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Souveränität mit Schönheitsfehlern: Bruno Bandulets „Beuteland“

Montag, 31 Dezember 2018 23:36
Kritische Bestandsaufnahme: "Beuteland" Kritische Bestandsaufnahme: "Beuteland" Quelle: Hubert Milz / Kopp Verlag

Dresden - Der Journalist, Verleger und Autor Dr. Bruno Bandulet untersucht die Politik der Siegermächte des II. Weltkrieges, insbesondere die Deutschlandpolitik der drei West-Alliierten und jene sich daraus ergebenden Folgen für die deutsche Bevölkerung vom Kriegsende bis in die Gegenwart. Mit der sogenannten „Stunde Null“ führt Bandulet in die Thematik ein. Der Autor legt dar, dass 8. und 9. Mai 1945 für die Deutschen nicht „Tage der Befreiung“ gewesen seien, sondern, dass die Alliierten einen Krieg geführt haben, um das Deutsche Reich vernichtend zu besiegen und im Anschluss sozusagen zur Plünderung freizugeben.

So wurden bis 1951 systematisch auch in Trizonesien (den drei West-Zonen) Industrieanlagen demontiert oder einfach nur zerstört; die deutschen Betriebsgeheimnisse ausspioniert, Patente und Erfindungen beschlagnahmt, Wissenschaftler und deren Know-how gekapert und nicht selten in die USA verfrachtet. Vorsichtig, aber auf Basis grundlegender Forschungsarbeiten (wie denen von John Gimbel) gut begründet, schätzt Bandulet, dass allein durch geraubtes wissenschaftlich-technisches Know-how ein Wissenstransfer in die USA erfolgte, der einem Anteil von rund 10 Prozent am amerikanischen Bruttoinlandsprodukt entsprach.

Neben der Beschlagnahme von Privateigentum im besetzten Deutschland wurden ebenso deutsche Auslandsvermögen eingezogen. Zwar sind Reparationen, die der Sieger einem bezwungenen Staat auferlegt, durch das Völkerrecht gedeckt; nicht jedoch die Enteignung und Konfiszierung privater Vermögen. Für Bandulet sind diese völkerrechtlich wenigstens unsauber, im eigentlichen Sinne also völkerrechtswidrig durchgeführt worden.

Doch mit dem Aufziehen des Ost-West-Konflikts änderte sich die Deutschlandpolitik der West-Alliierten. Trizonesien sollte vor allem nicht – bedingt durch eine ausplündernde und demütigende Besatzungspolitik – in Stalins Hände fallen. Durch die „Pariser Verträge“ (1954/55) erhielt die 1949 gegründete Bundesrepublik die Rechte eines souveränen Staates, wurde wiederbewaffnet und in die NATO aufgenommen. Bandulet argumentiert, dass dem (durch alliierte Vorbehalte bei relevanten politischen Handlungsfeldern) nur eine Teil-Souveränität entsprach, oder - anders gesagt - eine Souveränität mit Schönheitsfehlern. Auch der 1990 im Zuge der deutschen Wiedervereinigung abgeschlossene Zwei-plus-Vier-Vertrag änderte daran nichts. Die „Feindstaatenklauseln“ der UN-Charta wurden beibehalten, Deutschland ist weiterhin „Feindstaat“.

Trotz aller Widerstände, schaffte es Ludwig Erhard durch richtige Rahmenbedingungen in der Wirtschaftspolitik, die Weichen für das deutsche Wirtschaftswunder der 1950er Jahre zu stellen. Die Bundesrepublik wurde zahlungsfähig, so dass Wiedergutmachungen für die Schäden des II. Weltkriegs zu leisten waren – nicht nur an die früheren Kriegsgegner, sondern auch an ehemals verbündete Staaten ...

Bezüglich der Summen an gezahlten Reparationen kann sich Bandulet u. a. auf Niall Ferguson berufen. Der britische Historiker und Harvard-Professor hat sich der Mühe unterzogen, alle deutschen Zahlungen der letzten sieben Jahrzehnte, die man unter der Überschrift „Wiedergutmachung“ subsumieren kann, in eine Art von Gesamtbilanz zu gießen. Das Ergebnis zeigt, dass jene geleisteten Zahlungen ein Mehrfaches dessen betragen, was die Sieger des I. Weltkrieges im Versailler Vertrag dem Deutschen Reich einst an Reparationsleistungen abverlangt hatten.

Die westalliierte Deutschlandpolitik der letzten 70 Jahre entspricht, so der Autor weiter, jener Doktrin von Hastings Lionel Ismay, 1. Baron Ismay, 1952 bis 1957 erster Generalsekretär der NATO, deren Zielsetzung er wie folgt umriss: „Die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten.“ An einer Vielzahl von Beispielen zeigt Bandulet, wie dies geschehen ist und weiterhin geschieht, so dass die deutsche Bevölkerung die Früchte ihrer Arbeit nicht genießen kann. Ein großer Teil der deutschen Wirtschaftsleistung wird abgezogen – durch vielfältige Maßnahmen, von denen das Instrumentarium, welches die sogenannte „Europäische Integration“ bereitstellt, besonders effektiv ist.

Gemessen am durchschnittlichen Vermögen rangieren die Deutschen nur im europäischen Mittelfeld, müssten aufgrund ihrer Wirtschaftsleistung jedoch wohlhabender sein, als dies die Statistik im internationalen Vergleich widerspiegelt. Folgt man Bandulets Argumentation, ist ein von Joschka Fischer 1982 formuliertes Postulat seit 70 Jahren eingespielte Realität: „Deutschland ist ein Problem, weil die Deutschen fleißiger, disziplinierter und begabter als der Rest Europas (und der Welt) sind. Das wird immer wieder zu ,Ungleichgewichten’ führen. Dem kann aber gegengesteuert werden, indem so viel Geld wie nur möglich aus Deutschland herausgeleitet wird. Es ist vollkommen egal wofür, es kann auch radikal verschwendet werden – Hauptsache, die Deutschen haben es nicht. Schon ist die Welt gerettet.“

 

Fazit: Bandulet bietet dem interessierten Publikum eine faktenreiche Untersuchung, deren Fülle Respekt abnötigt. Erfrischend gegen den Zeitgeist gebürstet, verspricht der umfangreiche Stoff manch überraschenden Erkenntnisgewinn.

 


Bruno Bandulet: Beuteland – Die systematische Plünderung Deutschlands seit 1945.
Rottenburg, Kopp Verlag 2016. ISBN-13: 9783864453076, EUR 19,99


Hubert Milz, Jahrgang 1956, hat als Diplom-Betriebswirt (FH) / Diplom-Ökonom (Fernuniversität) rund 35 Jahre in der Energiewirtschaft gearbeitet und ist Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.

*In der „Bücherkiste“ finden die Leser der SACHSEN DEPESCHE in loser Folge Rezensionen zu Titeln, in denen sich die Fragestellungen unserer Zeit in Kultur, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Neben neueren Veröffentlichungen sollen ebenso Bücher berücksichtigt sein, deren Inhalte zeitlose Gültigkeit beanspruchen.

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