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Senderchefin mit bewegter DDR-Vergangenheit

MDR-Intendantin Karola Wille für eine zweite Amtszeit nominiert

Mittwoch, 26 Oktober 2016 00:38
MDR Logo MDR Logo Quelle: MDR

Leipzig – Der Verwaltungsrat des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR) hat sich einstimmig dafür ausgesprochen, die Senderintendantin Karola Wille für eine zweite Amtszeit zu nominieren. Beobachter gehen davon aus, dass bei der Sitzung des Rundfunkrats am 5. Dezember gegen Wille, die seit 2011 MDR-Intendantin ist und seit Anfang des Jahres auch als ARD-Vorsitzende amtiert, keine weiteren chancenreichen Kandidaten antreten werden. Die neue Amtszeit der Intendantin beginnt am 1. November 2017 und dauert sechs Jahre.

Für die Vorsitzende des MDR-Verwaltungsrats, Birgit Diezel, ist die erneute Nominierung der gebürtigen Chemnitzerin mit Blick auf den senderinternen Strategieprozess Ausdruck einer notwendigen Kontinuität. „Die Entscheidung haben wir über einen sachlichen Beratungs- und Entscheidungsprozess mit allen Verwaltungsratsmitgliedern offen und konstruktiv diskutiert und im Ergebnis vollkommen einvernehmlich beschlossen“, so Diezel am Montag. Wille habe in den vergangenen Jahren die personelle Entwicklung im MDR sowie den Umbau des Senders hin zu einem modernen trimedialen Medienhaus nachhaltig gestaltet. Darüber hinaus habe die Juristin mit ihren Leitgedanken schon in kürzester Zeit wichtige Akzente im Rahmen ihres ARD-Vorsitzes gesetzt.

Wegen ihrer bewegten DDR-Vergangenheit ist Wille allerdings nicht unumstritten. 1959 im damaligen Karl-Marx-Stadt geboren, schloss sie sich „aus Überzeugung“, wie sie später einräumte, bereits mit 18 Jahren der SED an, bekam daher problemlos einen Studienplatz an der juristischen Fakultät der Universität Jena und war jahrelang mit einem DDR-Militärstaatsanwalt verheiratet. Entsprechend linientreu verfasste sie 1985 ihre Doktorarbeit. „Die Vorzüge des Sozialismus sind auch im internationalen Rahmen umfassend zur Geltung zu bringen“, schrieb sie in ihrer Promotionsschrift und betonte die „historische Mission der Arbeiterklasse“.

Nach der Wende setzte Wille ihre juristische Ausbildung an der Fernuniversität in Hagen fort, bevor sie auch im neuen Staat kurzerhand wieder in die Karrierespur einbiegen konnte, zunächst als Justiziarin der Stadt Leipzig, dann als Juristische Direktorin beim MDR. 2002 bekam sie von der Universität Leipzig eine Honorarprofessur für Medienrecht angetragen, 2011 folgte ihre Wahl zur Nachfolgerin des zuvor zurückgetretenen MDR-Intendanten Udo Reiter. Wille übernahm außerdem 2012 die Schirmherrschaft über das Medienforum Mittweida und wurde Anfang 2014 zur stellvertretenden Verwaltungsratsvorsitzenden der Berliner Filmförderungsanstalt (FFA) gewählt.

Als Karola Wille 2011 erstmals für das Amt der MDR-Intendantin nominiert wurde, protestierten DDR-Opferverbände gegen dieses Vorhaben. Der damalige Vizevorsitzende der Vereinigung der Opfer des Stalinismus (VOS), erklärte: „Wir wollen nicht, dass im MDR die DDR weiter fortgesetzt wird. Deshalb ist eine Frau, die in ihrer Dissertation noch 1985 dem Sozialismus gehuldigt hat, nicht wählbar.“ Inzwischen ist der Pulverdampf verflogen, und viele sind froh darüber, dass Wille den MDR nach der Korruptionsaffäre um Ex-Unterhaltungschef Udo Foht wieder in ein ruhiges Fahrwasser bringen konnte. In den vergangenen sechs Jahren gab es zwar keine Skandale beim MDR, doch gänzlich kritikfrei dürfte die Entscheidung des Verwaltungsrats, Wille für eine zweite Amtszeit zu nominieren, nicht bleiben. Was man dort als „Kontinuität“ lobt, sehen andere nämlich als Kleben an einem Sessel, der dank sprudelnder GEZ-Einnahmen gut gepolstert ist.

Letzte Änderung am Mittwoch, 26 Oktober 2016 00:49
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