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Nachfolgestaaten Jugoslawiens stellen sich ihrer historischen Verantwortung nicht

Ungarn gedenkt der Vertreibung der Donauschwaben

Freitag, 20 Januar 2017 18:33
Donauschwaben vor ihrem Abtransport (1946) Donauschwaben vor ihrem Abtransport (1946) Quelle: Ungarndeutsches Kultur- und Informationszentrum

Budapest – Seit 2012 ist der 19. Januar in Ungarn ein nationaler Gedenktag, an dem an die Vertreibung der Donauschwaben erinnert wird. Als Donauschwaben bezeichnet man üblicherweise die Nachkommen aller deutschen Siedler, die sich ab Ende des 17. Jahrhunderts in den Landen der Stephanskrone niederließen und dort maßgeblich zum wirtschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau des Landes nach dem Türkensturm beitrugen. Ihr Siedlungsgebiet erstreckte sich ursprünglich über den gesamten Mittellauf der Donau in der Pannonischen Tiefebene mit städtischen Zentren wie Ofen, Pest, Stuhlweißenburg, Fünfkirchen, Essegg, Subotica, Neusatz oder Temeswar.

Nach dem Ersten Weltkrieg und der Zerschlagung der österreich-ungarischen Doppelmonarchie verlor Ungarn gemäß dem Vertrag von Trianon zwei Drittel seines Staatsgebietes. Die Donauschwaben fanden sich daraufhin in drei Staaten wieder: Rund 550.000 von ihnen blieben bei Ungarn, 330.000 kamen zu Rumänien und 540.000 zu Jugoslawien.

Auch wenn die Donauschwaben schon in der Zwischenkriegszeit, vor allem im Königreich der Serben und Kroaten, zahlreichen Repressalien ausgesetzt waren, so begann ihr großes Martyrium erst gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Bereits 1944 ließ Stalin ungefähr 30.000 Deutsche aus Ungarn, über 30.000 aus Rumänien und über 10.000 aus Jugoslawien in die Sowjetunion deportieren.

Donauschwaben auf dem Balkan

Durch Beschlüsse des sogenannten „Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens“ (AVNOJ) wurden die etwa 195.000 unter die Herrschaft des kommunistischen Partisanenführers Josip Broz Tito geratenen Deutschen kollektiv zu „Volksfeinden“ erklärt, man entzog ihnen die staatsbürgerlichen Rechte und verfügte ihre vollkommene Enteignung. Es folgte ein regelrechter Völkermord: Über 60.000 Donauschwaben wurden bis 1948 in Jugoslawien erschossen oder starben unter grauenhaften Bedingungen in Lagern.

Die Regierung Rumäniens entzog 1945 rund 300.000 Banater Schwaben bis 1949 praktisch alle staatsbürgerlichen Rechte und enteignete sie. Zudem ließ sie in den 1950er Jahren eine große Anzahl deutschstämmiger Bürger in die in der Walachischen Tiefebene gelegenen Bărăgan-Steppe deportieren, wo die harten Umstände eine hohe Sterblichkeit unter den Verschleppten nach sich zog.

In Ungarn setzte die Vertreibung der Donauschwaben 1946 ein. Die erste demokratisch gewählte ungarische Regierung bestimmte in einer Verordnung vom 22. Dezember 1945 die Vertreibung jener Ungarndeutschen, die bei der Volkszählung von 1941 entweder „deutsch“ als Nationalität oder „deutsch“ als Muttersprache angegeben hatten. Damit waren etwa 90 % der deutschstämmigen Bevölkerung von Heimatverlust bedroht.

Im Januar 1946 begann schließlich die Vertreibung der ungarischen Donauschwaben in die amerikanisch besetzte Zone Deutschlands (Nordwürttemberg, Nordbaden, Bayern und Hessen). Die US-Militärregierung verweigerte jedoch ab dem 1. Dezember 1946 die Übernahme weiterer Transporte. In einem Bericht der Ministerpräsidenten der amerikanischen Besatzungszone von 1947 wird die Zahl der aus Ungarn aufgenommenen Deutschen auf 176.000 beziffert. Auf Ersuchen der ungarischen Regierung an die UdSSR wurde die Übernahme von weiteren 50.000 Ungarndeutschen in die sowjetische Besatzungszone Deutschlands genehmigt – von 1947 bis Sommer 1948 gingen die Transporte dorthin. Insgesamt wurden rund 49.300 Donauschwaben in die Sowjetische Besatzungszone, darunter 46.300 nach Sachsen, vertrieben. Viele flüchteten von dort aus in die Westzonen, einigen gelang es jedoch, wieder in die Heimat zurückzukehren.

Ehrung durch Orbán

Für die Heimkehrer aus der sowjetischen Kriegsgefangenschaft dauerten die Leiden weiter an. Sie wurden 1950 zur Zwangsarbeit in Lager bei Tiszalök und Kaszincbarcika interniert. Mehr als 1.000 Ungarndeutsche mussten in diesen völlig von der Außenwelt abgeriegelten Schweigelagern ein Wasserkraftwerk an der Theiß und ein Chemiewerk errichten. Im August 1953 zeichnete sich Hoffnung ab, nicht zuletzt durch die Bemühungen des Vorsitzenden der Ungarndeutschen Landsmannschaft, Dr. Ludwig Leber, der mit dem ungarischen Ministerpräsidenten Imre Nagy telefonierte, welcher ihm damals versicherte, sich um die Angelegenheit zu kümmern. Trotzdem antwortete die Lagerleitung am 4. Oktober 1953 auf eine friedliche Kundgebung im Lager mit strengem Schießbefehl gegen die „Aufrührer“, wodurch fünf Gefangene zu Tode kamen und zahlreiche verletzt wurden. Die „Anführer“ des Protests wurden zu lebenslanger Haft verurteilt. Ab November 1953 kamen die ersten Gefangenen frei. Aber erst 1955 wurden die letzten Gefangenen entlassen und zu ihren Verwandten nach Deutschland überführt. Viele trugen lebenslange Schäden davon.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán erinnerte am Donnerstag an das Schicksal der vertriebenen Deutschen und erklärte einmal mehr, dass sich das heutige Ungarn zum Schutz nationaler Minderheiten bekennt und jegliche Form der Vertreibung und ethnischen Säuberung scharf verurteilt. Bereits im letzten Jahr hatte er erklärt: „Die offizielle Bezeichnung lautete Aussiedlung, doch dieses Wort hatte mit der Wahrheit nichts zu tun. Was Aussiedlung genannt wurde, bedeutete die Ausplünderung und die Vertreibung der ungarischen Schwaben. Sie wurden ihrer Heimat beraubt.“ Und weiter: „Die Ungarndeutschen können bis auf den heutigen Tag eine Kultur die ihrige nennen, deren Fäden tief in das Gewebe der ungarischen Kultur eingeflochten sind. Wenn wir diese Fäden herauszögen, so würde das gesamte Gewebe zerfallen. Die ungarische schwäbische Gemeinschaft stellt einen organischen und unveräußerlichen Bestandteil der ungarischen Kultur dar.“

Verbrechen Jugoslawiens

Während Ungarn das Unrecht, das den Nachfahren der donauschwäbischen Siedler nach dem Zweiten Weltkrieg auf seinem Staatsgebiet angetan wurde, offiziell anerkennt, den nationalen Minderheiten Selbstverwaltungsrechte eingeräumt und immerhin eine symbolische Entschädigung für Vermögensverluste geleistet hat, wurden die AVNOJ-Beschlüsse, mit der die Vertreibung der Jugoslawiendeutschen „legalisiert“ wurde, von den Nachfolgestaaten des ehemaligen Vielvölkerstaates auf dem Balkan nie aufgehoben oder revidiert.

Schon im Zeitraum von 1941 bis 1944 ermordeten die von britischer und sowjetischer Seite unterstützten Freischärler Titos in Jugoslawien etwa 1.500 deutsche Zivilisten und führten einen grausamen und vor allem illegalen Partisanenkrieg gegen deutsche Militäreinheiten. Nachdem die Rote Armee das Land im Oktober 1944 erobert hatte, übten die Tito-Partisanen mitunter bestialische Rache an deutschen Kriegsgefangenen und Angehörigen der deutschen Minderheit.

In seinem Buch „Titos Kriegsgefangene“ (Graz, 2001) beschreibt Roland Kaltenegger die grässlichen Torturen der Folterknechte Titos. Dazu zählten unter anderem Fesselungen mit Stacheldraht, Tritte in die Genitalien, Prügeln bis zur Unkenntlichkeit oder allabendliche und nächtliche Misshandlungen mit 200 bis 300 Hieben, etwa mit Holzlatten, Drahtschlingen oder mit Sand gefüllten Gummiknüppeln auf den Kopf, die Arme, die Beine, den Oberkörper und in die Nieren sowie in den Magen.

Das „Ostpreußenblatt“ berichtete in seiner Ausgabe vom 6. Juli 1985 über die Aussagen eines in Kanada lebenden Ex-Partisanen, der im Mai 1945 auf der Adria-Insel Rab, wo sich rund 3.500 deutsche Soldaten den Tito-Partisanen ergeben hatten, Augenzeuge eines grauenhaften Verbrechens wurde: „Die deutschen Kriegsgefangenen wurden von den Partisanen auf alle mögliche Art gefoltert und gequält. Danach wurden sie in einen Bunker abgeführt. (…) Man band den Kriegsgefangenen die Hände mit Draht auf den Rücken und mauerte den Bunkereingang zu. Die Türen wurden betoniert. So starben alle diese Deutschen in dieser gewaltigen Grabkammer.“

Nachdem die mit den tschechoslowakischen Beneš-Dekreten vergleichbaren AVNOJ-Beschlüsse erlassen worden waren, beraubte man alle damals im Lande lebenden rund 500.000 Volksdeutschen ihres Vermögens und entrechtete sie vollkommen. In der Zeit von 1944 bis 1948 verlor schließlich von den rund 200.000 verbliebenen Donauschwaben fast ein Drittel ihr Leben, indem sie erschossen wurden oder in den Vernichtungslagern der neuen Machthaber Jugoslawiens verhungerten oder zu Tode gefoltert wurden.

Hohe Opferzahlen

Tito ließ im ganzen Land über zehn Lager errichten, die das ausdrückliche Ziel verfolgten, die donauschwäbische Bevölkerung zu dezimieren. Die verdienstvolle Studie „Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944-1948“ des Arbeitskreises Dokumentation der Donauschwäbischen Kulturstiftung (München, 2000) hat das Grauen in Zahlen ausgedrückt: Demnach lebten auf dem Staatsgebiet Jugoslawiens 1941 insgesamt 540.000 Zivilpersonen der deutschen Volksgruppe, rund 200.000 davon kamen unter das Tito-Regime. Von diesen wiederum fielen dem Partisanenterror der Jahre 1941 bis 1944 rund 1.500 zum Opfer, 9.500 wurden 1944 bis 1945 ermordet, von den 8.000 Männern und 4.000 Frauen, die Tito in die Sowjetunion deportieren ließ, gingen etwa 2.000 durch Zwangsarbeit, Krankheiten und Folter in den Jahren 1944 bis 1946 zugrunde, und 51.000 kamen zwischen 1944 und 1948 in den Todeslagern um (insgesamt waren 170.000 Menschen interniert, darunter auch viele Frauen, Kinder und Greise). Nach dieser seriösen Berechnung forderte der Genozid an den Deutschen in Ex-Jugoslawien also insgesamt 64.000 Opfer.

Das Leid, das den Donauschwaben in Jugoslawien, Rumänien und Ungarn angetan wurde, lässt sich kaum in Worte fassen. Überaus ehrenhaft hat sich in dieser Hinsicht die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán gezeigt, indem sie den 19. Januar zum nationalen Gedenktag für die Opfer der Vertreibung erhoben hat. Dass die Nachfolgestaaten Jugoslawiens, allen voran Serbien, aber auch EU-Länder wie Slowenien und Kroatien, sich ihrer historischen Verantwortung nicht stellen und zumindest die verbrecherischen AVNOJ-Beschlüsse offiziell verurteilen, kann nur als höchst bedauerlich bezeichnet werden.

Letzte Änderung am Freitag, 20 Januar 2017 18:47
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