Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Politik

„Idioten“, „Irregeleitete“, „Schreihälse“

Sächsische FDP-Politiker verurteilen „Volksverräter“-Rufe gegen Merkel, Gauck und Roth

Donnerstag, 06 Oktober 2016 17:33
Dresdner Neumarkt am 3. Oktober 2016. Im Bild rechts: Claudia Roth (Grüne) Dresdner Neumarkt am 3. Oktober 2016. Im Bild rechts: Claudia Roth (Grüne) Quelle: Jan Erbenfeld | SACHSEN DEPESCHE

Dresden – Mehrere sächsische FDP-Politiker haben die Art und Weise, wie sogenannte „Wutbürger“ am Tag der Deutschen Einheit ihren Unmut über Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth zum Ausdruck brachten, klar verurteilt. Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow sprach in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“ von einem „gewissen Prozentsatz an Idioten und Irregeleiteten“, die es nicht nur in Sachsen, sondern „an jedem Ort“ gebe. Den PEGIDA-Anhängern, die Gauck, Merkel und Roth auf dem Neumarkt unter anderem als „Volksverräter“ beschimpft hatten, warf Zastrow vor, das Bild von Sachsen in der Öffentlichkeit zu beschädigen.

Noch deutlicher äußerte sich der Vorsitzende des sächsischen FDP-Jugendverbandes JuliA, Philipp Hartewig. Es sei „einfach nur beschämend, wie die Feierlichkeiten anlässlich des schönsten Ereignisses der deutschen Geschichte so missbraucht“ worden seien, schrieb Hartewig auf Facebook. Bei den Störern handle es sich um „genau jene Menschen, die seit nunmehr fast zwei Jahren jeden Montag zentrale Slogans der friedlichen Revolution wie zum Beispiel ‚Wir sind das Volk‘ für sich vereinnahmen“ und „im Rahmen ihrer plumpen rechtspopulistischen Äußerungen, Intoleranz gegenüber anderen Meinungen und steinzeitlichen Manieren“ komplett den Bezug zur Realität verloren hätten. Die PEGIDA-Anhänger könnten sich jedoch nicht auf 1989 berufen, denn damals seien die Menschen für „Rechtsstaat, Bürgerrechte, Demokratie oder offene Grenzen“ auf die Straße gegangen. 

Der FDP-Kommunalpolitiker und Vorsitzende des Tourismusverbandes Dresden e.V., Johannes Lohmeyer, nannte „die Schreihälse, die sich gerade in der Altstadt mal wieder um den Ruf unserer Stadt verdient machen“, in einem Facebook-Post vom 3. Oktober „unfassbar dumm und peinlich“. Er sei allerdings froh, in einem Land zu leben, in dem man auch in dieser Form seinen Protest zum Ausdruck bringen könne. „Nur sollten sie das konsequenterweise auch mal bei ihrem Freund Putin versuchen, wenn der auf dem Roten Platz aus dem Auto steigt“, fügte Lohmeyer hinzu. 

Der Dresdner FDP-Stadtrat Jens Genschmar zeigte auf Facebook indes Verständnis für die Protestierer. „Jeder, der sich heute über sogenannte ‚Schreihälse‘ echauffiert, sollte sich die Frage stellen, welche Möglichkeiten Protest sonst hat. AfD wählen? Polizeiautos anzünden? Bomben legen? Mir sind die ‚Schreihälse‘ wesentlich lieber“, so der FDP-Politiker, der wegen Äußerungen, die als PEGIDA-Sympathiebekundungen gewertet wurden, schon öfter in die Kritik geraten ist.

Einen Kommentar unseres Autors Jan Erbenfeld zu der Einheitsfeier und den Demos in Dresden findet man unter: http://www.sachsen-depesche.de/politik/„brücken-bauen“-die-feier-zum-tag-der-deutschen-einheit-in-dresden.html

Artikel bewerten
(7 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten