Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Politik

Keine Billigung von NS-Untaten

Eklat um KZ-Äußerung von Akif Pirinçci bei PEGIDA: Geschmacklos, aber nicht justiziabel

Mittwoch, 21 Oktober 2015 16:40
Akif Pirinçci Akif Pirinçci Quelle: de.wikipedia.org | © Eckhard Henkel, CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons)

Dresden – Der für seine wüsten Schimpfkanonaden berüchtigte Skandal-Autor Akif Pirinçci („Deutschland von Sinnen“) hat mit seiner Bemerkung auf der Ein-Jahres-Feier von PEGIDA in Dresden, die KZ seien „ja leider derzeit außer Betrieb“, einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Selbst PEGIDA-Organisator Lutz Bachmann, der Pirinçci am Montagabend noch wie eine Art Stargast angekündigt hatte, distanzierte sich mittlerweile von dem Schriftsteller, der auf dem Theaterplatz aus dem Manuskript seines Buches „Umvolkung“ vorlas, das demnächst erscheinen soll. Bachmann sprach von einem „unmöglichen Auftritt“, es sei ein Fehler gewesen, Pirinçci einzuladen. Der türkischstämmige Bestseller-Autor hatte in seinem frühzeitig abgebrochenen Vortrag unter anderem Asylbewerber als „Invasoren“ bezeichnet und vor einer „Moslem-Müllhalde“ gewarnt, die durch den Zuzug von Migranten entstehen würde.

Ebenfalls auf Distanz zu Pirinçci ging der rechte Verleger Götz Kubitschek, der am Montag bei PEGIDA als weiterer Redner aufgetreten war. In einem am Dienstag auf der Internetseite seiner Zeitschrift „Sezession“ veröffentlichten Text warf Kubitschek Pirinçci vor, dieser habe PEGIDA „einen Bärendienst erwiesen“, weil er den Gegnern der Bewegung „das Futter lieferte, das sie – unterernährt bis zur Auszehrung – dringend brauchen“. Ihm selbst sei von Pirinçci vor geraumer Zeit das Manuskript „Deutschland von Sinnen“ angeboten worden, was er jedoch abgelehnt habe. „Zum einen wollte er sehr viel Geld, zum anderen akzeptierte er das Lektorat nicht, mit dem ich gründlich in seine Lust an der Beschimpfung und an der Fäkalsprache eingegriffen hätte“, so der Chef des Antaios-Verlags. Kubitschek weiter: „Ich war auch gestern wieder froh, dass Pirinçci nicht mein Autor geworden ist. Pirinçci hat mit seiner zwanzigminütigen Lesung beschmutzt, was über ein Jahr lang unter großer Mühe aufgebaut worden ist und seit Wochen auf den gestrigen Tag zustrebte: eine große, das Maß haltende, ernsthafte und ehrliche Bürgerbewegung.“

Die Rede des umstrittenen Autors, der früher Katzenkrimis schreib, hat inzwischen hohe Wellen geschlagen. Das Internationale Auschwitz-Komitee bezeichnete Pirinçcis KZ-Bemerkung als „ein widerliches Signal der Schamlosigkeit“. Die Instrumentalisierung des Begriffes KZ lasse die Überlebenden der Konzentrationslager fassungslos und verstört zurück, hieß es in einer Erklärung. Dass eine solche Bemerkung ausgerechnet in Deutschland fiel, sei „jenseits jeden Geschmacks“. Der Vizepräsident des Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, forderte die Politik in diesem Zusammenhang auf, noch stärker gegen Zuwanderungskritiker vorzugehen. „Bisher sind die Antworten Europas auf rechte Herausforderungen kläglich und desillusionierend“, so Heubner. Aus der „deutschen Hilfsbereitschaft“ müsse „sehr schnell eine europäische Lösung“ werden, da sonst „Rechtsextremen und populistischen Bewegungen“ das Tor noch weiter geöffnet werde.

Unterdessen kündigte die Verlagsgruppe Random House an, die Auslieferung von Pirinçcis „Felidae“-Romanen zu stoppen und alle Verträge mit dem Autor zu kündigen. „Der Schutz von Demokratie und Menschenrechten ist für uns ein zentraler Bestandteil unseres verlegerischen Schaffens, ebenso wie der Respekt vor Traditionen und dem Wunsch nach kultureller Vielfalt. Die Aussagen von Akif Pirinçci stehen diesen Werten diametral entgegen“, so die Bertelsmann-Tochter. Ob der Manuscriptum-Verlag von Manufactum-Gründer Thomas Hoof, der erst kürzlich Pirinçcis neues Buch „Die große Verschwulung“ herausgebracht hat und bei dem offenbar auch „Umvolkung“ erscheinen soll, ähnliche Konsequenzen ziehen will, ist nicht bekannt.

Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Dresden Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung gegen Akif Pirinçci eingeleitet. Doch ob es sich hier wirklich um eine justiziable Angelegenheit handelt, erscheint bei näherem Blick mehr als zweifelhaft. Auch wenn man Pirinçcis KZ-Bemerkung – wie viele seiner Äußerungen – mit gutem Recht als Geschmacklosigkeit ansehen kann, so ist es definitiv nicht korrekt, wenn einige Medien nun suggerieren, er habe damit sein Bedauern ausdrücken wollen, dass es keine Konzentrationslager mehr gibt, etwa um Asylbewerber zu internieren.

Tatsächlich ist die Äußerung in einem ganz anderen Zusammenhang gefallen. Pirinçci bezog sich in seinem Vortrag auf die Aussage des Regierungspräsidenten der Stadt Kassel, Walter Lübke (CDU), der Asylkritikern kürzlich auf einer Bürgerversammlung entgegnete: „Wem unsere Asylpolitik nicht passt, der hat das Recht und die Möglichkeit, Deutschland zu verlassen.“ Dazu merkte Pirinçci in seiner Rede an: „Offenkundig scheint man bei der Macht die Angst und den Respekt vor dem eigenen Volk so restlos abgelegt zu haben, dass man ihm schulterzuckend die Ausreise empfehlen kann, wenn er gefälligst nicht pariert. Es gäbe natürlich auch andere Alternativen. Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb.“ Der letzte Satz sollte also offensichtlich nicht seine eigene Meinung ausdrücken, sondern – zynisch und überspitzt – andeuten, dass die heutigen Politiker mit Andersdenken am liebsten auch so verfahren würden wie die Nationalsozialisten, die ihre Gegner entweder ausbürgerten (prominente Fälle waren hier z.B. Thomas Mann, Bertolt Brecht und Willy Brandt) oder in Konzentrationslager steckten.

Darauf wies auch der Schriftsteller und Journalist Michael Klonovsky hin, der in seinem Netz-Tagebuch „Acta diurna“ dazu bemerkte: „Und besonders infam, wie vergaunerte Journalistenimitate auf den natürlich nicht gleichgeschalteten, sondern bloß so wirkenden Online-Plattformen (Mollusken muss man nicht gleichschalten) im üblichen hetzmeutenhaften Sich-gegenseitig-Überbieten nun dem Gastredner Akif Pirinçci unterstellen, er habe für die Wiedereröffnung von Konzentrationslagern plädiert, wo doch genau das Gegenteil richtig ist, er äußert ironisch Sorge, dass sie wieder eröffnet werden könnten, und zwar gegen ‚Fremdenfeinde‘; Pirinçci begibt sich in die Warte des CDU-Regierungspräsidenten von Kassel, der einem Bürger seiner Stadt, welcher gegen die Errichtung eines Aufnahmelagers protestierte, empfohlen hatte, er könne ja auswandern, wenn ihm das nicht passe – und dann fällt der ominöse Satz, der nichts anderes bedeutet als: In ein Lager können wir dich Fremdenfeind ja leider einstweilen nicht stecken.“

Um den Tatbestand der Volksverhetzung gemäß §130 StGB zu erfüllen, müsste Pirinçcis Bemerkung „Aber die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb“ als Billigung, Verherrlichung oder Rechtfertigung von NS-Verbrechen gemeint gewesen sein. Wer die Aussage so deutet, dreht ihm das Wort im Mund herum. Davon unbenommen bleibt der Spruch natürlich eine vollkommen unnötige Spitze, die das Trommelfeuer gegen Kritiker der herrschenden Asylpolitik nur weiter anheizt.

Artikel bewerten
(9 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten