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Salomon Korn als Nachfolger von Joachim Gauck?

„Bild“-Herausgeber Kai Diekmann wünscht sich einen „jüdischen Bundespräsidenten“

Freitag, 04 November 2016 21:06
Kai Diekmann, 2014 Kai Diekmann, 2014 Quelle: de.wikipedia.org | Michael Thaidigsmann | CC-BY-SA 4.0

Berlin/Frankfurt am Main – Während das rot-rot-grüne Lager darüber diskutiert, ob man mit dem aus dem Iran stammenden Theaterregisseur und Essayisten Navid Kermani erstmals einen muslimischen Kandidaten für das höchste Staatsamt ins Rennen schicken sollte, hat der frühere Chefredakteur und heutige Herausgeber der „Bild“-Zeitung, Kai Diekmann, am Donnerstag einen ganz anderen Vorschlag gemacht.

Diekmann, der für den größten Auflageneinbruch in der Geschichte des Boulevardblattes verantwortlich zeichnet, wünscht sich nämlich keinen Moslem, sondern findet, dass es „Zeit für einen jüdischen Bundespräsidenten“ sei. Auf Twitter verriet er auch gleich, an wen er dabei denkt: Sein Wunschkandidat ist Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main.

Der Rabbinerenkel Korn wurde 1943 als ältester von drei Brüdern im Ghetto Lublin geboren, überlebte die NS-Besatzungszeit und kam nach dem Krieg mit seinen Eltern in ein Lager für „Displaced Persons“ nach Frankfurt. Später studierte er Architektur und Soziologie. Nach seinen Plänen wurde 1986 das Jüdische Gemeindezentrum in der Mainmetropole erbaut und unter dem von ihm formulierten Motto „Wer ein Haus baut, will bleiben, und wer bleiben will, erhofft sich Sicherheit“ feierlich eröffnet.

Von 2003 bis 2014 amtierte Korn als Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, seit 1999 steht er der Jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main vor. Außerdem ist er Ehrensenator der Universität Heidelberg und Kuratoriums-Vorsitzender der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. 2009 erhielt er den Hessischen Kulturpreis.

Zu Diekmanns Vorschlag hat sich Korn bislang noch nicht geäußert, so dass man gar nicht weiß, ob er überhaupt Ambitionen hat, ins Schloss Bellevue einzuziehen. Mit Sergey Lagodinsky hat sich jedoch inzwischen ein Repräsentant der Jüdischen Gemeinde Berlin zu Wort gemeldet – und dem „Bild“-Herausgeber eine Instrumentalisierung von Juden vorgeworfen. „Wenn so ein Vorschlag ernst gemeint wäre, hätte man ihn politisch anders einfädeln sollen. Aber nicht in einem Tweet mit dem Satz: ‚Zeit für einen Juden‘. Salomon Korn ist ein spannender Intellektueller. Es hätte gereicht ihn ins Gespräch zu bringen, weil er zur Diskussion um die Deutsche Identität einen überlegten, weisen Beitrag leistet“, erklärte der 40-jährige Rechtsanwalt und Publizist, der als Referatsleiter bei der Grünen-nahen Heinrich-Böll-Stiftung beschäftigt ist.

Gegenüber dem Internetportal „Ruhrbarone“ beklagte Lagodinsky außerdem: „Es passiert in Deutschland allzu oft, dass Juden von der Mehrheitsgesellschaft dafür benutzt werden, damit diese sich besser fühlt. Das ist aber nicht der Zweck der jüdischen Existenz hier. Juden leben in Deutschland, weil sie ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft sind. Hier geht es nicht nur um diesen Vorschlag, sondern darum, wie Juden in dieser Gesellschaft gesehen und behandelt werden.“ Mit einem „symbolischen“ Vorschlag wie Diekmanns sei „es nicht getan“. Über die Nachfolge von Joachim Gauck wird also weiterhin gestritten.

Letzte Änderung am Freitag, 04 November 2016 21:13
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Das Neueste von Michael Krug

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