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Das Buch zur Bilderberg-Konferenz

Geopolitik-Experte F. William Engdahl enthüllt in „Die Denkfabriken“ die Macht transatlantischer Netzwerke

Donnerstag, 09 Juni 2016 14:59
Bilderberger und andere Bilderberger und andere Quelle: KOPP Verlag

Dresden – Noch vor einigen Jahren hat kaum eine Zeitung über die jährlichen Konferenzen der Bilderberg-Gruppe berichtet. Das hat sich inzwischen geändert: Auch wenn die Bilderberger die mediale Öffentlichkeit scheuen, das Medieninteresse ist riesig – wie in diesem Jahr bei der Bilderberg-Konferenz im Taschenbergpalais in Sachsens Landeshauptstadt Dresden.

Über die Bilderberger, aber auch andere transatlantische Netzwerke informiert der Ökonom und geopolitische Analyst William F. Engdahl in seinem lesenswerten Buch „Die Denkfabriken“, das im KOPP Verlag erschienen ist. Engdahl zeigt darin auf, wie ein wahres Netz aus Think Tanks, Lobbyorganisationen und diskreten Zirkeln mit sich teilweise überschneidenden Personenkreisen über den Globus gespannt wurde, offenbart die Geldgeber aus der amerikanischen Rüstungs-, Erdöl- und Finanzindustrie und verdeutlicht den Einfluss der Netzwerke auf Politik, Medien und vermeintlich unabhängige NGOs.

Neben „Klassikern“ wie den Bilderbergern, dem Council on Foreign Relations (CFR) und der Trilateralen Kommission berichtet der Autor auch über Denkfabriken jüngeren Datums wie das Aspen Institute, das Center for a New American Security, den German Marshall Fund, die Think Tanks der Neocons in den USA oder den European Council on Foreign Relations, den George Soros als Ableger des CFR in Europa gründete und in dem der frühere Bundesaußenminister Joschka Fischer eine tragende Rolle spielt.

Pyramide der Macht

Die fast ausschließlich von den USA aus gesteuerten Einflussorganisationen stehen oftmals nicht in Konkurrenz zueinander, sondern ergänzen sich, da viele ihrer Ziele nah beieinander liegen. Wie diese „Arbeitsteilung“ funktioniert und welche Namen immer wieder auftauchen, legt der Engdahl in seiner aufschlussreichen und gut recherchierten Studie eindrucksvoll dar.

Die Bilderberger sind also nur eine, wenn auch eine sehr bedeutende Organisation der globalen Geld- und Machtelite, aber keinesfalls die einzige dieser Art. Die Bezeichnung Bilderberger leitet sich vom Tagungsort des ersten Treffens ab, das 1954 im Nobelhotel „Bilderberg” in Oosterbeek in den Niederlanden stattfand. Diese erste Konferenz wurde von Prinz Bernhard der Niederlande einberufen, der 22 Jahre lang den Bilderberg-Vorsitz innehatte.

Der hierarchische Aufbau der Bilderberg-Gruppe gleicht einer Pyramide. An der Spitze steht ein innerer Kreis, der den Namen Advisory Group trägt und dessen Mitglieder auf Lebenszeit ernannt werden. Der Advisory Group gehören unter anderem der Bankier und Milliardär David Rockefeller sowie der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger an. Frühere Mitglieder waren bis zu ihrem Tod beispielsweise der Brite Eric Roll of Ipsden, Mitglied des House of Lords und Chef der Warburg-Bank, Fiat-Chef Giovanni Agnelli oder der deutsche Industrielle Otto Wolff von Amerongen.

Die nächste Ebene bildet der Lenkungsausschuss, das so genannte Steering Committee, dem neben dem offiziellen Vorsitzenden der Bilderberg-Gruppe auch zwei Generalsekretäre – einer für Europa und Kanada und einer für die USA – sowie fünf weitere ständige Mitglieder angehören. Die aktuellen Mitglieder des Lenkungsausschusses findet man hier:www.bilderbergmeetings.org/steering-committee.html. Auf der dritten, der untersten Ebene befinden sich dann die jeweiligen Teilnehmer der jährlichen Konferenzen, die allesamt zur Verschwiegenheit verpflichtet werden.

Geboren in Versailles

Auch der Council on Foreign Relations (CFR) ist ähnlich wie die Bilderberg-Gruppe strukturiert. Zudem spielen mit Rockefeller und Kissinger zwei Protagonisten der Bilderberger auch im CFR eine tragende Rolle. Die Vorgeschichte dieser Organisation ist aufschlussreich: Am Rande der Konferenz von Versailles kam am 30. September 1919 im Pariser Hotel „Majestic“ eine Gruppe von einflussreichen Männern aus Großbritannien und den USA zusammen, um die strategischen Sonderbeziehungen zwischen beiden Ländern auf ein neues Fundament zu stellen. Zu den britischen Teilnehmern der Zusammenkunft zählten unter anderem Lionel Curtis und Philip Kerr, Initiatoren des „Round Table“, Lord Robert Cecil, der als Staatssekretär im Außenministerium den Entwurf für den späteren Völkerbund verfasste, sowie Geoffrey Dawson, Chefredakteur der Londoner „Times“.

Die amerikanische Seite setzte sich aus Angehörigen des Beraterkreises von US-Präsident Woodrow Wilson zusammen. Dazu zählten neben dem Journalisten Walter Lippmann der US-Bundesrichter Louis Brandeis, der Politikwissenschaftler und Harvard-Professor Abbott Lawrence Lowell und der vormalige Stabschef der US-Armee General Tasker H. Bliss, der in Versailles als Wilsons Generalbevollmächtigter fungierte. Die Geisteshaltung, die dahinter stand, dokumentierte Lippmann in seinem Werk „Public Opinion“ mit den Worten: „Die gemeinsamen Interessen entziehen sich weitgehend der öffentlichen Meinung, sie zu verwalten obliegt einer besonderen Klasse, deren persönliche Interessen weit über lokale Belange hinausgehen.“

Dem informellen Treffen in Versailles folgte 1921 die offizielle Gründung einer neuen Denkfabrik in New York: des Council on Foreign Relations (dt.: „Rat für auswärtige Beziehungen), kurz CFR. Neben Lippmann zählten dessen enger Freund Edward Mandell House, wichtigster außenpolitischer Berater Woodrow Wilsons, der damalige Anwalt von Rockefellers Standard Oil und spätere Außenminister John Foster Dulles sowie die Bankiers Paul Warburg und Otto Hermann Kahn zu den Gründungsmitgliedern. Finanziert wurde der CFR und dessen Projekte von der Standard-Oil-Gruppe, dem Geldhaus J.P. Morgan & Co. und anderen Wall-Street-Banken.

Transatlantische Integration

Zu den wichtigsten Projekten der neuen Organisation zählte die Schaffung einer amerikanischen „Grand Area“, um das britische Empire nach dem Zweiten Weltkrieg als hegemoniale Supermacht abzulösen. In einem an den US-Präsidenten gerichteten Bericht formulierten die CFR-Strategen diese „Grand Area“ wie folgt: „Wie deutlich wird, können sich die Vereinigten Staaten – vom wirtschaftlichen Standpunkt – am besten in einem Gebiet verteidigen, das den größten Teil der nichtdeutschen Welt umfasst. Das nennen wir Grand Area. Dazu gehören die westliche Hemisphäre, das Vereinigte Königreich, die verbliebenen Gebiete des britischen Commonwealth und Empires, Niederländisch-Ostindien, China und Japan.“ Erforderlich sei, so hieß es weiter, eine wirtschaftliche Zusammenarbeit in dieser „Grand Area“ zur „Integration des Gebietes“ und zur Übertragung des ökonomischen Potenzials der Region in militärische Macht.

Engdahl schreibt über die bis heute maßgeblich von der Familie Rockefeller beeinflusste und finanzierte Organisation: „Der CFR wurde als Denkfabrik eines amerikanischen Empires gegründet. Jeder größere Militäreinsatz der USA, ob in Vietnam, Korea, Nahmittelost oder Lateinamerika, war das Resultat von Diskussionen innerhalb der politischen Kreise des CFR. In einem war er ungeheuer erfolgreich: Auch heute, fast 100 Jahre nach seiner Gründung, haben die meisten Amerikaner, geschweige denn die Menschen im Ausland, den Namen noch nie gehört.“

Griff nach Asien

Präsident des CFR ist seit 2003 der Diplomat Richard Nathan Haass, Vizepräsident der Investmentbanker Richard E. Salomon, der auch Mitglied im Stiftungsrat der New Yorker Rockefeller University ist. Außerdem gehören dem Vorstand unter anderem der ehemalige US-Außenminister Colin Powell, die Blackstone-Manager Penny Pritzker und Peter George Peterson, der Medienmogul David G. Bradley, David M. Rubenstein, Chef der Carlyle Group, einer größten amerikanischen Private-Equity-Gesellschaften, Laurence D. Fink, Direktor von BlackRock, dem größten Vermögensverwalter der Welt, sowie Stephen Friedman, ehemals Chef von Goldman Sachs, an. Zu den ehemaligen Vorständen des CFR zählen der einstige CIA-Direktor Allen Dulles, der Gründer der Atlantik-Brücke und frühere Weltbank-Präsident John J. McCloy, das Hirn der US-Außenpolitik Zbigniew Brzezinski, Ex-Präsident George Bush sen., die ehemaligen US-Außenminister Henry Kissinger und Dick Cheney oder der Megaspekulant George Soros.

Im Laufe der Jahre haben sich der CFR und die Rockefeller-Familie eine Vielzahl weiterer Denkfabriken geschaffen, um die Dominanz des amerikanischen „Empires“ ideologisch zu unterfüttern und weltweit zu sichern. Genau zwanzig Jahre nach Gründung der Bilderberger beschlossen David Rockefeller und seine Vertrauten etwa, mit einer neuen Organisation ihre Fühler auch in Richtung Asien auszustrecken. Hintergrund war der Ölpreisschock von 1973, der vermutlich zuvor auf der Bilderberg-Konferenz im schwedischen Saltsjöbaden eingefädelt worden war. Die Vervierfachung des Ölpreises und die darauf folgende weltweite Dollar-Knappheit bescherte den internationalen Banken an der Wall Street und in der City of London, also den Verwaltern der OPEC-Gelder, Milliarden an sogenannten Windfall-Profiten. Auf der anderen Seite trübte der Ölschock die Aussichten für Investitionen der boomenden westlichen Industrieländer, vor allem Deutschlands und Frankreichs, in den Schwellenländern Lateinamerikas, Südasiens und Afrikas. Ein anderer Staat in Asien hätte der US-Ölindustrie und -Hochfinanz jedoch einen Strich durch die Rechnung machen können.

F. William Engdahl schreibt dazu in „Die Denkfabriken“: „Eine aufstrebende Wirtschaftsmacht wie Japan jedoch, 1973 ein wahrer Exportgigant, konnte die gesamte atlantische Strategie der Bilderberger entgleisen lassen, wenn es sich mit Schwellenländern in der Dritten Welt verbündete. Um dies zu verhindern, wurden Vertreter der japanischen Elite eingeladen, am Tisch der ‚großen Tiere‘ aus Europa und den USA Platz zu nehmen. Japan war das erste ‚nicht weiße‘ Land, dem diese Ehre zuteilwurde. Gemeinsam mit anderen einflussreichen Kreisen gründeten die Drahtzieher in David Rockefellers Bilderberg-Gruppe eine neue internationale Denkfabrik und gaben ihr den Namen Trilaterale Kommission.“

Brzezinskis Auftrag

Rockefeller beauftragte Zbigniew Brzezinski und sieben weitere Vertraute, etwa 300 einflussreiche Vertreter aus Nordeuropa, Europa und Japan zu nominieren. Zu den gewählten Gründungsmitgliedern der Trilateralen Kommission gehörten schließlich Leute wie Alan Greenspan, späterer Präsident der Federal Reserve, Coca-Cola-Chef J. Paul Austin, John Loudon, Vorstandsvorsitzender der Ölgesellschaft Royal Dutch Shell, Warren Christopher, Chef der Bank of America, Paul Austin und George W. Ball vom US State Department, der Londoner Bankier Baron Edmond de Rothschild und Fiat-Chef Gianni Agnelli.

Auf der Mitgliederliste stand auch der damalige Gouverneur des US-Bundesstaates Georgia. Sein Name: Jimmy Carter. Er sollte nur zwei Jahre später zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt werden und den Strippenzieher Brzezinski als Sicherheitsberater ins Weiße Haus holen. Carters Kabinett setzte sich fast ausschließlich aus Mitgliedern der Trilateralen Kommission zusammen, so dass manch Insider in Washington von einer „Rockefeller-Präsidentschaft“ sprach. Neben Brzezinski spielte auch ein anderer bedeutender US- Globalstrategen bei den Trilateralen von Anfang an eine herausragende Rolle – nämlich der Politikwissenschaftler Samuel Huntington, der später mit seiner Theorie vom „Clash of Civilizations“ berühmt werden sollte.

Für Engdahl ergibt sich insbesondere aus den personellen Überschneidungen zwischen CFR, Bilderberg und Trilateralen eine klare Matrix. Zum Netzwerk von Rockefeller und seinen atlantischen Globalstrategen gehören allerdings noch viele andere Organisationen, Stiftungen und Think Tanks, die die westliche Demokratie oftmals nur noch als reine Staffage erscheinen lassen.

 

Literaturhinweis

F. William Engdahl: Die Denkfabriken. Wie eine unsichtbare Macht Politik und Mainstream-Medien manipuliert, 191 Seiten, geb., zahlreiche Abb., KOPP Verlag: Rottenburg 2015, € 16,95.
Zu beziehen über: www.kopp-verlag.de

Letzte Änderung am Donnerstag, 09 Juni 2016 16:15
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