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AfD und NPD schimpfen auf den Rathauschef

Dresden: Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) und der „Opfermythos“ von der „unschuldigen Stadt“

Freitag, 03 Februar 2017 20:30

Dresden – Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) hat sich in einer für bürgerliche Politiker bislang ungewohnten Weise zum bevorstehenden Gedenken an die Bombardierung der Stadt am 13./14. Februar 1945 geäußert. Dresden dürfe nicht „in einem Opfermythos dastehen“, die Elbmetropole „war keine unschuldige Stadt, das wurde wissenschaftlich ausgewertet“, so der OB laut einem Bericht der „Sächsischen Zeitung“. Zugleich warnte der Rathauschef vor einem Wiederaufflammen des Totalitarismus.

Im Zeichen der neuen Gedenkkultur soll seitens der Stadtoffiziellen in diesem Jahr nicht nur der Bombentoten, sondern auch der Opfer des Krieges in Syrien gedacht werden. Vor der Frauenkirche, wo in diesem Jahr auch die Menschenkette beginnt, werden Schrott-Busse aufgestellt – ein besonders umstrittenes Kunstprojekt. Weitere Installationen auf dem Theaterplatz und vor der Semperoper sollen an die im Mittelmeer ertrunkenen Migranten erinnern. 

Scharfe Kritik an den Äußerungen Hilberts und den Kunstprojekten gab es prompt von rechter Seite. „Anstatt sich endlich für ein angemessenes und würdiges Denkmal auf dem Altmarkt zum Gedenken an die schlimmsten Tage in der Geschichte Dresdens – den 13. und 14. Februar 1945 – einzusetzen, protegiert OB Hilbert sehr eigenwillige und für alle ehrlich trauernden Dresdner abschreckende und verwirrende Kunstprojekte“, so der AfD-Stadtratsfraktionsvorsitzende Stefan Vogel. 

Auch der AfD-Stadtrat und -Landtagsabgeordnete Jörg Urban zeigte sich empört: „Es ist sicher kein Zufall, dass diese ‚Kunstaktionen‘ just zu jenem Datum stattfinden, an dem die Dresdner traditionell der Toten der Luftangriffe gedenken. Das Ziel ist klar: den Dresdnern soll – zumindest in der Innenstadt – ihre Gedenkkultur genommen und durch beliebiges anderes Gedenken ersetzt werden. Der Jahrestag der Bombardierung Dresdens wird als Kulisse für politische Umerziehung genutzt. Das ist infam. Der Missbrauch des 13. Februar für politische Selbstinszenierungen ist eine Schande!“ 

Gordon Engler, Sprecher der AfD-Fraktion für Kultur und Tourismus, differenzierte: „Dass Dresden eine ‚schuldige Stadt‘ war, ist solange nicht falsch, solange damit gemeint ist, dass in unserer Stadt die Flagge der Nationalsozialisten vor dem Rathaus wehte, dass Juden und deren nicht-jüdische Angehörige, Sinti und Roma, Gewerkschafter und Sozialdemokraten schikaniert, misshandelt und abtransportiert wurden, dass die weltberühmten Galerien von den Dresdnern selbst nach entarteter Kunst durchforstet und gesäubert und dass in Dresden Waffen für den Krieg gefertigt sowie Zwangsarbeiter in Lagern gehalten wurden. Ja, Dresden war sicherlich zu keinem Zeitpunkt ein Hort des Widerstands gegen das nationalsozialistische Regime, stattdessen sogar in nicht wenigen Bereichen eher das Gegenteil. Doch wie der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner bekannten Rede am 8. Mai 1985 richtig feststellte: ‚Schuld oder Unschuld eines ganzen Volkes gibt es nicht. Schuld ist, wie Unschuld, nicht kollektiv, sondern persönlich.‘ So kann es auch keine schuldige Stadt, kein schuldiges Dresden geben! Ich fordere Oberbürgermeister Hilbert auf, eine Gedenkkultur in Dresden zu pflegen, die ohne Einseitigkeit, ohne Flucht in utopische Heilslehren und ohne moralische Überheblichkeit ein Gedenken und Erinnern ermöglicht, in welchem sich alle Dresdner, die ihre Stadt lieben, wiederfinden können.“ 

Wie zu erwarten, stimmte auch die NPD in den Chor der Hilbert-Kritiker ein. Deren Landesvorsitzender und Dresdner Stadtrat Jens Baur erklärte via Facebook: „Wer – wie Dirk Hilbert – den alliierten Bombenterror auf Dresden rechtfertigt und die Bevölkerung zu Tätern erklärt, hat kein Recht, OB dieser Stadt zu sein.“ Bauers eigene Klientel wird sich bereits am 11. Februar zu einem „Trauermarsch“ durch die Innenstadt treffen. Am 18. Februar soll es eine weitere Demo geben. Die AfD will am 14. Februar eine Kranzniederlegung auf dem Altmarkt durchführen. In allen Fällen wurden bereits Gegenproteste von linker Seite angekündigt.

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