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Heimspiel für den streitbaren Buchautor

Akif Pirinçci liest bei der Dresdener Burschenschaft Salamandria aus seinem Buch „Umvolkung“

Sonntag, 30 Oktober 2016 17:17
Akif Pirinçci bei seiner Lesung in Dresden Akif Pirinçci bei seiner Lesung in Dresden Quelle: Johann W. Petersen | SACHSEN DEPESCHE

Dresden – „Mit so vielen Leuten haben wir gar nicht gerechnet!“ Der Aktivensprecher der Dresdener Burschenschaft Salamandria gerät ins Schwitzen, als nach und nach immer mehr Gäste eintrudeln und weitere Stühle herangeschafft werden müssen. Doch es reicht nicht, am Ende sind es an die 70 Zuhörer, die die Buchlesung von Akif Pirinçci am Mittwoch im Verbindungshaus in Dresden-Strehlen verfolgen wollen, und einige müssen stehen.

Dafür, dass die Veranstaltungsankündigung erst kurz vorher ins Netz gestellt wurde, ist das eine beachtliche Besucherzahl. Und man bleibt unter sich. Die sonst unvermeidlichen Gegenprotestler aus dem linken Spektrum haben entweder zu spät Wind von der Sache bekommen oder konnten nicht genügend Leute mobilisieren. Das stört an diesem Abend keinen, Pirinçci am allerwenigsten.

Der hat in Dresden ein echtes Heimspiel. Noch vor wenigen Jahren hätte man sich ihn, den in Istanbul geborenen Autor von Katzenkrimis, kaum auf einem Burschenschaftshaus vorstellen können. Doch die Zeiten haben sich geändert: Pirinçci schreibt keine „Felidae“-Romane mehr, sondern politische Bücher, die sich kritisch mit der Asyl- und Zuwanderungspolitik auseinandersetzen – und die Herren mit Schmiss können wohl auch ihn, den Türkischstämmigen mit deutschem Pass, der für dieses Land mehr Zuneigung und Dankbarkeit empfindet als mancher „Biodeutsche“, als Verbündeten akzeptieren.

Pegida-Skandal

Pirinçci liest aus seinem Buch „Umvolkung“. Bei diesem Begriff schrillen die Alarmglocken, erst vor wenigen Wochen gab es große Aufregung, als ihn die Leipziger CDU-Bundestagsabgeordnete Bettina Kudla in einer Twitter-Nachricht verwendete. Die Politikerin musste dafür büßen, da sie von ihrem CDU-Verband nicht mehr als Direktkandidatin aufgestellt wurde, Pirinçci braucht niemanden zu fürchten, nachdem ihn fast der gesamte Buchhandel auf die Abschussliste gesetzt hat.

Vor genau einem Jahr hielt der Schriftsteller bei Pegida eine folgenschwere Rede. Mit Bezug auf die Aussage des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU), der Gegner einer Erstaufnahmeeinrichtung für Asylbewerber mit den Worten „Wer diese Werte nicht vertritt, kann dieses Land jederzeit verlassen“ abgekanzelt hatte, sagte er beim Jahrestag der zuwanderungskritischen Bürgerbewegung: „Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“

Viele Medien stellten es zunächst so dar, als habe Pirinçci bedauert, dass keine Konzentrationslager für Migranten zur Verfügung stünden. Gegen diese Verzerrung seiner Aussage konnte er im Nachgang zwar mehrere einstweilige Verfügungen erwirken, doch die direkten Folgen konnten nicht abgewendet werden. Und die waren gravierend: Zunächst nahm Random House alle älteren Krimi-Titel des Autors aus dem Programm, dann boykottierten ihn marktbeherrschende Einzelhändler wie Thalia und Amazon, schließlich strichen auch die Barsortimente, also jene Zwischenhändler, die den gesamten Buchhandel beliefern, seine Bücher aus ihrem Angebot. Am Ende trennte sich sogar der Verlag Manuscriptum, bei dem Pirinçcis Bestseller „Deutschland von Sinnen“ und der Folgetitel „Die große Verschwulung“ erschienen waren, von ihrem Autor, der daraufhin zum Verlag Antaios von Götz Kubitschek wechselte.

Umstrittene Begriffe

Der Vorwurf blieb, Pirinçci habe mit seiner Pegida-Rede auf der NS-Klaviatur gespielt. Das musste sich auch Bettina Kudla anhören. In beiden Fällen wurde jedoch nicht etwa ein positiver Bezug zum Nationalsozialismus und seinen Verbrechen hergestellt, sondern – im Gegenteil – ein Unwort aus der Nazi-Zeit gewählt, um ein Unding in heutiger Zeit zu beschreiben. Man kann sowohl bei Pirinçci als auch bei Kudla darüber streiten, ob die Wortwahl wirklich glücklich war, doch eines haben beide definitiv nicht: sich zustimmend zum Dritten Reich geäußert.

In seinem Buch „Umvolkung“ weist Pirinçci schon am Anfang auf den Ursprung des Wortes hin: „Der Begriff ‚Umvolkung‘ stammt von den Nationalsozialisten und meint den Bevölkerungsaustausch und die Re-Germanisierung in den damals von der Wehrmacht eroberten Ostgebieten zugunsten von Volksdeutschen und parallel dazu die Umsiedlung unerwünschter Volksgruppen in die ihnen neu zugewiesenen Gebiete.“ Er meint, dass – trotz aller Unterschiede, vor allem in Bezug auf die Mittel – das wesentliche Merkmal einer solchen „Umvolkung“ auch heute „ihre absolute Künstlichkeit“ sei. Sie sei eine „widernatürliche Kopfgeburt“, die „Menschen, die durch eine klar definierte Geographie, eine gemeinsame Gruppen- und Ahnengeschichte, einen Kulturkreis, einen kollektiven Erinnerungsschatz und nicht zuletzt durch eine exakt zu lokalisierende Heimat miteinander verschmolzen sind“, in die Fremde schickt.

Ein Volk hingegen, schreibt Pirinçci in seinem Buch weiter, sei „eine dem Lande über Generationen hinweg natürlich gewachsene Menschenmenge mit mehr oder weniger ins Auge springenden speziellen Umgangsformen, Bräuchen, Schrulligkeiten, Gepflogenheiten und Lebensweisen, vor allem jedoch mit einer alle verbindenden gemeinsamen Identität“. Dieser historisch gewachsenen Einheit könne sich durchaus auch ein „neu Hinzugekommener“ anschließen, sofern er anerkenne, „dass diese landestypische Manier ihm weit mehr behagt, als seine alte und abgelegte“, wie der Autor sicherlich nicht nur zu dem beispielhaft genannten deutsch-iranischen Filmemacher Navid Kermani schreibt, sondern auch mit Blick auf seinen eigenen Lebensweg. Entscheidend sei jedoch vor allem die Zahl der Migranten. Und die hält Pirinçci für entschieden zu hoch, wie er auch bei der Lesung in Dresden deutlich macht.

Gestern und heute

Bereitwillig beantwortet er im Anschluss Fragen aus dem Publikum, auch sehr persönliche. Wie es denn damals so gewesen sei, als er mit seinen Eltern Ende der Sechziger aus der Türkei in den kleinen Ort Ulmen in der Eiffel kam, möchte ein Zuhörer wissen. Zunächst habe man die Neuankömmlinge kritisch beäugt, räumt Pirinçci ein. Da beide Eltern jedoch einer geregelten Arbeit nachgegangen seien und sich den neuen Gegebenheiten schnell angepasst hätten, sei das Eis rasch gebrochen. Mit einem Lächeln erinnert er sich an sein erstes Weihnachtsfest: „Das halbe Dorf kam vorbei und brachte Geschenke mit.“ Wenig später bekam er von den Eltern ein Fahrrad – in der Türkei damals ein Luxusgut.

„Wer den ganzen Tag bei Ford am Fließband steht, um Geld zu verdienen, hat weder Zeit noch Lust, sich um den Bau von Moscheen zu kümmern“, bringt Pirinçci die Situation der ersten Generation türkischer Zuwanderer auf den Punkt. „Heute ist das ja ganz anders. Wer von Transferleistungen lebt, hat genügend Muße, sich religiös zu radikalisieren.“ Für ihn ist das ein entscheidender Faktor – und deshalb ist sein Zorn auch so groß: auf jene Zuwanderer, die nur abgreifen wollen und sich dafür noch nicht einmal dankbar zeigen – und auf die Politiker, die es zulassen, dass die, „die uns ausnützen“ statt „uns nützen“, wie es Günter Beckstein einmal formuliert hat, massenhaft ins Land strömen. Widerspruch gibt es an diesem Abend nicht. Alle sind zufrieden, Pirinçci auch. Er nippt an seinem Glas Wein und zieht genüsslich an der Zigarette.

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