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Insolventes Haus in Erklärungsnot

Mysteriöser „Anschlag“ auf Leipziger Theater-Fabrik

Dienstag, 06 Oktober 2015 23:44
Leipzig Leipzig

Leipzig – Die Leipziger Theater-Fabrik in der Franz-Flemming-Straße hat sich bei Kulturfreunden vor allem wegen ihrer außergewöhnlichen Kabarett- und Konzertdarbietungen einen Namen gemacht. Damit ist wohl nun allerdings Schluss. Bereits seit einem Monat finden auf der Bühne keine Aufführungen mehr statt, die Betreiber scheinen abgetaucht zu sein. Höchstwahrscheinlich ist die Theater-Fabrik Geschichte, doch die Umstände vom Ende des Hauses sind mehr als mysteriös.

Angefangen hatte alles damit, dass „Unbekannte“, wie es in einer Pressemeldung hieß, Anfang September in das Schauspielhaus eingebrochen waren, im Saal Buttersäure verschütteten und einen Brand legten, der die Elektrik komplett zerstörte. Die Theater-Fabrik wurde daraufhin polizeilich gesperrt, eine Mitteilung folgte, dass das Haus „auf unabsehbare Zeit“ nicht mehr bespielbar sei. Sofort machte die Nachricht von einem „Anschlag“ in den sozialen Netzwerken sofort die Runde. Doch wer könnte so etwas gemacht haben?

Die Vorgehensweise, insbesondere die Verwendung von Buttersäure, deutete auf Täter aus dem linkextremen Milieu hin. Dafür sprach nach Ansicht mancher auch, dass die Theater-Fabrik in der Vergangenheit mehrfach ins Visier solcher Kreise geraten war. Grund dafür waren regelmäßige Auftritte von Musikgruppen aus dem Neofolk-Bereich, der in der linken Szene unter Faschismusverdacht steht. Auf besonders große Kritik stieß ein Konzert der US-amerikanischen Band Blood Axis im August 2011. Das Antifa-Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ forderte den Betreiber damals auf, „die Veranstaltung aufgrund des Hintergrundes der Band kritisch zu überdenken“ und den Auftritt abzusagen. Selbst die Linke-Stadträtin und heutige Landtagsabgeordnete Juliane Nagel schaltete sich ein und stellte dazu eine Anfrage im Stadtrat.

Das Bündnis „Leipzig nimmt Platz“ behauptete, dass der Frontmann von Blood Axis, Michael Moynihan „als Publizist, Verleger und Musiker“ eine „esoterische, rechte Weltanschauung“ befördere und „sich nicht nur einmal zu faschistischen und geschichtsrevisionistischen Ideen“ bekannt habe. Die Theater-Fabrik beugte sich dem Druck jedoch nicht und ließ Blood Axis auftreten. Daraufhin wurde die Fassade des Hauses mit einem Anti-Nazi-Spruch beschmiert. Danach ebbte die Empörung ab, obwohl in dem Haus weiterhin Neofolk-Konzertveranstaltungen stattfanden, etwa das zweitägige Festival „Runes & Men“. Auch für die kommenden Wochen waren wieder Events mit „umstrittenen“ Bands geplant, so ein Konzert der Neofolk-Gruppe Rome, das diesjährige „Runes & Men“ oder auch ein Black-Metal-Abend, bei dem unter anderem die griechische Band Acherontas auftreten sollte, die früher Stutthof hieß und im NSBM-Umfeld angesiedelt wurde.

Auch deshalb schien der Gedanke einer linksextremen Täterschaft nicht allzu weit hergeholt. Nur eines machte einen von Anfang an stutzig: Weder auf dem Portal „Indymedia“ noch auf anderen einschlägigen Seiten wurde ein Bekennerschreiben zu dem Buttersäure- und Brandanschlag veröffentlicht, wie es bei solchen Vorfällen üblich ist. Hat die Sache also vielleicht doch einen ganz anderen Hintergrund?

Zur Klärung dieser Frage könnte möglicherweise der Umstand beitragen, dass für den Betreiber des Hauses, die Theater-Fabrik Sachsen GmbH, vertreten durch ihren Geschäftsführer Holger-Hoppla Pester, bereits am 18.03.2015 ein Insolvenzverfahren eröffnet wurde. Insolvenzverwalter ist der Leipziger Rechtsanwalt Björn Frische. Das Theater stand also vermutlich ohnehin kurz vor dem Aus. Wie die SACHSEN DEPESCHE zudem aus gut informierten Kreisen erfuhr, versuchte die Theater-Fabrik Sachsen GmbH bereits, das Haus zu veräußern – oder besser gesagt: Teile des Gebäudekomplexes. Verkauft werden sollten nämlich nur die Nebengebäude, nicht aber das Haupthaus – und genau das wurde Anfang letzten Monats durch den Brand und die Buttersäure unbenutzbar gemacht. Es sei nun jedem selbst überlassen, aus diesen Informationen seine Schlüsse zu ziehen, doch eines dürfte sicher sein: die ganze Sache stinkt gewaltig – und das nicht nur wegen der Buttersäure.

Auch wenn die kulturelle Landschaft mit der Schließung der Theater-Fabrik wieder ein wenig ärmer geworden ist und die „schwarze Szene“, deren heimliche Hauptstadt Leipzig bekanntlich ist, einen Anlaufpunkt verliert – eine gute Nachricht gibt es doch: das „Runes & Men“-Festival wird am 9. und 10. Oktober wie geplant stattfinden. Als Ausweichort konnte der Veranstalter Equinoxe Organization das „Hellraiser“ in Leipzig-Engelsdorf buchen, wo normalerweise Metal-Konzerte stattfinden. Am kommenden Wochenende werden in der Konzerthalle nun leisere Töne zu hören sein, unter anderem von Andrew King, Joy of Life, Der Blaue Reiter, Et Nihil, Blacklight Ascension und – als absolutes Highlight – Camerata Mediolanense. Die SACHSEN DEPESCHE wird vor Ort sein und berichten.

Letzte Änderung am Dienstag, 06 Oktober 2015 23:50
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