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Norwegens musikalischer Exportschlager

Satyricon begeisterten das Publikum im Leipziger Werk 2

Freitag, 01 Mai 2015 14:31
Satyricon Satyricon Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Leipzig – In den neunziger Jahren hing dem norwegischen Black Metal ein Hauch des Verruchten, Abgründigen, ja Kriminellen an. Für diesen schlechten Ruf verantwortlich waren mehrere Kirchenbrände und Morde, die sich im Umfeld der Szene ereigneten. In vielen Medien galt die düstere Musik als Werk des Teufels, bald sogar als Soundtrack einer neuen faschistischen Welle, die von den Fjorden des Nordens auf ganz Europa überzuschwappen droht.

Viele Protagonisten der Szene haben ihren Teil zu diesem schlechten Image beigetragen, allen voran Varg Vikernes, Kopf des Black-Metal-Projekts Burzum, der 1993 seinen früheren Bandkollegen Øystein „Euronymous“ Aarseth, den Gitarristen der Gruppe Mayhem, mit zahlreichen Messerstichen ins Jenseits beförderte. Vikernes wurde deshalb und wegen mehrerer Brandstiftungen von einem norwegischen Gericht zur Höchststrafe von 21 Jahren Haft verurteilt. Später wandte er sich nationalsozialistischem Gedankengut zu, heute lebt er mit Frau und Kindern in Frankreich.

Kaum einer hätte damals wohl geahnt, dass sich der norwegische Black Metal einmal zu einem der größten Exportschlager des Landes entwickeln würde. Eine der Bands des schwarzmetallischen Urgrundes war auch Satyricon, die just in dem Jahr, als Vikernes seinen früheren Kumpel umbrachte, ihr Debütalbum „Dark Medieval Times“ veröffentlichten. Spätestens mit „Mother North“, zu finden auf dem 1996er-Album „Nemesis Divina“, setzten Satyricon neue musikalische Maßstäbe. Ihren Kultstatus festigten sie seinerzeit mit einem Musikvideo zu dem Stück, in dem die junge Darstellerin Monica Bråten komplett unverhüllt auftrat und so wohl nicht nur Aufsehen erregte.

Inzwischen haben sich Satyricon, wie auch andere der frühen norwegischen Black-Metal-Bands, nicht nur musikalisch weiterentwickelt. Sie gelten mittlerweile genreübergreifend als eine der bekanntesten und erfolgreichsten Musikgruppen Norwegens. Vor etwa zweieinhalb Jahren trat sogar die heutige konservative Ministerpräsidentin des Landes, Erna Solberg, zusammen mit Sigurd „Satyr“ Wongraven, Sänger, Songschreiber und Frontmann von Satyricon, gemeinsam in einer Talkshow auf. Gefragt, was sie von norwegischem Black Metal halte, sagte die Høyre-Politikerin damals, die Richtung sei zwar „nicht ihre persönliche erste Wahl“, sie sei aber „sehr beeindruckt“ von dem Erfolg der Musiker. „Wir können stolz auf das sein, was sie erreicht haben.“ Auch solche Aussagen aus dem Munde einer Konservativen hätte man vor zwanzig Jahren wohl kaum für möglich gehalten.

Letzte Woche traten Satyricon in der Leipziger Kulturfabrik Werk 2 am Connewitzer Kreuz auf. Wo sonst Punks und Leute mit alternativem Lifestyle die Straßenszene bestimmen, dominierten am Donnerstagabend Schwarzgewandete und langhaarige Kuttenträger das Bild. Die Messestadt war die vorletzte Station ihrer aktuellen „The Dawn of a new Age“-Tour, mit der die Metal-Fürsten aus dem hohen Norden nicht nur ihr 25-jähriges Bandjubiläum feierten, sondern auch Appetit machten auf das Anfang Mai erscheinende Album „Live At The Opera“. Dabei handelt es sich um den Mitschnitt eines gemeinsamen Auftritts in der norwegischen Nationaloper mit dem Philharmonie-Orchester und Chor des Osloer Konzerthauses.

Klassische Töne waren in Leipzig zwar nicht zu hören, dafür aber Klassiker aus der Frühphase wie „The Dawn of a New Age“ oder der unübertroffene Mitgröler „Mother North“, der wie gewohnt ziemlich am Ende des Sets platziert wurde. Obwohl Satyricons Musik heute kein reiner Black Metal mehr ist, verleugnen die Norweger ihre Wurzeln selbstverständlich nicht. Daneben spielten die Nordmänner um die beiden Gründerväter „Satyr“ und „Frost“ natürlich auch viele neuere Stücke wie die rockigen Gassenhauer „Fuel for Hatred“, „K.I.N.G.“ und „The Pentragram Burns“ oder den Nackenbrecher „Ageless Northern Spirit“, bei dem von den Fans das traditionelle Headbangen besonders inbrünstig zelebriert wurde.

Leider stießen die beiden Vorbands Oslo Faenskap und Vredehammer in Leipzig auf weniger Begeisterung. Während ihrer Auftritte befand sich ein nicht unbeträchtlicher Teil des Publikums an den Bierständen vor der Halle oder stärkte sich gegenüber im Restaurant ConnSTANZE, das tatsächlich sehr leckere mediterrane Gerichte zu fairen Preisen auf der Karte hat. Am Ende des Satyricon-Auftritts dürfte das Publikum im „Werk 2“ jedoch stärker gekocht haben als der Halloumi mit Mandelkruste auf der Herdplatte in der Gaststätte nebenan. Die Euphorie und Freude am Konzert war jedem nassgeschwitzten Fan noch am Ausgang vom Gesicht abzulesen.

Letzte Änderung am Freitag, 07 August 2015 14:42
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