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Bilderberg-Konferenz in Dresden

Bilderberg-Chef Henri de Castries verteidigt Geheimhaltungsstrategie

Mittwoch, 08 Juni 2016 14:57
Henri de Castries Henri de Castries Quelle: de.wikipedia.org | MEDEF | CC BY-SA 2.0

Dresden – Kurz vor Beginn der Bilderberg-Konferenz in Dresden hat der Vorsitzende der Bilderberg-Gruppe, Henri de Castries, Kritik an der Geheimniskrämerei rund um das Treffen zurückgewiesen. „Warum konzentriert man sich so auf die Geheimhaltung von Bilderberg, wenn es jeden Tag Zehntausende Treffen gibt, deren Inhalt nicht öffentlich ist? Was wäre die Rechtfertigung? Es ist kein Parlament, keine operative Organisation. Es ist eine informelle Gruppe, die über verschiedene Themen spricht und die Diskussion hinter verschlossenen Türen führt, um die Gespräche zu erleichtern. Warum sollten diese Menschen nicht das gleiche Recht auf Privatsphäre haben wie jeder normale Bürger?“, so der Vorstandsvorsitzende des französischen Versicherungskonzerns AXA in einem Interview mit der Tageszeitung „Die Welt“.

Die illustre Runde von rund 130 Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Finanzwelt sei „ausschließlich ein informeller Kreis, in dem Diskussionen zu breiten Themen geführt werden und Menschen Meinungen austauschen“. Die Konferenz verfahre nach den sogenannten Chatham-House-Regeln, die Teilnehmern die Verwendung von Informationen des Treffens nur erlauben, wenn sie die Identität des Sprechers nicht offenlegen. Er würde die Kritik verstehen, so de Castries, „wenn bei Bilderberg Entscheidungen getroffen würden, die sich auf öffentliche Systeme auswirken“. Es sei jedoch „völlig klar, dass dort keine Entscheidungen getroffen werden“.

Die Behauptungen von Henri de Castries stehen im Widerspruch zu Aussagen früherer ranghoher Bilderberger und Konferenzteilnehmer. So erklärte Étienne Davignon, der Vorgänger von de Castries als Vorsitzender der Bilderberg-Gruppe, dass zu den Entscheidungen, die am Konferenztisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit gefällt worden seien, auch die Einführung des Euro gehört hätte.

Der frühere NATO-Generalsekretär Willy Claes, der bei mehreren Treffen der Bilderberg-Gruppe zugegen war, räumte 2010 in einem Radiointerview ein, dass die Teilnehmer der Konferenzen sogar angehalten seien, später jene Entscheidungen umzusetzen, die zuvor am Bilderberg-Tisch formuliert wurden.

Auch für den Herausgeber des britischen „Observer“, Will Hutton, der wie Claes mehrfach an den Konferenzen teilgenommen hat, waren die Treffen keine Kaffeekränzchen. Man treffe dort Entscheidungsträger und helfe ihnen, bestimmte Entscheidungen zu treffen, vor allem hinsichtlich einer Weiterentwicklung der Freihandelsideologie, die nach einer BBC-Reportage von allen Bilderbergern wie ein quasi-religiöses Dogma geteilt werde. Hutton schrieb 1988: „Bilderberg gehört zu den wichtigsten Zusammenkünften des Jahres. (…) Der dort gefundene Konsens definiert den Rahmen, in dem Politik weltweit gemacht wird.“

Der frühere Labour-Politiker und britische Minister Dennis Healey, der 30 Jahre lang Mitglied im Lenkungsausschuss der Bilderberger war, wurde vom „Guardian“ wie folgt zitiert: „Zu behaupten, wir strebten nach einer Eine-Welt-Regierung, ist übertrieben, aber nicht gänzlich unfair. Wir in Bilderberg erkannten damals, dass wir uns nicht auf ewig gegenseitig für nichts bekämpfen und Menschen töten und Millionen heimatlos machen könnten. Wir waren der Überzeugung, dass eine einzige Gemeinschaft in der ganzen Welt eine gute Sache wäre.“ Und weiter: „Bilderberg ist eine Möglichkeit, Politiker, Industrielle, Finanziers und Journalisten zusammenzubringen. Politik sollte auch die Menschen einbeziehen, die keine Politiker sind. Wir sind daran interessiert, jüngere Politiker, deren Stern im Steigen begriffen ist, einzubeziehen und sie mit Finanzleuten und Industriellen zusammenzubringen, die ihnen ihre Erfahrungen und Erkenntnisse vermitteln können. Dies erhöht die Chance, eine sensible globale Politik zu betreiben.“

Das alles klingt nicht gerade nach einem informellen Treffen ohne jegliche Auswirkung auf die Weltpolitik und das ökonomische Geschehen. Entweder haben die zitierten Bilderberger allesamt zu dick aufgetragen – oder Henri de Castries versucht, angesichts zunehmender Kritik an der Geheimstrategie der Bilderberg-Gruppe die Öffentlichkeit bewusst zu täuschen.

Die diesjährige Bilderberg-Konferenz findet vom 9. bis zum 12. Juni im noblen Kempinski-Hotel Taschenbergpalais in Dresden statt. Bei dem Treffen geht es nach Informationen, die der SACHSEN DEPESCHE vorliegen, unter anderem um die Flüchtlingskrise, die US-Präsidentschaftswahlen sowie die wirtschaftliche und politische Lage in China, Russland und dem Nahen Osten. Seitens der Bundesregierung nehmen an der Konferenz drei CDU-Minister teil: Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, Finanzminister Wolfgang Schäuble und Innenminister Thomas de Maizière.

Zur Absicherung der Konferenz hat die Stadt rund um den Tagungsort ein Versammlungsverbot verhängt. Die Verfügung untersagt Ansammlungen von mehr als 15 Menschen. Die Polizei ist täglich mit etwa 400 Beamten im Einsatz. In entsprechender Entfernung zum Taschenbergpalais sind inzwischen 19 Kundgebungen und Mahnwachen linker und globalisierungskritischer Gruppen sowie der AfD und der NPD gegen die Konferenz angemeldet. Die Polizei geht von einem „lautstarken, aber grundsätzlich friedlichen Protest“ aus.

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