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Rechtspopulismus in Dresden

„Erntedank“ bei PEGIDA

Freitag, 20 Oktober 2017 00:41
PEGIDA-Anhänger am Montag in Dresden PEGIDA-Anhänger am Montag in Dresden Quelle: Jan Erbenfeld

Dresden - Beim Erntedankfest im Herbst danken die Christen Gott für das Gedeihenlassen der eingebrachten Früchte. Dabei kommt zum Ausdruck, daß das „tägliche Brot“ keinesfalls eine mühelose Selbstverständlichkeit ist, vielmehr erst durch harte Arbeit erkämpft werden muß. Dezidiert Christliches hört man montags auf den Dresdner Straßen selten. Bei der 128. PEGIDA auf dem Altmarkt ist das anders. „Hans“, unverkennbar Sachse, kommt nicht als Unbekannter. Schon mehrfach sprach der ambitionierte Christ bei den Islamkritikern, zumeist vor Weihnachten. Gewiß ist er kein „richtiger“ Pfarrer, wie anfangs suggeriert wurde. Eher ist „Hans“ eine Art PEGIDA-Theologe, mit ausgeprägtem Mutterwitz jedenfalls, und so gibt es bei der Gelegenheit einen jener selteneren Redebeiträge, Motto: Wenn schon Rechtspopulismus, dann bitte nicht ohne Humor!

Und so begrüßt „Hans“ die „treuen Zaungäste“ der PEGIDA, die jungen Leute von der Antifa, welche sich finster dräuend hinter großen Bannern am Rande des Platzes postiert haben. Den PEGIDA-Gegnern also redet der fromme Sachse ins Gewissen: Trotz des noch schönen Wetters komme bald der Winter. Ob sie schon mal darüber nachgedacht hätten, was sie essen werden, wenn nichts mehr auf den Feldern wachse, und wieso es dann in den Wohnungen dennoch warm sei? Denken sollten sie daran, daß dies nicht schon immer so war und auch heutzutage in vielen Weltgegenden keineswegs selbstverständlich. In der Bibel stehe, daß „wir Menschen“ unser Brot „im Schweiße unseres Angesichts“ essen sollen und dafür hart arbeiten müssen. Dann bittet er die Gegendemonstranten, einmal einen Blick auf die zahlreich versammelten Pegidianer zu werfen.

Das genau seien die Leute, die „morgens um 6“ schon „auf dem Traktor“ säßen, um das Feld zu bestellen und abends um 10 immer noch dort seien, weil das Getreide bei gutem Wetter eben in den Speicher müsse. Das gelte auch für diejenigen hier auf dem Platz, die Speicher und Gefrierketten bauten, auch Lebensmittelchemiker, Biologen und Saatguthersteller in der Industrie, die nach „Gottes Gebot“ arbeiteten, damit „wir täglich etwas zu Essen“ haben. Die von „Hans“ ernannten Traktoristen und Biologen sind verblüfft und applaudieren. „Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen“, tönt ein weiteres Bibelzitat. Das Publikum reagiert mit Gelächter, versteht und kommt langsam wieder ins Brüllen: „Faules Pack“! Jedenfalls freut sich „Hans“, wie gut die Bibel „für uns heute“ paßt.

Zum Schluß ein „Experiment“. Jeder, der hier auf dem Altmarkt in der Landwirtschaft, in der Nahrungsmittelindustrie arbeite, soll den Arm heben. Viele seien es nicht, meint „Hans“, der auch die Gegendemonstranten ausdrücklich dazu einlädt. Die aber bittet er jetzt, hinter ihren Bannern hervor- und auf die handhebenden Landwirtschafts-Pegidianer hinzutreten, mit Handschlag und den Worten „Danke für Deine Arbeit“. Reglos steht der Refugee-Welcome-Block. Schließlich meint „Hans“ resignierend, daß diese Verweigerung eben jener Verachtung entspräche, die einst die Feudalherren gegenüber dem Bauernstand an den Tag legten. Nein, auf diesem Platz gibt es keinen Konsens, keine Vergebung und schon gar keinen Dank. Längst ist jedes Lachen verstummt. „Faules Pack“, rufen die PEGIDA-Anhänger abermals in ohnmächtiger Wut, womit die „Erntedankfeier“ auf dem Altmarkt ihr unchristliches Ende findet.

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