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Filmrezension

KAFKAS DER BAU: Alexander Freydanks expressionistische Gegenwartskritik

Donnerstag, 30 Juli 2015 14:18
Original-Filmplakat Original-Filmplakat Quelle: Der Bau - Filmplakat

Leipzig – Mit der Verfilmung von Kafkas Erzählung „Der Bau“ ist derzeit ein ganz besonderer cineastischer Leckerbissen zu sehen – jedoch leider nur in wenigen Programmkinos. Die Rezensentin musste den Weg von Leipzig – auch nicht gerade ein Kuhdorf – nach Dresden auf sich nehmen, da die dortige „Schauburg“ das einzige Lichtspielhaus in Sachsen ist, das den Streifen zeigt. Nicht nur angesichts der Tatsache, dass Alexander Freydanks düstere Kafka-Adaption mit Geldern aus mehreren Filmförderungstöpfen gesponsert wurde, ein Unding!

Die weite Fahrt – immerhin jeweils 115 Kilometer hin und zurück – hat sich dennoch gelohnt, denn Freydank ist ein wahres Meisterwerk gelungen, das, anders als viele Kafka-Verfilmungen zuvor, mit der Originalsprache des Autors arbeitet und namhaft besetzt ist, allen voran mit Axel Prahl in der Hauptrolle, der eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass er nicht nur als Münsteraner Tatort-Kommissar taugt, sondern ein echter Charakterdarsteller ist. Trotz einiger Längen ist „Kafkas Der Bau“ ein rundum gelungener Film – wenn man Experimentellem gegenüber aufgeschlossen ist und einen Sinn für expressionistische Ästhetik hat.

Regisseur Alexander Freydank, 1967 in Ost-Berlin geboren, früher Werbefilmer und heute auch Produzent und Drehbuchautor von Fernsehproduktionen, ist einer der wenigen deutschen Oscar-Preisträger. Den begehrten Filmpreis erhielt er 2009 allerdings nicht für einen Streifen in voller Spielfilmlänge, was ihm zweifelsohne einen größeren Bekanntheitsgrad beschert hätte, sondern für seinen 14-minütigen Kurzfilm „Spielzeugland“, der die Shoah thematisiert: Deutschland im Kriegsjahr 1942 – Der kleine Heinrich fragt sich, wohin sein jüdischer Freund verschwunden ist. Seine Mutter greift zu einer Notlüge und sagt ihm, er sei ins Spielzeugland gegangen. Der Junge macht sich daraufhin auf den Weg, um seinen Gefährten zu suchen. Am Ende findet die Mutter zwar nicht Heinrich wieder, kann aber einem jüdischen Jungen, den sie als ihren Sohn ausgibt, das Leben retten.

Mit „Der Bau“ hat sich Freydank einen ähnlich schweren Stoff vorgenommen. Kafka schrieb den Text um 1923, die unvollendete Erzählung wurde allerdings erst 1928, also vier Jahre nach dem Tod des Schriftstellers, von seinem Vertrauten und Nachlasswahrer Max Brod in der Zeitschrift „Witiko“ veröffentlicht. Sie handelt von einem Tier, das einen unterirdischen Bau errichtet hat, um sich gegen einen nicht näher benannten Feind zu schützen. Der Ich-Erzähler, eben jenes Fabelwesen, symbolisiert den Typus des sicherheitsvernarrten Kleinbürgers mit Hang zur Paranoia, und diese paranoiden Züge stechen im Lauf der Geschichte deutlich hervor, denn tatsächlich wird das Tier augenscheinlich von niemandem bedroht. Lediglich ein Zischen, dessen Ursache ungeklärt ist, erscheint als Merkwürdigkeit, wenngleich niemals klar wird, ob dieses Geräusch vielleicht nicht nur eingebildet ist.

Mit der Zeit unternimmt das Tier immer mehr Anstrengungen, um seinen Bau noch sicherer zu machen. Es beobachtet den Eingang von außen, bringt Nächte damit zu, die Gänge zu durchstreifen und das Wirrwarr, das den Feind ins Leere laufen lassen soll, zu vervollkommnen. Schließlich verliert es sich jedoch selbst in seinem Labyrinth und findet keinen Ansatz mehr, wie die unterirdische Behausung noch zu perfektionieren sei. Die Panikattacken werden immer schlimmer, schließlich bleibt nur Verzweiflung und Ohnmacht gegenüber dem unsichtbaren Gegner, der sich niemals zeigt, aber das Leben des Wesens bestimmt. Die Parabel verdeutlicht die Sinn- und Aussichtslosigkeit eines Kampfes gegen imaginäre oder übersteigerte Feindbilder.

Freydank hat aus dem Tier einen Menschen gemacht, und aus dem unterirdischen Dachsbau ein leuchtend rotes Hochhaus inmitten düsterer urbaner Tristesse. Franz, dargestellt von Axel Prahl, mittlerer Angestellter, sieht den ganzen Tag Börsenkurse hektisch über seinen Bildschirm flimmern. So anonym wie sein Arbeitsumfeld ist auch der mit roten Kunststoffplatten verkleidete Kubus, der „Bau“, in dem er mit seiner Frau und den zwei Kindern eine Mietswohnung bezieht. Das Hochhaus verströmt den Charme eines Hochsicherheitsgefängnisses, zwei wenig vertrauenswürdige Wachleute (Robert Stadlober und Fritz Roth) sollen für Sicherheit im Haus sorgen. Zahlreiche Überwachungskameras komplettieren das Bild eines abgeschirmten Betonbunkers.

Anfänglich zeigt sich Franz zufrieden. „Ich habe den Bau eingerichtet, und er scheint wohl gelungen“, lässt Freydank seinen Protagonisten mit den Originalsätzen Kafkas sagen. Mit der Zeit jedoch steigt in ihm die Angst vor einer äußeren Bedrohung auf, die auch durch die hohen Sicherheitsvorkehrungen im Haus nicht abgemildert wird. Seltsame Geräusche steigern seine Panik, im ohnehin schon abgeschotteten Haus verbarrikadiert er sich förmlich in seiner Wohnung. Gegenüber allen, vor allem seinem Nachbarn (Roeland Wiesnekker) und dem Hausmeister (Josef Hader) wird er immer misstrauischer. Selbst einem Handwerker (Devid Striesow), der ihm neue Schlösser einbaut, traut er nicht über den Weg.

Am Ende wird Franz in seiner Paranoia nicht nur sprichwörtlich über Leichen gehen. Seine Frau verlässt ihn mitsamt der Kinder, später wird ihm gekündigt. Inzwischen ist die Welt um ihn herum aus den Fugen geraten. Die Straßenzüge verfallen zusehends, Obdachlose belagern die Plätze, und selbst das rote Hochhaus wird langsam zur Ruine. Franz verliert seine Arbeit, geht nun selbst auf die Straße, verwahrlost, wird von den Wachleuten zusammengeschlagen und verliert Hab und Gut. Am Schluss des 110-minütigen Films fragt man sich, ob nicht alles schon immer so gewesen ist. War das andere Leben, das Franz geführt hat, nur eine Ausgeburt seiner Fantasie? Anzeichen dafür gibt es – doch so, wie Kafkas Erzählung unvollendet blieb, bleibt auch Freydank dem Zuschauer eine Erklärung schuldig.

Zur Interpretation ist – neben dem Aspekt des Sicherheits- und daraus resultierenden Überwachsungswahns – auch ein zivilisationskritischer Ansatz denkbar: Der Verfall als Prozess, der kaum wahrgenommen wird, weil er schleichend verläuft – und der sich auch deshalb weitgehend unbemerkt vollzieht, weil die Menschen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind, um ein Sensorium für die Veränderungen zu entwickeln. In diesem ist Freydanks Franz nicht nur der übervorsichtige Spießbürger, der bereit ist, sich selbst einzuengen und seine Freiheit Stück für Stück aufzugeben, sondern auch der anonyme Massenmensch, der viel zu spät bemerkt, wie die Welt um ihn herum in Scherben fällt. In diesem Sinne ist „Kafkas Der Bau“ zugleich ein bedrückend düsterer und erhellender Film.

Letzte Änderung am Freitag, 07 August 2015 14:39
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