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Aus der Frühzeit der Industrialisierung in Sachsen

Scharfenstein: Deutschlands größte Baumwollspinnerei

Montag, 20 Februar 2017 03:50
Spinnereigebäude Scharfenstein, Lithographie (1837) Spinnereigebäude Scharfenstein, Lithographie (1837) Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek

Scharfenstein – Deutschlands größter Spinnereibetrieb – war seinerzeit die „Fiedler und Lechlasche Baumwollspinnerei“ in Scharfenstein, einem kleinen Dorf bei Zschopau im Erzgebirge. Der imposante Bau wurde ab 1835 anstelle der sogenannten Grieß-Mühle am linken Ufer der Zschopau errichtet. Mit acht Stockwerken und zwei Dachetagen (25 Meter) Höhe, 65 Metern Länge, 16,5 Metern Breite und einer modernen Dampfheizung entstand ein Industriegebäude für 600 Fabrikarbeiter, das Maßstäbe setzte. Sein Schöpfer war kein Geringerer als der bekannte Baumeister Christian Friedrich Uhlig (1774-1848) aus Altenhain, dem das Erzgebirge zahlreiche Kirchen- und Industriebauten verdankt.

Das für den Antrieb benötigte Wasser wurde von der Zschopau durch einen 34 Meter langen Stollen herangeführt. Den sollen, der Sage nach, zwei zum Tode verurteilte Bergleute durch den Felsen gebrochen haben, um ihr Leben zu retten. Zwei eiserne Wasserräder von sechs Metern Durchmesser sorgten für eine Leistung von 60 Pferdestärken, die 60.000 Mulespindeln zum Laufen brachten. Die seit 1838 existierende Fabrikschule wurde später öffentliche Volksschule. Karl Stülpner, der legendäre Wildschütz, wird die Scharfensteiner Spinnerei während seiner letzten Jahre noch gesehen haben. Nach einem abenteuerlichen Leben war der altersschwache „sächsische Robin Hood“ 1839 in seinen Geburtsort zurückgekehrt, wo er 79jährig starb.

Im Jahr 1915 brannte das Gebäude nieder, wobei neun Menschen umkamen. Nach dem Wiederaufbau ließ die Chemnitzer Maschinenbaufirma Moll in Scharfenstein Blechfässer herstellen. Mit deren Konkurs übernahmen 1926 die Zschopauer Motorenwerke J. G. Rasmussen (DKW) das Werk und bauten Sechs- und Achtzylindermotoren für Audi-PKW. Fünf Jahre später produzierte hier die „Deutsche Kühl- und Kraftmaschinen GmbH“. Nach Kriegsende, Enteignung und Demontage firmierte der „VEB DKK Scharfenstein“ im Haus, wurden Kühlschränke für die DDR, später auch das „nichtsozialistische Ausland“ produziert.

Die Nachfolgefirma „Foron“ aber schrieb noch einmal Industriegeschichte, als im März 1993 die Produktion des ersten FCKW-freien Kühlschrankes „Greenfreeze“ aufgenommen werden konnte, eine ökologische Revolution, die vom sächsischen Scharfenstein aus die Welt eroberte!

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