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Varg, Nargaroth, Firtan und Satyricon begeisterten in Crispendorf

X. Wolfszeit Open Air: Jubiläum des „Varg-Festivals“

Donnerstag, 08 September 2016 00:15
Düster: Satyricon nach ihrem Auftritt beim Wolfszeit-Festival Düster: Satyricon nach ihrem Auftritt beim Wolfszeit-Festival Quelle: Manuel Gambietz

Greifswald/Crispendorf – Endlich war es soweit: Das Wolfszeit-Festival (25.-27. August 2016) stand an. Nachdem ich gerade mal zwei Tage Zeit hatte, um mich vom Barther Metal Open Air (siehe dazu diesen Festivalbericht: http://www.sachsen-depesche.de/kultur/xviii-barther-metal-open-air-meine-premiere-an-der-ostsee.html) zu erholen, trieb es mich schon wieder in den Süden der Republik, ins Ferienland Crispendorf im schönen Thüringen. Also machte ich mich bereits am Dienstag (da ich mich auch hier wieder als Arbeitskraft beworben hatte) auf den Weg zu diesem Festival, das seit Jahren durch seine großartigen Bandbuchungen auf sich aufmerksam macht. Zum Jubiläum hat sich der Veranstalter Philipp Seiler, seines Zeichens auch Frontmann der in der Metalszene umstrittenen Band Varg, nahezu selbst übertroffen. Dazu später mehr.

Festival im alten DDR-Ferienlager

Nach einer gefühlt ewig langen Fahrt von der Ostsee war ich von der Umgebung sehr positiv überrascht. Mitten im Thüringer Wald gelegen befindet sich ein altes DDR-Ferienlager, das bis auf ein paar wenige Renovierungen noch im Originalzustand aufzufinden ist. Da kann es einem schon nostalgisch um das historisch interessierte Herz werden.

Das Festivalgelände befindet sich zentral gelegen in dieser Idylle. Um das Gelände herum konnte gecampt werden, also war alles fußläufig in wenigen Minuten zu erreichen. Sehr angenehm. Ich selbst war in einem Bettenhaus neben dem Gelände untergebracht – Luxus pur. Im Übrigen gibt es die Möglichkeit, sich auch als „normaler“ Gast ein Zimmer oder ein Bett zu buchen, diese Option ist allerdings sehr begrenzt, aber nicht minder empfehlenswert, wenn man Luftmatratzen vermeiden und anständige sanitäre Anlagen nutzen möchte. Wenn man Glück hat, läuft einem auch die eine oder andere Band über den Weg, die in dem Gästehaus untergebracht ist.

Einen Zeitvertreib der ganz besonderen Art bietet das Wolfszeit-Festival mit einer Fahrt in der Ferienlandbahn, die das gesamte Gelände abfährt. Man kann also einen schönen Eindruck vom Gesamtbild bekommen, ohne die Füße zu belasten. Hat man diese trotzdem mal zu stark beansprucht, oder wenn es einfach nur zu heiß ist, kann man sich in einem kleinen Bach abkühlen, der direkt neben dem Campinggelände mitten in einem Waldstück fließt. Gerade an jenem heißen August-Wochenende wurde dieses „Angebot“ ausgiebig von den Gästen – und auch von mir – genutzt.

 

Varg überzeugen, Eisregen enttäuschen

Bei der Beurteilung der Bands muss ich immer wieder vorwegnehmen, dass ich ein Anhänger des Black Metal bin und immer noch nicht den Draht zum Pagan Metal gefunden habe. In diesem Jahr war das Lineup besonders stark. Beginnen möchte ich mit dem Donnerstag – dem Tag, an dem auch der Gastgeber auf der Bühne stand.

Abgesehen von Varg konnte man an diesem Tag strittige Bands wie Nachtblut oder Eisregen sehen. Nachtblut legten trotz des ungünstigen Slots einen richtig guten Auftritt hin. Gegen 22 Uhr hatten Varg ihren Auftritt. Ich muss zugeben, dass ich bis dato nie das Bedürfnis hatte, diese Band live zu sehen. Bis auf das Debütalbum „Wolfszeit“ hat mich keiner der Nachfolger großartig überzeugt. Aber ich hörte schon seit jeher, dass Varg auf der Bühne unglaublich stark sein sollen. Und diese Gerüchte stimmen: Philipp Seiler und seine Truppe haben einen gigantischen Gig geliefert. Vielleicht liegt es auch daran, dass sie „Wolfszeit“ in den Vordergrund rückten. Philipp hat eine enorme Ausstrahlung auf der Bühne und wirkt wie ein „Riese“. Wenn Varg demnächst mal in meiner Nähe spielten, würde sie mir wieder ansehen.

Am Ende des Donnerstags war schließlich die Zeit für Eisregen gekommen. Für mich die Enttäuschung des Tages! Sänger Michael Roth, der „lässig“ in Jogginghose auf der Bühne stand, wirkte auf mich so, wie es sein Beinkleid ausstrahlte: lustlos und ohne Interesse, besonders gut auszusehen. Obwohl ich, wie ich bereits schrieb, Black Metal präferiere, hatte ich von der – neben Varg – positiven Überraschung des Tages, Imperium Dekadenz, noch nie etwas gehört. Zu dieser Band kann ich jetzt allerdings noch nicht allzu viel sagen, da ich mich erstmal in die Materie reinhören muss. Live haben sie mich, ohne dass ich auch nur ein Lied kannte, auf ganzer Linie überzeugt.

Firtan überraschen, Nargaroth provozieren

Für Freitag hatte Philipp ein solides Programm aufgestellt – mit dem Headliner Solstafir. Die muss man mögen, mir ist die Musik zu langweilig, so dass ich kaum auf die Qualität des Auftritts eingehen kann. Dem Besucherandrang und den darauffolgenden Resümees zu urteilen, soll der Gig richtig gut gewesen sein. Ich habe mich nach zwei Liedern gelangweilt und bin dann ins Zelt des „Silence“-Metal-Magazins gegangen, um dort das eine oder andere Bier zu trinken. Aber der Reihe nach.

Am Freitag freute ich mich unter anderem auf Firtan, die ich bereits auf dem diesjährigen Dark Troll Festival gesehen hatte. Um die Qualität einer Liveband beurteilen zu können, muss man meines Erachtens mindestens zwei Auftritte von ihr gesehen haben. Eines bleibt festzuhalten: Firtan – den Namen sollte man sich merken. Wir werden sicher noch häufiger von ihnen hören. Für den Song „Innenschatten“ hatten sie sogar den Frontmann von Jörmungand als Gastsänger gewinnen können. Richtig guter Auftritt!

Kurz vor dem heißbegehrten Auftritt von Nargaroth habe ich mir mit einigen Freunden die russische Kombo Arkona angesehen. Maria Arkhipova und ihre Jungs haben mächtig Vollgas gegeben. Bei diesem Auftritt herrschte meiner Meinung nach die größte Stimmung im Publikum. Kein Wunder, der Mix aus russischem Folk und Pagan Metal, gewürzt mit der guten Laune der Band, hat kaum jemanden kalt gelassen.

Dann kamen Nargaroth. Es gibt ja einige Leute, die diese Band dem NSBM (National Socialist Black Metal) zuordnen. Zur Beurteilung sollte sich jeder ein eigenes Bild machen. Ich würde darauf nicht näher eingehen, wenn es nicht wichtig wäre für diesen Bericht. Genau mit diesem Klischee spielte die „Ein-Mann-Kombo“, die bei Liveauftritten durch Musiker anderer Black-Metal-Bands ergänzt wird, nämlich ausgiebig. Nachdem der Eröffnungseffekt mit brennenden umgedrehten Kreuzen in die Hose ging und Frontmann René Wagner aus Versehen die Bühne anzündete, kommentierte er die Szenerie mit den Worten: „Das passiert, wenn man eine Naziband einlädt!“ Im weiteren Verlauf des Konzerts benannte er bei seinen Ansagen immer wieder seine Band nach bekannten NSBM-Größen á la „Wir sind Absurd und unser nächster Song heißt...“ oder „Wir sind Satanic Warmaster...". Vor dem letzten Song ermunterte er die Zuschauer dann noch, auf die Straße zu gehen, weil er mit Sorge die Entwicklung in Deutschland betrachte. Gerüchten zufolge wohnt er allerdings selbst in Südamerika. Es gab gemischte Reaktionen aus dem Publikum. Auch waren die Veranstalter wohl sehr genervt von seinem Auftritt. Es gab Gäste, die konnten die – vermutlich ironisch gemeinten – Ansagen und die politischen Aussagen nicht von der Musik trennen. Bei mir ist das möglich – und daher sage ich: Nargaroth waren richtig gut. Sie legten sogar einen der besten Auftritte des Wochenendes hin.

Solider Auftritt: Firtan in Crispendorf
Solider Auftritt: Firtan in Crispendorf

 

Satyricon wie gewohnt Weltklasse

Nun kam er, der von mir sehnsüchtig erwartete Samstag mit der Headliner-Show von Satyricon (siehe dazu auch diesen Konzertbericht von 2015: http://www.sachsen-depesche.de/kultur/satyricon-begeisterten-das-publikum-im-leipziger-werk-2.html). Dieser Fakt allein lässt das Herz schon höher springen. Angekündigt war eine „20 Years of Nemesis Divina“-Show. Für mich nochmal ein emotionaler Moment, da „Nemesis Divina“ (1996) mein erstes Black-Metal-Album war. Grund für den Kauf (Black Metal war für mich bis dahin quasi unhörbar) war seinerzeit das Video, damals noch auf VHS Kassette, von „Mother North“ mit der fantastischen Monica Bråten.

Ich muss zugeben, dass ich am Samstag viel entspannt und weniger Bands gesehen habe. Heimdalls Wacht, auch eine der berüchtigten Band, habe ich nebenbei verfolgt, sie hinterließen aber einen guten Eindruck. Black Messiah, die ich bereits zweimal gesehen habe, nerven mich persönlich. Ich finde keinen Zugang zu dieser Art Musik á la Korpiklaani, diese Säufer-Party-Metal-Kombination ist mir einfach zu „fröhlich“. Ich habe mir diesen Gig allerdings erneut angetan, weil ich auf das erste Highlight – Urfaust – gewartet habe.

Urfaust, diese schwer zuzuordnende Band aus Holland, die mit ihrem Mix aus Black Doom, Ambient und Avantgarde Metal mit voller Wucht das Gelände beschallten, mussten ihren Gig 15 Minuten früher als geplant abbrechen, da der Sänger Stimmprobleme hatte. Nicht vorzustellen, wie ein Konzert wohl aussieht, wenn er aus dem Vollen schöpfen kann. Ein Manko hatte der Auftritt allerdings, aber das lag in der Verantwortung der Organisatoren: Urfaust, die eine Musik spielen, die zum Meditieren anregt, wurden zwischen die Partybands Black Messiah und Heidevolk geslottet. Das war ein starker Bruch im Lineup.

Heidevolk, wie gerade angedeutet, haben eine sehr gute Vorbereitung für Satyricon geliefert. Diese niederländische Band bietet alles, was das Pagan- und Folk-Metal-Herz begehrt und gehört in dieser Kategorie eindeutig zur Benchmark, was man an dem Abend einmal mehr feststellen konnte. Aber meine Konzentration war zu dem Zeitpunkt schon völlig auf den Satyricon-Auftritt eingestellt.

Hinter den Kulissen sollen Satyricon schon für einigen Aufruhr gesorgt haben, so dass ich befürchtete, der Auftritt würde von diesen Ereignissen beeinflusst. Auch der Soundcheck durch die eigens mitgebrachten Mitarbeiter der Band verhieß nichts Gutes. Aber als aber die ersten Klänge aus den Boxen dröhnten, waren alle Sorgen verflogen. Wie immer professionell legte die norwegische Band um Sigurd „Satyr“ Wongraven und Kjetil „Frost“ Haraldstad ihren Auftritt hin. Einerseits wirkte alles wie einstudiert, andererseits strömte enorm viel Energie von der Bühne. Dabei spielten sie nahezu alle Songs von „Nemesis Divina“ und ergänzten sie durch neuere Hits wie „Fuel for Hatred“, „The Pentagram burns“ oder „K.I.N.G.“. Besonders gefallen hat mir die exklusive Ankündigung einer Deutschlandtour für 2017, bei der sie ein neues Album vorstellen wollen. Da wird sicher der eine oder andere Termin dabei sein, dem ich besondere Aufmerksamkeit zukommen lassen werde.

Ein Rundum-Wohlfühl-Festival

Ich habe mir lange Gedanken zum Fazit gemacht. Da ich als Mitarbeiter große Probleme mit der Organisation, dem Ablauf und der Personalführung hatte, war es sehr schwierig für mich, neutral zu bleiben und zu beurteilen, ob ich das Festival als Gast nochmal besuchen würde. Stellt man den Eintritt in Höhe von 80 Euro und das Lineup gegenüber, würde ich sagen: Eindeutig ja. Auch das Gelände überzeugt. Abstriche gibt es bei der Verpflegung sowie der Lage des Ortes. Abgesehen davon, dass man an keiner Stelle Handyempfang hat, weder Internet noch Mobilnetz, ist es nicht einfach, aufgebrauchte Vorräte mal eben aufzufüllen, da der nächste Supermarkt viele Kilometer entfernt ist. Eine konkrete Organisation und Planung sind daher notwendig.

Bei der Verpflegung ist noch anzumerken: Es gibt wenig Auswahl, und bei den Auswahlmöglichkeiten selbst gibt es wenige Angebote. Wenn einem die älteren Herrschaften des Dorfes morgens ein Frühstück zaubern, ist das herzallerliebst. Grundsätzlich werde ich mir spontan überlegen, nächstes Jahr wiederzukommen. Die Strecke ist für mich ja nicht unerheblich. Auch ein wichtiger Faktor: Struktur und Organisation des Festivals hinter den Kulissen. Ich selbst bin eher auf ein Festival zu locken, wenn ich dort arbeiten kann. Ein Blick in die Zukunft ist in dieser Hinsicht allerdings nicht möglich.

Letzte Änderung am Donnerstag, 08 September 2016 00:27
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