender Mainstreamings“ strebten eine neue Gesellschaftsordnung, ja die Schaffung eines „neuen Menschen“, an. Immer wieder zeigte Kelle Toleranz für die Positionen der Gender-Befürworter, machte aber auch den semantischen Unterschied zwischen Toleranz und Akzeptanz deutlich. Sie toleriere die Ansichten der Gender-Verfechter, sei aber nicht bereit, sie zu akzeptieren, also selbst anzunehmen. „Gender Mainstreaming“ sei allerdings keine demokratische Veranstaltung, sondern ein klassischer Fall von einer „Top-Down-Bewegung“, in der sich die Entscheidungsfindung nicht von unten nach oben vollziehe, sondern von oben oktroyiert werden solle. Abweichende Meinungen würden stigmatisiert und diffamiert, beklagte die streitbare Buchautorin.

Birgit Kelle bei ihrem Vortrag
Birgit Kelle bei ihrem Vortrag

 

Für viele Maßnahmen, die unter dem Schlagwort „Gender Mainstreaming“ durchgesetzt würden, fehle es an jeglicher gesetzlicher Grundlage, etwa wenn es um eine Herabsetzung von Noten oder eine Zurückweisung von Seminararbeiten gehe, die nicht in „geschlechtergerechter Sprache“ verfasst wurden. Es sei jedem selbst überlassen, ob er in seinem internen Schriftverkehr „Gender-Gap“ (Unterstrich) oder „Gender-Star“ (Sternchen) verwenden möchte, es gebe aber keine Grundlage dafür, dass diese Form zur Allgemeingültigkeit erhoben werden könne. Auch in anderen Bereichen setzten „Gender-Ideologen“ darauf, für ihre Maßnahmen keinen Widerspruch zu ernten.

Birgit Kelles Rat: Man müsse daran arbeiten, die Schweigespirale zu durchbrechen, indem man sich zusammenschließe – etwa Eltern gegen Lehrpläne mit „Gender Mainstreaming“ und Frühsexualisierung oder Studenten gegen Professoren, die auf einer nicht dudengerechten Schreibweise  beharren – und sich dabei immer wieder vergegenwärtigen, dass hier eine Minderheit den Ton angebe, während die Mehrheit schweige. Wenn niemand widerspreche, fühlten sich die Gender-Ideologen im Recht. Man müsse nur den ersten Schritt machen. „Wenn Sie es wagen, zu widersprechen, dann werden Sie erleben, dass sich andere anschließen“, so Kelle ans Publikum gerichtet. „Ich erlebe das ständig.“

Es gehe aber nicht nur um Kleinigkeiten, warnte Kelle. Ziel der „Gender-Ideologen“ sei erklärtermaßen die Aufhebung der Normalität und die Verunsicherung der Menschen in ihrer Identität. Am Ende eines solchen Prozesses stehe „vermutlich ein totalitäres System“, wie es Aldous Huxley in „Brave New World“ beschrieben habe. „Man muss die Sache zu Ende denken, dann wird deutlich, was zu erwarten ist“, so ihr Appell. „Sie müssen deshalb alles tun, um eine öffentliche Debatte zu provozieren.

Kelles Ausführungen stießen beim Publikum größtenteils auf Zustimmung, da sich, wie gesagt, ihre Kritiker nicht in den Freiberger „Brauhof“ bemühen wollten, um Gegenstandpunkte zu vertreten und in die Debatte einzubringen. Die Veranstalterin Veronika Bellmann musste sich allerdings mitunter auch Kritik an der CDU anhören, die zumindest auf Bundesebene – hier fiel der Name von Ex-Familienministerin Ursula von der Leyen – daran mitgearbeitet habe, die „Gender-Ideologie“ zu verbreiten.

Sowohl Bellmann als auch Kelle, die ihren eigenen Worten nach auch CDU-Mitglied ist, räumten dies ein, machten aber auch deutlich, dass man nicht alle Unionspolitiker über einen Kamm scheren könne. Gerade in Sachsen sei „Gender Mainstreaming“ bei der CDU nicht sonderlich beliebt. Und in der Tat: Kelle war selbst schon einmal für die Landtagsfraktion der CDU als Sachverständige in einer Anhörung geladen. „Ohne uns wäre alles noch viel schlimmer“, warf schließlich der CDU-Landtagsabgeordnete Steve Johannes Ittershagen in die Debatte ein. Ob dies die Kritiker der Union – darunter ein ganzer Tisch mit Mitgliedern der AfD Mittelsachsen, die für die Veranstaltung geworben hatte – wirklich überzeugen konnte, sei dahingestellt.

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