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Zwischen Bürgerwut und Professionalität

„Brücken bauen“: Die Feier zum Tag der Deutschen Einheit in Dresden

Dienstag, 04 Oktober 2016 16:04
Professioneller Polizeieinsatz in Dresden. Im Bild links: Bundespräsident Joachim Gauck. Professioneller Polizeieinsatz in Dresden. Im Bild links: Bundespräsident Joachim Gauck. Quelle: Jan Erbenfeld | SACHSEN DEPESCHE

Dresden – Unter strengen Sicherheitsvorkehrungen fand vom 1. bis 3. Oktober das Fest zum Tag der Deutschen Einheit statt. Ausgerechnet in Dresden, der Stadt der PEGIDA-Proteste. Um terroristische Attentate mit Fahrzeugen zu verhindern, hatte man 3,8 Kilometer Absperrgitter und 1400 Betonklötze aufgestellt. 2600 Polizeibeamte waren im Einsatz, um für die Sicherheit der ca. 450.000 Festbesucher zu sorgen. Das mag ein bisschen martialisch und durchaus ungewohnt ausgesehen haben, alles in allem aber hat es funktioniert.

Wenn es noch eines Beweises für das Leistungsvermögen des weiß-grünen Freistaates bedurft hätte, dann hat ihn dieses Wochenende erbracht. Das Bürgerfest in der sächsischen Hauptstadt jedenfalls konnte sich sehen lassen. 12.000 Quadratmeter Fläche waren dazu überdacht, zwölf Kilometer Kabel verlegt und zahlreiche Bühnen für mehr als 4000 Mitwirkende und 400 Aussteller aufgebaut worden. Geboten wurde ein vielfältiges Programm aus Konzerten, Tanz und Mitmach-Angeboten, Ausstellungen und Diskussionen. 

Bundesweite Aufregung hingegen haben die Bürgerproteste ausgelöst, die am Montagmorgen vor allem an der Frauenkirche das mediale Bild bestimmten. Einige hundert Wutbürger hatten sich auf dem Neumarkt eingefunden, um ihrem Unmut über die Politik der Bundesregierung Ausdruck zu verleihen. Da hagelte es lautstarke Beschimpfungen: Volksverräter, Merkel muss weg, Haut ab! Das wird manchem Politiker nicht gefallen haben – und doch: Im Vorfeld hatte es geheißen, dass die Grundrechte der Bürger nicht beschnitten werden, und der Staat hat dies auch umgesetzt, unspektakulär und professionell. 

Scharfschützen lagen auf den Dächern des Kulturpalastes, waren im Obergeschoss von Dinglingerhaus und Kunstakademie postiert, Polizeiketten zogen auf. Dennoch wurden die Protestler an der Frauenkirche bis auf wenige Meter an die höchsten Repräsentanten der Bundesrepublik herangelassen, konnte sich die Empörung ungehindert Bahn brechen. Bis auf verbale Attacken blieb alles friedlich, die Sicherheitsbeamten agierten umsichtig und souverän. Solche Elastizität trug Früchte, konnte damit doch weitere Eskalation vermieden werden, und vielleicht war es gerade die Sorge um diesen besonnen agierenden Staat, die manchen Demonstranten an der Frauenkirche umtrieb. 

Auch anderswo war am Wochenende in Dresden demonstriert worden. Gegen die Einheitsfeier hatten am Sonntag rund 800 Linksradikale („Solidarity without limits“) protestiert, am Montag beklagte die FDJ am Jorge-Gomondai-Platz die „Annexion der DDR“, zogen mehr als 5000 PEGIDA-Demonstranten durch die Innenstadt, gab es bei „Festung Europa“ am Blauen Wunder hunderte „Sachsen gegen Salafisten“. 

Trotz strömenden Regens also von Politikmüdigkeit keine Spur, auch nicht von politischer Aufmüpfigkeit. Eine lebendige Demokratie sollte das aushalten. Die Sachsen haben es drei Tage exerziert und mit ihrer Einheitsfeier in Dresden vielleicht mehr demokratisches Bewusstsein bewiesen, als es einige in ihrer Eitelkeit gekränkte Bundespolitiker wahrhaben wollen.

Letzte Änderung am Montag, 10 Oktober 2016 17:00
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