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„Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen“

Ehemaliger CDU-Wahlkampfmanager Peter Radunski empfiehlt Koalitionen mit der AfD

Mittwoch, 31 August 2016 17:31
Peter Radunski, 1989 Peter Radunski, 1989 Quelle: Bundesarchiv, B 145 Bild-F082417-0020 / Schaack, Lothar / CC-BY-SA 3.0

Berlin – Der frühere CDU-Bundesgeschäftsführer Peter Radunski (77) gehört zu den versiertesten strategischen Köpfen der Union. In den Jahren 1976 bis 1990 managte der studierte Politologe alle Wahlkämpfe der CDU, später war er Senator in Berlin, heute ist er Senior Advisor der PR-Profis von MS&L Germany. Radunskis Wort hat in CDU-Kreisen Gewicht. Seine aktuellen Empfehlungen zum Umgang mit der rechtspopulistischen AfD sind deshalb umso bemerkenswerter.

Radunski fordert von der Union einen Schritt, der einen Tabubruch darstellen würde. Er ist nämlich der Ansicht, dass die CDU ihre Konkurrenz von rechts nicht weiter ausgrenzen, sondern auffordern sollte, sich an Regierungsbildung in den Bundesländern zu beteiligen. Andernfalls würde man der AfD weiterhin helfen, „ihre Außenseiterrolle zu stilisieren“. Dies schreibt Radunski nach Medienberichten in einem Beitrag für das am Freitag erscheinende Buch „Strategien im Umgang mit der AfD“ von Christian Nawrocki und Armin Fuhrer (Kellner Verlag, 14,90 Euro).

Für den PR-Experten wären solche Koalitionsangebote nicht weniger als eine „Waffe in der Auseinandersetzung“ mit den Rechtspopulisten, da diese um nichts in der Welt eine Regierungsbeteiligung anstrebten. „Mehrfach einfach Nein zu sagen, würde auf Dauer die Skepsis ihrer Wähler erwecken“, warnt Radunski – und mahnt an, dass die CDU nicht darauf warten sollte, „bis die AfD in der Bevölkerung als regierungsfähig angesehen wird und selbst Koalitionen anstrebt“.

Mit anderen Worten: Möglichst schnell, am besten schon nach den nächsten Landtagswahlen. Die Spitzenkandidaten der Union in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin, Lorenz Caffier und Frank Henkel, haben jedoch bereits deutlich gemacht, dass sie jegliche Zusammenarbeit mit der AfD ausschließen. Ob die Ratschläge des ehemaligen CDU-Wahlkampfmanagers etwas daran ändern werden, ist zweifelhaft.

Radunski gibt seinen Parteifreunden mit auf den Weg: „Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Mit der AfD muss man umgehen wie mit jeder anderen Partei.“ Nicht nur die Union, sondern alle etablierten Parteien sollten „Kraft, Mut und Weitsicht haben, um diesen Schritt mit der AfD zu gehen“.

Bislang gab es in der Union nur vereinzelt Stimmen, die sich für Kooperationen mit der AfD aussprachen. Der hessische CDU-Bundestagsabgeordnete Klaus-Peter Willsch etwa erklärte im Interview mit SACHSEN DEPESCHE: „Nach Abgang Luckes und seiner Gefolgsleute ist die AfD eine andere Partei geworden. In vielen Fragen steht sie uns aber immer noch näher als zum Beispiel die Grünen. Ich stehe für einen nüchternen und pragmatischen Umgang miteinander. Wenn es gemeinsame Positionen gibt, die man mit einer gemeinsamen Mehrheit zustande bringen könnte, sollen sich die betroffenen Leute zusammensetzen.“ (http://www.sachsen-depesche.de/interview/interview-mit-klaus-peter-willsch-cdu-„die-afd-steht-uns-in-vielen-fragen-immer-noch-näher-als-die-grünen“.html)

Ob entsprechende Wortmeldungen aus den Reihen der CDU nach der Veröffentlichung des Radunski-Texts öfter zu hören sein werden, bleibt abzuwarten. Vielen Unionsleuten schmeckt die Vorstellung nicht, wegen der zunehmenden AfD-Präsenz notfalls – wie neulich von Gregor Gysi vorgeschlagen – sogar Koalitionen mit der Linken eingehen zu müssen, doch das Konrad-Adenauer-Haus hat die Devise ausgegeben, die AfD strikt auszugrenzen. Was politisch opportun erscheinen mag, erweist sich strategisch als schwere Bürde.

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