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Rechte Szene befürchtet Enthüllungen

„Irrtum NPD“: Ex-Parteichef Holger Apfel lässt seine NPD-Zeit in einem Buch Revue passieren

Freitag, 20 Januar 2017 18:21
Der frühere NPD-Vorsitzende Holger Apfel Der frühere NPD-Vorsitzende Holger Apfel

Dresden – Politiker veröffentlichen ihre Memoiren für gewöhnlich, wenn sie ein hohes Alter erreicht haben. Dann können sie auf viele Jahrzehnte politischen Wirkens zurückblicken und ein Resümee ziehen. So lange wollte der frühere NPD-Parteichef Holger Apfel (46) offenbar nicht warten. Seine politische Rückschau „Irrtum NPD: Ansichten – Einsichten – Erkenntnisse“ erscheint am 1. März 2017 im Gerhard-Hess-Verlag – und wie der Titel vermuten lässt, handelt es sich dabei nicht gerade um eine Liebeserklärung an seine frühere Partei.

Das darf auch nicht weiter verwundern: Apfel musste nach einer bis heute nicht restlos aufgeklärten Affäre am 19. Dezember 2013 als Bundesvorsitzender der rechten Partei zurücktreten und verließ die NPD kurz darauf. Bis dahin war er auch Vorsitzender der NPD-Fraktion im Dresdner Landtag. Unter seiner Führung zogen die Rechten zweimal – 2004 und 2009 – ins sächsische Landesparlament ein. Nachdem er abgetreten war, verpasste die NPD im Jahr darauf den Wiedereinzug in den Landtag. Heute lebt Apfel auf der Ferieninsel Mallorca und betreibt an der Playa de Palma die Kneipe „Maravillas Stube“. Dort serviert er Schnitzel, Bier und Kräuterschnäpse zu Bundesliga-Übertragungen.

Viele seiner früheren Parteifreunde betrachten ihn als „Verräter“, mancher wünschte ihm sogar den Tod an den Hals. Verhasst war der gebürtige Hildesheimer schon zu seiner aktiven Zeit bei den Ultraradikalen und Neonazis. Mit seinem Kurs der „seriösen Radikalität“ wollte er die NPD aus dem Rechtsaußen-Ghetto in Richtung gesellschaftliche Mitte führen – ungefähr dorthin, wo heute die AfD steht.

Dieses Unterfangen sieht der vierfache Familienvater im Rückblick als gescheitert an. Seine frühere Partei, gegen die inzwischen zum zweiten Mal erfolglos ein Verbot angestrengt wurde, hält er für nicht unreformierbar und politisch bedeutungslos. Laut Buchankündigung sagt er sogar: „Eine ernsthafte Gefahr für den Staat ging von der NPD zu keinem Zeitpunkt aus.“ Die Partei sei zu einem Popanz aufgebauscht worden, was er auch als Ergebnis einer zeitweilig erfolgreichen Medienstrategie ansieht. An dieser Skandalisierungsschraube hat Apfel fleißig mitgedreht, sammelte im Parlament einen Ordnungsruf nach dem anderen und ließ sich von der Szene feiern, als er 2010 wegen einer anti-israelischen Hetzrede für zehn Sitzungen vom Landtagsbetrieb ausgeschlossen wurde.

In der Vorankündigung kann man lesen: „Neben Apfels Biografie gibt das Buch einen tiefen Einblick in das Innenleben der NPD. Am Ende seines Weges steht kein ‚Rachefeldzug‘ und auch kein unreflektiertes Abschwören. Holger Apfel geht es um ehrliche Aufarbeitung. Er übernimmt Verantwortung und setzt sich selbstkritisch mit seinem eigenen Handeln auseinander. Apfels erworbene Erkenntnisse lassen hinter die Kulissen einer ganzen Szene schauen, die nach wie vor daran glaubt, dass ihre politische Stunde eines Tages kommen wird.“

In den sozialen Netzwerken wirken Teile dieser Szene schon aufgescheucht. Manch einer der führenden Funktionäre wird sich fragen, wie er in Apfels Buch wegkommt, andere – gerade jene, die ihm schon während seiner Parteizeit alles andere als wohlgesonnen – fürchten möglicherweise peinliche Enthüllungen. Kenner der Szene sagen, dass der frühere NPD-Chef über so viel Insider-Wissen verfügt wie kaum ein anderer, weil er sich weniger um politisch-ideologische Fragen kümmerte als vielmehr ums Strippenziehen und Taktieren im Hintergrund, wozu mitunter auch das Kaltstellen von (potenziellen) Kontrahenten zählte. Wie viel Apfel von diesen intimen Kenntnissen preisgeben wird, weiß noch keiner.

Letzte Änderung am Freitag, 20 Januar 2017 18:52
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