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Ehemaliger US-Diplomat über die Wurzeln des islamistischen Terrors

Spannend wie ein Thriller: J. Michael Springmanns Insider-Report „Die CIA und der Terror“

Samstag, 04 März 2017 04:56
J. Michael Springmann und sein Buch „Die CIA und der Terror“ J. Michael Springmann und sein Buch „Die CIA und der Terror“ Quelle: J. Michael Springmann | KOPP Verlag

Washington – Hat der US-Geheimdienst CIA diplomatische Vertretungen im Ausland als geheime Operationsbasen genutzt, um überaus fragwürdige Personen mit Visa auszustatten und zwecks militärischer Ausbildung nach Amerika zu schleusen? Was sich nach einer Geschichte aus einem Agenten-Thriller von John le Carré oder Frederick Forsythe anhört, hat der ehemalige US-Diplomat J. Michael Springmann selbst miterlebt und berichtet darüber in seinem hochbrisanten Insider-Report „Die CIA und der Terror“, der im KOPP Verlag erschienen ist.

Der Jurist, Politikwissenschaftler und frühere Mitarbeiter der US-Vertretung in der saudi-arabischen Hafenstadt Dschidda zeigt in seinem Buch auf, wie tief amerikanische Regierungskreise und vor allem die CIA in die Ursprünge des islamistischen Terrors verstrickt waren und wie sie bis zum heutigen Tag im Hintergrund wirken, um geopolitischen Einfluss zu nehmen. Dadurch ist er vom regierungstreuen Beamten zu einem Kritiker der US-Politik geworden.

In Washington D.C. aufgewachsen, eröffnete er nach dem Studium der Rechtswissenschaften eine Anwaltskanzlei in der US-Hauptstadt und erlangte zudem Master-Abschlüsse in Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt Internationale Beziehungen von der Georgetown University und der Catholic University of America. Während seiner Zeit als Diplomat unter Ronald Reagan und George Bush senior ist Springmann, dessen Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Baden-Württemberg und der Schweiz nach Amerika eingewandert sind, weit in der Welt herumgekommen. Er spricht neben Englisch und Deutsch auch Französisch, Italienisch, Hindi und Arabisch. Noch heute pflegt er enge Beziehungen mit Freunden und Bekannten in Deutschland, Frankreich, in Saudi-Arabien und im Libanon.

Ominöse Vorgänge in Dschidda

In den achtziger und frühen neunziger Jahren leitete Springmann das Visa-Büro im US-Konsulat in Dschidda. Während dieser Zeit wurde er nach eigenen Angaben „von hohen Staatsbeamten beauftragt, Visa an unqualifizierte Bewerber auszustellen“. Im Rückblick steht für den Ex-Diplomaten fest, dass es sich dabei um Anhänger des späteren Terrorpaten Osama bin Laden handelte, die in die Vereinigten Staaten geschickt wurden, um dort von der CIA ausgebildet zu werden. Gegenüber dem Nachrichtensender CBS erklärte Springmann dazu einmal: „Es gab einen Fall von zwei Pakistanern, die zu mir kamen und zu einer amerikanischen Autoteile-Messe wollten. Sie konnten weder die Veranstaltung noch die Stadt benennen, in der sie stattfinden sollte. Dann rief mich der Falloffizier an und sagte: ‚Gib ihnen ein Visum‘. Ich sagte: ‚Nein, ihre Geschichte ist unglaubwürdig.‘ ‚Nun, es muss sein, tut mir leid.‘“ Am Ende hätten die beiden Pakistaner ihre Visa bekommen – und Springmann hegte den Verdacht, dass da etwas sehr Dubioses vor sich ging.

Diesen und andere Fälle schildert der Autor in seinem Buch ausführlich. Schon bald nach Aufnahme seiner Tätigkeit habe er feststellen müssen, dass es im dortigen Visa-Büro der USA nicht mit rechten Dingen zugehe. Er schreibt: „Dschidda erschien mir bald als ein höchst seltsamer Ort mit mir völlig unbekannten Leuten, die sich auffallend merkwürdig verhielten. Viele Kontaktpersonen konnten mir nicht sagen, was im Konsulat wirklich vor sich ging. Europäische Diplomaten fragten regelmäßig nach, wie viele Agenten auf der Gehaltsliste von Uncle Sam standen; das kam vielleicht daher, dass die Geheimdienstler sich nicht um ihre ‚Tarnung‘ zu scheren schienen. Im Gegensatz zu anderen amerikanischen Beamten fuhren sie alle die gleichen olivbraunen Toyota Landcruiser mit orangefarbenen und roten Blitzen an der Seite und gelbbraunen saudischen Nummernschildern anstelle der grünen des konsularischen Corps, wie die echten Diplomaten sie an ihren Wagen hatten.“

Training für den Terror?

Heute ist sich Springmann sicher, dass das amerikanische Konsulat in Dschidda nichts anderes war als eine verdeckte CIA-Basis. Bei der US-Auslandsbehörde seien zwanzig Amerikaner beschäftigt gewesen, bei denen er in nur drei Fällen, darunter er selbst, mit Gewissheit sagen konnte, dass sie in keinerlei Verbindung mit einem Nachrichtendienst der US-Regierung standen. „Lonnie Washington, der einzige State-Department-Kommunikator, und Jim Page, ein Verwaltungsbeamter, waren die einzigen Jungs in der Verwaltungsabteilung, von denen ich dachte, dass sie für das State Department arbeiteten“, so der Ex-Diplomat.

Springmann ist der Ansicht, dass Dschidda kein Einzelfall war beziehungsweise ist. Dazu schreibt er in seinem Buch: „Die Verwicklung der CIA in Kungeleien bei der Visumvergabe ist in beinahe allen Auslandsvertretungen an der Tagesordnung. Wenn das bekannt wird, vertuscht man es schnell. Man darf nicht vergessen, es war ein ‚Konsularbeamter‘ der CIA in Khartum im Sudan gewesen, der Scheich Omar Abdel Rahman, der später mit dem Bombenanschlag von 1993 auf das World Trade Center in Zusammenhang gebracht wurde, ein Touristenvisum ausstellte. Der ‚blinde Scheich‘ stand auf einer Beobachtungsliste für Terroristen des Außenministeriums, als man sein Visum genehmigte und er 1990 über Saudi-Arabien, Pakistan und den Sudan in die USA einreiste.“

Laut dem amerikanischen Gesetz für Pass- und Visaverbrechen sei für einen solchen Fall eine Haftstrafe von bis zu 20 Jahren vorgesehen, sofern die Straftat einen Bezug zum Terrorismus aufweist. „Das waren keine gewöhnlichen Visaverbrechen, wie ich zuvor dachte, sondern etwas viel Ernsthafteres: das war sozusagen ein ‚Visaprogramm für Terroristen‘, das aufgestellt wurde, um Mörder, Kriegsverbrecher und Menschenrechts-Straftäter zu rekrutieren und (in den USA) zu trainieren, um gegen die Sowjetunion in Afghanistan vorzugehen“, so Springmann.

Der Autor führt in „Die CIA und der Terror“ aus, dass er mit dem damaligen Generalkonsul Jay Feres fast jeden Tag in Streit geraten ist, weil Visa an Personen ausgestellt worden seien, die er dafür als ungeeignet hielt. Mehrfach sei dabei gegen den Immigration and Nationality Act und diverse Vorschriften des State Department verstoßen worden. „Wie ich später zu meinem Entsetzen festgestellt habe, waren die Visumsantragsteller Rekruten für den Krieg in Afghanistan gegen die Streitkräfte der Sowjetunion. Später haben die Kämpfer in den USA trainiert und sind auf andere Kampffelder übertragen worden: nach Jugoslawien, in den Irak, nach Libyen und Syrien“, schreibt Springmann.

Zahlreiche Dokumente

Viele jener Männer, die US-Visa ausgestellt bekommen hätten, seien daraufhin als Gründer von Al-Qaida in Erscheinung getreten und tauchten später im Zusammenhang mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS) auf. Springmann bedauert: „Ich habe den Anfang davon in Dschidda gesehen, aber nicht erkannt. Wir haben alle ihre weitere Entwicklung beobachtet und gesehen, was passiert, wenn die Geheimdienste ausländische Politik und Diplomatie kontrollieren: Die Leute, die sie aufgesammelt haben, haben zum Zusammenbruch von Jugoslawien, zur Zerstörung von Libyen und zur Zerfleischung von Syrien beigetragen.“

In seinem ebenso spannenden wie aufschlussreichen Buch spannt Springmann einen Bogen von den Ursprüngen des islamistischen Terrors in den Gebirgen Afghanistans über die Kriege auf dem Balkan, im Irak und in Libyen bis zum aktuellen Konflikt in Syrien. Anhand von Augenzeugenberichten, Gesprächsprotokollen und Dokumenten verdeutlicht er, wie CIA-Strategen genau jene Männer bewaffnet und angeleitet haben, die später unter der Flagge von Al-Qaida und IS Angst, Schrecken und Terror verbreitet haben und bis heute verbreiten. Sein Buch ist ein wahres Kompendium an Hinweisen für die geheimen Machenschaften der Nachrichtendienste bei ihrem an den Gesetzen vorbei geführten Krieg im Dunkeln.


Literaturhinweis: J. Michael Springmann: Die CIA und der Terror. Wie über US-Konsulate Terrornetzwerke aufgebaut werden, 251 Seiten, geb., KOPP Verlag: Rottenburg 2016, € 19,95.

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