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„Mit Fremden auszukommen, ist eine große kulturelle Leistung“

Meinhard Miegel: Flüchtlingsstrom wird das Gesicht Europas verändern

Donnerstag, 10 September 2015 03:02
Meinhard Miegel bei einem Vortrag in der Katholischen Landvolkshochschule „Schorlemer Alst“ Meinhard Miegel bei einem Vortrag in der Katholischen Landvolkshochschule „Schorlemer Alst“ Quelle: de.wikipedia.org | Foto: Ruecki | CC BY-SA 3.0

Dresden – Der Sozialwissenschaftler und Zukunftsforscher Meinhard Miegel geht von einem weltweiten Strukturwandel in den kommenden Jahren aus. Die Bedeutung Europas werde schwinden, der Anteil der Europäer an der Weltbevölkerung im Laufe des 21. Jahrhunderts von heute noch elf Prozent auf etwa vier Prozent abnehmen. In den aktuellen Flüchtlingsströmen sieht der bekannte Politikberater deutlichstes Anzeichen für die extremen Ungleichgewichte zwischen Europa und Afrika.

Nach Miegels Prognose ist dies jedoch nur der Anfang von Wanderungsbewegungen, die Europas Gesicht nachhaltig verändern werden. „Ende des Jahrhunderts wird ein Viertel der Europäer Mandelaugen oder schwarze Hautfarbe haben“, so der frühere Mitarbeiter Kurt Biedenkopfs bei einer Tagung der Volksbank im Märkischen Kreis (Nordrhein-Westfalen). „Mit Fremden auszukommen, das ist eine große kulturelle Leistung und keineswegs selbstverständlich.“ Voraussetzung dafür sei, „sich seiner selbst gewiss zu sein“, so Miegel.

Gegenüber dem Netzangebot der „tagesschau“ konkretisierte der frühere Vorstand des privaten Instituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn seine Voraussage: „Deutschland ist ein starkes und reiches Land. Das heißt aber nicht, dass man in unbegrenzter Zahl Menschen aufnehmen kann. Aller Voraussicht nach wird es im kommenden Jahr und im Jahr darauf bei Zahlen in dieser Größenordnung bleiben, und dann sprechen wir von 2,5 Millionen Menschen innerhalb von drei Jahren.“

Dabei verglich er den Asylzustrom mit der Fluchtwelle von Deutschen aus den früheren Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg, wies allerdings – im Gegensatz zu Sigmar Gabriel, der vor wenigen Tagen einen ähnlichen Vergleich anstellte – darauf hin, dass die Heimatvertriebenen damals denselben kulturellen und sprachlichen Hintergrund wie die Aufnahmegesellschaft hatten, was die Integration erheblich erleichtert habe. Die aktuelle Entwicklung bringe hingegen „auf jeden Fall eine finanzielle Belastung und dann auch einen massiven Umbau der Gesellschaft mit sich“. Wer dann an „seiner gewohnten Welt“ festhalten wolle, werde an den Veränderungen zu tragen und wahrscheinlich auch zu leiden haben“, warnte Miegel.

Eine gewisse Ratlosigkeit ist erkennbar, wenn er sagt: „Wir haben eine solche Situation in Europa noch nicht gehabt, können also auch nicht auf entsprechende Erfahrungen zurückgreifen. Folglich müssen wir experimentieren, und ich kann nur hoffen, dass das für alle Beteiligten möglichst erträglich verläuft.“ Dass die Gesellschaft ein Bewusstsein für die Zuwanderungsproblematik entwickelt habe, sei ein erster Schritt. „Es gibt hier ja eine weit verbreitete Willkommenskultur“, meinte Miegel.

Letzte Änderung am Donnerstag, 10 September 2015 17:22
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