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Reife versus Zweck: „Wilhelm von Humbolds Bildungs- und Erziehungskonzept“ von Rudolf Vallentin

Donnerstag, 13 Dezember 2018 17:05
Idealismus oder Nützlichkeitsdenken? Idealismus oder Nützlichkeitsdenken? Quelle: Hubert Milz/Rainer Hampp Verlag

Dresden - Der Autor zeigt, dass Wilhelm von Humboldts (1767 – 1835) Bildungsideal unmittelbar in Humboldts politischer Philosophie wurzelt, die er in seiner Schrift „Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen“ dargelegt hat. Gemäß Humboldts Intention soll der Heranwachsende durch eine ideelle Erziehung zu einem reifen, charakterfesten Menschen gebildet werden, damit der Heranwachsende sich zu einem freien Menschen entwickeln kann.

Diesem Ziel dienten aus Humboldts Sicht die Bildungskonzepte der Aufklärungspädagogik keineswegs. Die Erziehungskonzepte der Aufklärungspädagogen waren in der Regel utilitaristisch ausgerichtet: Sinn der Erziehung ergab sich somit nur aufgrund von Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit – zweckmäßig und nützlich für den Staat und für das inländische Gewerbe. Die Originaltexte, die Vallentin in diesem Teil des Buches diskutiert, muten – mit Blick auf Forderungen nach Zweck und Nützlichkeit heutiger Diskussionen – ungeheuer aktuell an. Für Humboldt war klar, dass solche Erziehungskonzepte die Menschen zu Untertanen und Diener erziehen werden, keinesfalls jedoch freie, selbständige und selbstbewusste Menschen heranbilden können.

Das Ziel freie, charakterfeste, selbständige und selbstbewusste Menschen zu bilden, meinte Humboldt – wie andere Neuhumanisten auch – durch den Unterricht der antiken Kulturen, der alten Sprachen (Alt-griechisch und Latein) realisieren zu können. Insbesondere in Kultur und Geschichte der Polis, der Philosophen und der Dichter der klassischen Epoche des alten Griechenlands lag für Humboldt der Schlüssel, um das oben genannte Ziel zu erreichen. Damit stand Humboldts Bildungsphilosophie im krassen Gegensatz zur Aufklärungspädagogik des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Die totale militärische Katastrophe der deutschen Fürstenhöfe durch Napoleon, die auch eine politisch-soziale Niederlage des deutschen Ancien Régimes mit ihrer ständischen Gesellschaft war, brachte den Neuhumanisten die Chance, ihre Pläne für die höhere Bildung umzusetzen.

In Preußen wurde Humboldt 1809 „Geheimer Staatsrat und Direktor der Sektion für Kultus und Unterricht“. Somit konnte er seine Vorstellungen zur Neugestaltung des Schul- und Universitätswesens im Rahmen der preußischen Reformen einbringen. Bis 1819 konnte Humboldt sogar mit Duldung und teilweiser Unterstützung der politischen Eliten rechnen. Doch im Gefolge der Karlsbader Beschlüsse stockten und stoppten die Reformen in Preußen und in den Ländern des „Deutschen Bundes“.

Eigentlich wurde somit durch Humboldts Tätigkeit die Macht des Staates ausgeweitet und nicht begrenzt. Im Ancien Régime oblag das Schulwesen meistenteils den Kirchen, diese hätten also im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein Gegengewicht zur staatlichen Macht bilden können. Doch nach der Niederlage gegen Frankreich wurde im Rahmen der preußischen Reformen auch das Schul- und Universitätswesen zur staatlichen Aufgabe gemacht – der preußische Staat beanspruchte sozusagen das Bildungsmonopol für sich und zog dadurch mehr Macht an sich.

Fazit: Humboldts Pläne zur Gestaltung des höheren Bildungswesens wurden nur teilweise umgesetzt, auch bezüglich schöpferischer und enzyklopädischer Aspekte.

Natürlich hörten die utilitaristischen Angriffe gegen den Neuhumanismus nicht auf. In den Augen seiner Gegner war das Erziehungskonzept der Neuhumanisten und damit auch das humanistische Gymnasium völlig ungeeignet für die mannigfaltigen Aufgaben, die sich die Natur- und Technikwissenschaften im aufkommenden Industriezeitalter zu stellen hatten.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts erlangte die deutsche Wissenschaft Weltruf, gerade auch in den technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen.

Diesem – in den Augen seiner Gegner für die Herausforderungen der Zeit ungeeignetem – humanistischen Gymnasium entsprangen immerhin die Naturwissenschaftler, auf deren Konto lt. Thomas Nipperdey („Deutsche Geschichte 1800 – 1866“) mindestens gut die Hälfte der bedeutenden naturwissenschaftlichen Entdeckungen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu verbuchen sind. Aus diesem unbestreitbaren Faktum lässt sich doch nur der logische Schluss ableiten, dass das humanistische Gymnasium den wissenschaftlichen Nachwuchs herausragend mit dem Rüstzeug ausstattete, welches nötig war, um die technischen und naturwissenschaftlichen Herausforderungen des anbrechenden Industriezeitalters zu meistern.

Rudolf Vallentin: Wilhelm von Humboldts Bildungs- und Erziehungskonzept. Eine politisch motivierte Gegenposition zum Utilitarismus der Aufklärungspädagogik. München und Mering, Rainer Hampp Verlag 1999


 

Hubert Milz, Jahrgang 1956, hat als Diplom-Betriebswirt (FH) / Diplom-Ökonom (Fernuniversität) rund 35 Jahre in der Energiewirtschaft gearbeitet und ist Mitglied der Friedrich A. von Hayek-Gesellschaft.

*In der „Bücherkiste“ finden die Leser der SACHSEN DEPESCHE in loser Folge Rezensionen zu Titeln, in denen sich die Fragestellungen unserer Zeit in Kultur, Wissenschaft und Politik widerspiegeln. Neben neueren Veröffentlichungen sollen ebenso Bücher berücksichtigt sein, deren Inhalte zeitlose Gültigkeit beanspruchen.

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