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Wladimir Sergejewitsch Solowjow und Immanuel Kant

Russland 2016: Wladimir Putin und die Philosophie

Sonntag, 28 Februar 2016 06:31
Wladimir Sergejewitsch Solowjow Wladimir Sergejewitsch Solowjow

München - Es gibt nur wenige Politiker, die in ihren Reden Philosophen zitieren oder sich auf Philosophen berufen. Einer von diesen Politikern ist neuerdings Wladimir Putin. Vielleicht liegt es auch daran, dass heute noch Denkmäler in Kaliningrad/Königsberg an den großen Philosophen Immanuel Kant erinnern und Putin mit Kant als Symbolfigur der Universität „Albertina“ einverstanden war.

Kaliningrad, das ehemalige Königsberg, ist heute die Hauptstadt der russischen Exklave Kaliningrad zwischen Polen und Litauen an der Ostsee gelegen. In Königsberg studierte und dozierte Kant an der „Albertina“ Albertus-Universität Königsberg. Die heutige Baltische Föderale Immanuel-Kant-Universität bezieht sich auf die akademischen Traditionen seiner Vorgänger und auf eine über 460jährige Geschichte der „Albertina“. Zur 750jährigen Stadtfeier Kaliningrads im Jahre 2005 erhielt die Universität im Beisein des russischen  Präsidenten Wladimir Putin und des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder den Namen des Philosophen Kant. (www.kantiana.ru)

Kants erstes Traktat „Zum ewigen Frieden“ ist Putin wohl bekannt.

Aber auch der berühmte russische Philosoph Wladimir Solowjow (1853–1900) scheint es Putin angetan zu haben. In seiner Ethiklehre verwendet Solowjow die Kantsche Definition des moralischen Subjekts und entwickelt eine mit religiös-moralischen Elementen geprägte Sittenlehre. Papst Johannes Paul II. soll Solowjow als einen der größten russischen Philosophen des 19. Jahrhunderts gehalten haben.  Der Mystiker Solowjow war ein Pionier und ein Vorbild für den Dialog der Christen in Ost und West. Eine menschliche Gesellschaft müsse in der Würde des Menschen gründen. Des Öfteren erwähnt Putin auch die  konservativen russischen Denker des frühen 20. Jahrhunderts Nikolai Berdjajew (1874–1948) oder Iwan Iljin (1883–1954). Iwan Alexandrowitsch Iljin, ein Gegner der Bolschewiki, und Nikolai Berdjajew wurden beide mit dem „Philosophenschiff“ 1922 aus Russland als intellektuelle Philosophen ausgebürgert. Bedeutsam für die russische Philosophie in dieser Zeit war der Neukantianismus als Ausgleich zwischen Naturwissenschaft und Religion. Die Orthodoxie prägte die Philosophie dieser drei genannten russischen „Religionsphilosophen“, die sich in diesem Zusammenhang auch mit der Rolle Russlands in Europa auseinandersetzten.

Vermutlich sucht Putin für seine Politik einen philosophischen Unterbau. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat  die Staatsphilosophie des dialektischen Materialismus ausgedient. Durch die perestroika (Umgestaltung) und glasnost (Offenheit) des Michail Gorbatschow  begann in Russland die Wiedergeburt des kirchlichen Lebens. Es ist deshalb naheliegend an die Blütezeit der damaligen russischen Philosophie anzuknüpfen. Tastsächlich bildet die orthodoxe Kirche in Putins Russland, wie zu absolutistischen Zeiten, eine heilige Allianz mit dem Kreml. Die orthodoxe Kirche wehrt sich gegen einen „verordneten Säkularismus“ durch den hegemonial auftretenden Westen. Russland und das weiß auch Putin, ist ein Vielvölkerstaat. Die Gefahr der wachsenden kaukasus- und  islamfeindlichen Einstellung in der  Bevölkerung kann sich schnell zu einem politischen Problem entwickeln. Putin sucht einen neuen politischen Weg im Einklang mit der orthodoxen Glaubenslehre und der Rolle Russlands als Vielvölkerstaat in Europa und der Weltgemeinschaft. Postsowjetische Philosophie besteht demnach in der Auseinandersetzung mit der Entdeckung der Tradition der russischen Philosophie und der westlichen Philosophie.

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