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Rezension: „Russland und die neue Vernetzung Eurasiens“ und „China in Gefahr“

F. William Engdahl beleuchtet einen "verdeckten Feldzug der USA gegen Russland und China"

Freitag, 12 Februar 2016 11:18
Die besprochenen Bücher von F. William Engdahl Die besprochenen Bücher von F. William Engdahl Quelle: KOPP Verlag

Dresden – Vor kurzem veröffentlichte HESSEN DEPESCHE eine sehr ausführliche Besprechung des im Dezember letzten Jahres erschienenen Buches „Russland und die neue Vernetzung Eurasiens“ von F. William Engdahl, verfasst von Enno-Martin Cramer (http://www.hessen-depesche.de/politik/f-william-engdahl-„russland-und-die-neue-vernetzung-eurasiens“.html). So gut der Rezensent die Standpunkte der Autors zweifelsohne erfasst hat, so deutlich wird doch an mehreren Stellen, dass er dessen Ansicht eines „verdeckten Feldzuges“ der USA gegen geopolitische Kontrahenten wie Russland und China nicht folgen mag oder zumindest stark anzweifelt.

Engdahl belegt genau dies jedoch mit Fakten, die man auch mit dem Verweis, er bewege sich damit „zumindest teilweise auf Pfaden, wie sie der umstrittene ‚Eurasien‘-Apologet und frühere Kreml-Berater Alexander Dugin ideologisch vorgezeichnet hat“, nicht beiseite wischen kann. Auch die von Engdahl aufgeworfene (und beantwortete), gerade für unser Land so wichtige Frage, ob hinter den strategischen Machenschaften Washingtons nicht zuletzt auch die Torpedierung eines deutsch-russischen Bündnisses stecken könnte, verliert der Rezensent vollkommen aus dem Blick.

So lässt Cramer etwa einen von Engdahl angeführten „Kronzeugen“ vollkommen unter den Tisch fallen, nämlich den Chef des in Washington überaus einflussreichen Think Tanks und Informationsdienstes Stratfor, George Friedman, der 2014 in einem Interview ganz offen darlegte, was die Vereinigten Staaten am meisten umtreibt: „Aus Sicht der Vereinigten Staaten wäre das gefährlichste potenzielle Bündnis eine Allianz zwischen Russland und Deutschland. Es wäre eine Allianz der Technologie und des Kapitals Deutschlands mit den natürlichen und menschlichen Ressourcen Russlands.“

Deutsch-russische Partnerschaft

Ähnlich äußerte sich schon vor vielen Jahrzehnten Lord Ismay, von 1952 bis 1957 erster Generalsekretär der NATO, für den der wesentliche Zweck des nordatlantischen Militärbündnisses darin bestand, „die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten“. An dieser Maxime scheint sich auch nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und der deutschen Wiedervereinigung nichts geändert zu haben. Statt die NATO nach 1990 sukzessive abzubauen, hat man das Militärbündnis – trotz gegenteiliger Zusagen an Moskau – immer weiter in Richtung Russische Föderation ausgedehnt. Geht es nach führenden US-Geostrategen, soll diese Einkreisungspolitik mit der Einbindung der Ukraine demnächst ihren Höhepunkt erreichen.

Engdahl ist der Meinung, dass sich wegen der in seinem Buch beschriebenen und auch in besagter Rezension angesprochenen neuen eurasischen Entwicklungen für Europa, insbesondere für Deutschland, eine einmalige Gelegenheit biete, bei den damit einhergehenden ökonomischen und weltpolitischen Veränderungen eine führende Rolle zu spielen. Tatsächlich sollten bundesdeutsche Politiker nicht nur die ökonomischen Vorteile einer solchen Option erkennen, sondern auch die richtigen Lehren aus der Geschichte ziehen: Immer dann, wenn sich das russische und das deutsche Volk feindlich gegenüberstanden, war dies für beide Völker verhängnisvoll, während in den Zeiten der Partnerschaft zwischen Deutschland und Russland stets beide Völker profitierten.

Erinnert sei an die Konvention von Tauroggen zwischen dem preußischen General Yorck und dem russischen Generalmajor von Diebitsch 1812, den von Otto von Bismarck ausgehandelten Rückversicherungsvertrag des Jahres 1887 oder den Vertrag von Rapallo, der 1922 zwischen Reichsaußenminister Walther Rathenau und seinem russischen Amtskollegen Georgi Tschitscherin geschlossen wurde. Und schließlich sei daran erinnert, dass Deutschland auch bei der Wiedervereinigung vom Wohlwollen der Russen profitierte, während vermeintliche „Partner“, die heute an der Seite der USA gegen Russland stehen, diese Vereinigung zunächst mit aller Macht verhindern wollten.

China im Visier

Anders als die Bundesrepublik hat sich übrigens das von westlichen Politikern nicht nur wegen der Grenzschließung geschmähte Ungarn offiziell zum Projekt der „Neuen Seidenstraße“ bekannt, das Engdahl in „Russland und die neue Vernetzung Eurasiens“ ausführlich würdigt. Dazu merkt er an, dass es zahlreiche Hinweise darauf gebe, „dass China Ungarn zum vorrangigen Handels- und Wirtschaftspartner in der EU“ erkoren habe. Und er stellt fest: „Da sowohl Peking als auch Moskau bewusst ist, dass man es mit demselben ‚geopolitischen Gegner‘ zu tun hat, wie es Wladimir Putin jüngst formulierte, nämlich einer Weltmacht USA im letzten Stadium des Niedergangs, ist die Einladung an das EU-Land Ungarn zum Beitritt zur Seidenstraße an der Seite Russlands und der Eurasischen Wirtschaftsunion ein weiterer brillanter Schritt zur Schaffung einer multipolaren Welt, die eine von NATO und Washington schlecht geplante Diktatur einer einzigen Supermacht ersetzt.“

Die neue Rolle des Reiches der Mitte in der Welt hat Engdahl bereits 2014 in seinem Buch „China in Gefahr“ beleuchtet, das – wie „Russland und die neue Vernetzung Eurasiens“ – zudem anhand zahlreicher Beispiele belegt, dass die USA dabei sind, einen verborgenen Krieg gegen das aufstrebende Reich der Mitte zu führen, der auf verschiedenen Schauplätzen ausgetragen wird. So zieht Washington nicht nur finanzpolitisch gegen die chinesische Währung Yuan zu Felde, sondern führt gleichzeitig von Afrika bis Myanmar einen Kampf um Chinas Öl.

Hinzu kommen ein Nahrungskrieg, ein Medienkrieg und andere heimliche Kleinkriege, die zur Destabilisierung der mittlerweile zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt beitragen sollen. Engdahl versteht es, weltpolitisch bedeutende Ereignisse und regionale Konflikte in einen Gesamtzusammenhang zu setzen, der die strategischen Manöver der Vereinigten Staaten gegen die Volksrepublik offenbart. So stehen laut Engdahl nicht nur der Darfur-Konflikt und die Unabhängigkeit des Südsudan in direktem Zusammenhang mit den Interessen von US-Konzernen wie ExxonMobil und Chevron, sondern auch der gewaltsame Umsturz in Libyen.

Von Afrika bis Fernost

Eine tragende Rolle kommt hierbei dem United States Africa Command (AFRICOM) zu. Hierzu heißt es in „China in Gefahr“: „Tatsächlich wurde AFRICOM, wie viele Quellen in Washington offen zugeben, als Gegenmittel zur wachsenden Präsenz Chinas auf dem Schwarzen Kontinent, einschließlich der Demokratischen Republik Kongo, gegründet. China sichert sich langfristige Abkommen über Rohstofflieferungen aus Afrika und bietet im Gegenzug Hilfe und Verträge über gemeinsame Produktion und Lizenzgebühren. Nach glaubwürdigen Berichten waren die Chinesen viel schlauer: Anstelle der drastischen, vom IWF diktierten Sparpolitik und des wirtschaftlichen Chaos bietet China zinsgünstige Darlehen für den Bau von Straßen und Schulen, um ein gutes Verhältnis zu begründen.“

Der Einfluss der USA im Rohstoffkrieg gegen China erstreckt sich jedoch nicht nur auf Afrika, sondern reicht, wie Engdahl nachweist, bis nach Myanmar und Tibet. Engdahl schreibt: „Tatsächlich ist Myanmar integraler Bestandteil einer Strategie, die das Pentagon als Chinas ‚Perlenkette‘ bezeichnet: in Myanmar, Thailand und Kambodscha Militärbasen aufzubauen, um der amerikanischen Kontrolle über den Engpass der Straße von Malakka entgegenzuwirken. Darüber hinaus gibt es in Myanmar Erdöl und Erdgas, unter dem Festland und vor der Küste, und zwar in großen Mengen.“ Und auch der Tibet-Konflikt scheint tiefere Ursachen zu haben. Engdahl weist nach, dass US-Einflussorganisationen wie die CIA-Frontorganisation National Endowment for Democracy (NED) intensive Kontakte zum Dalai Lama und diversen ‚Free Tibet‘-Organisationen pflegt und diese auf vielfältige Weise unterstützt.“ Wer hätte das gedacht!

Abkehr vom Finanzkapitalismus

Der deutsch-amerikanische Publizist und Ökonom empfiehlt China angesichts der Börsenturbulenzen übrigens aktuell eine Umkehr vom eingeschlagenen Weg des Börsen- und Finanzkapitalismus. Dazu schrieb er unlängst in einem Artikel: „Man kann davon ausgehen, dass die Führung in Peking derzeit über der Frage brütet, wie klug es war, für das Ziel, eine finanzielle Weltmacht zu werden, das Wall-Street-Modell zu übernehmen. Schanghai sollte zur neuen Wall Street Asiens, wenn nicht der Welt aufsteigen. Dieser Wunsch ist geplatzt, denn kein ausländischer Investor wird einem Markt trauen, auf dem der Staat interveniert, ein Verkaufsverbot ausspricht und Verkäufer verhaftet.“

Engdahl hofft, der chinesische Börsencrash werde nun dazu führen, dass die Machthaber ihre Finanzstrategie zu überdenken. Andernfalls drohe Unheil. „Wird sich China nicht der Risiken bewusst, die es mit sich bringt, wenn man dem amerikanischen Vorbild in Sachen Marktderegulierung und Öffnung für freien Kapitalfluss anbelangt, macht sich das Land anfällig für die Art Finanzschocks, die die Tiger-Wirtschaften 1997/98 während der Asienkrise erlitten. Damals zogen die Wall Street, die Quantum Funds von George Soros und Washington die Fäden in der Absicht, die Tiger in Washingtons Käfig zu locken. Zum jetzigen Zeitpunkt ist die Liberalisierung der Finanzmärkte und der Devisenmärkte ganz klar Chinas Achillesferse“, so Engdahl. Auch in dieser Hinsicht zeigt er sich hellsichtiger als das Gros der deutschen und westlichen Kommentatoren.

 

Literaturhinweise:

F. William Engdahl: Russland und die neue Vernetzung Eurasiens, 256 Seiten, geb., zahlreiche Abb., Kopp Verlag: Rottenburg 2015, € 16,95.

F. William Engdahl: China in Gefahr: Wie die angloamerikanische Elite die neue eurasische Großmacht ausschalten will, 302 Seiten, geb., zahlreiche Abb., Kopp Verlag: Rottenburg 2014, € 9,95.

Beide Bücher sind zu beziehen über: www.kopp-verlag.de

Letzte Änderung am Freitag, 12 Februar 2016 11:26
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