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Johann Georg I. von Sachsen (1585-1656) zur Erinnerung

Kurfürst im Dreißigjährigen Krieg

Samstag, 15 Oktober 2016 05:31
Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen (Holzstich, 1895) Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen (Holzstich, 1895) Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek

Dresden – Am 8. Oktober vor 360 Jahren verstarb in Dresden Kurfürst Johann Georg I. von Sachsen (1585-1656). Sein hohes Amt hat er in schweren Zeiten ausüben müssen, deren Herausforderungen er getreu seinem Wahlspruch „Ich fürchte Gott, liebe Gerechtigkeit und ehre meinen Kaiser“ zu meistern suchte. Eine Gratwanderung.

Als zweiter Sohn des sächsischen Kurfürsten Christian I. und der Sophie von Brandenburg wurde Prinz Johann Georg am 5. März 1585 in Dresden geboren. Strenger und sorgfältiger als die des älteren Bruders, Kurfürst Christian II., soll seine Erziehung gewesen sein. Noch in der Jugendzeit unternahm Johann Georg eine vierzehnmonatige Reise, die ihn bis Neapel führte. Mit 18 Jahren erhielt er die Regierung des Hochstifts Merseburg, was ihm eine größere Selbständigkeit und eigene Einnahmen verschaffte. Sibylla Elisabeth von Württemberg wurde 1604 die erste Gemahlin des Prinzen, starb aber kurz darauf im Kindbett. Aus einer zweiten Verbindung mit der – ihrem Gemahl geistig überlegenen – Magdalena Sibylla von Brandenburg (1607) sollten neun Kinder hervorgehen.  

Nach dem plötzlichen Tod seines kinderlosen Bruders bestieg Kurfürst Johann Georg I. 1611 den Thron der albertinischen Wettiner. Er galt als bieder, fromm und gutmütig, konnte im Zorn gleichwohl aufbrausend sein. Der Musik zugetan, förderte er die Einführung zahlreicher Hoffestlichkeiten, besonders der „Opern-Ballette“, die der Repräsentation des Fürstenhauses dienten, aber auch die ersten Ansätze von Oper und Staatschauspiel in Dresden bildeten. 

Bevorzugter Vorführraum war der Riesensaal des Residenzschlosses, der im Auftrag Johann Georgs erbaut worden war. Dessen Einweihung fand mit einem Konzert unter Leitung von Heinrich Schütz (1585-1672) statt, den der Kurfürst 1617 als Kapellmeister an den Dresdner Hof berufen hatte. Berühmt wurde Schütz mit der ersten deutschen Oper „Dafne“, die er im Auftrag Johann Georgs auf Schloss Hartenfels bei Torgau 1627 zur Aufführung brachte. Überdies wusste der leidenschaftliche Jäger und Hundefreund die Freuden der Tafel und des Trunkes zu schätzen, nicht immer zu seinem Vorteil. Auf dem wettinischen Weingut Hoflößnitz ließ er 1648/50 ein anmutiges Schlösschen errichten. 

Chance zum Kaisertum 

In der Zeit sich reichsweit verschärfender Spannungen zwischen Katholiken und Protestanten wäre der Landesherr des mächtigsten protestantischen Territoriums prädestiniert gewesen, die evangelischen Reichsstände zu führen. Johann Georg beließ es jedoch bei der traditionellen Ausgleichspolitik Sachsens, die darauf zielte, den status quo des Augsburger Religionsfriedens – die friedliche Koexistenz von Luthertum und Katholizismus – zu wahren. So suchte er als betont lutherischer Reichsfürst an seiner Treue gegenüber dem katholischen Kaiser festzuhalten, blieb den Habsburgern freundschaftlich verbunden und unterstütze deren Kandidaten bei der Wahl zum deutschen König und römischen Kaiser. 

1619, nach dem Abfall Böhmens vom habsburgischen König, hätte Johann Georg wohl selbst König von Böhmen und – mit dem unter ihm vereinigten Sachsen, Böhmen und Schlesien an der Spitze eines protestantischen Bündnisses – gar Kaiser werden können, doch diese historische Chance war seine Sache nicht. Gewitterwolken am politischen Horizont veranlassten den Kurfürsten, 1613 mit der „Defensionsordnung“ die Landesverteidigung auf Basis der Wehrpflicht aller Grundbesitzer neu zu ordnen. Demnach hatten Adel und Städte im Ernstfall Reiter und Fußtruppen zu stellen, wehrhafte Bürger die Städte zu verteidigen. 

Im Mai 1618 brach in Sachsens Nachbarland Böhmen der Dreißigjährige Krieg aus, wobei es um den Streit zwischen den Konfessionen und die Vormachtstellung in Deutschland und Europa ging. Der sächsische Kurfürst – von Habsburgern wie protestantischen böhmischen Ständen um Unterstützung angehalten – zog sich zunächst auf einen neutralen Standpunkt zurück. Nachdem Kursachsen im Auftrag des Kaisers schließlich die beiden Lausitzen besetzt hatte – Bautzen musste mit 12.000 Mann belagert werden – unterwarf Johann Georg auch Schlesien und erhielt zum Dank die Ober- und Niederlausitz als Pfand. Die harte kaiserliche Politik der Gegenreformation in Böhmen, wie auch das Restitutionsedikt von 1629, womit der Kaiser die Wiederherstellung der seit 1552 säkularisierten geistlichen Fürstentümer – deren Rückgabe an die katholische Kirche – verlangte, sah Johann Georg mit Widerstreben. Immerhin befanden sich die ehemals katholischen Bistümer Meißen, Naumburg-Zeitz und Merseburg unter seiner Verwaltung. 

Krieg und Seitenwechsel 

1630 landete der Schwedenkönig Gustav Adolf mit einem Heer in Pommern. Trotz gleichen Glaubens sah der reichstreue Johann Georg dieses Eingreifen in deutsche Angelegenheiten kritisch. Der Leipziger Konvent im Februar 1631 versuchte, die evangelischen Reichsfürsten und Reichsstände mit dem Kurfürsten an der Spitze in einer bewaffneten Neutralität zwischen Kaiser und Schweden zu vereinen. Dazu wurde ein Heer unter Hans Georg von Arnim-Boitzenburg aufgestellt. Das gewaltsame Vorgehen der Katholischen Liga gegen die am Zusammenschluss beteiligten Länder und Tillys Einmarsch in Kursachsen veranlassten Johann Georg jedoch zum Abschluss eines Bündnisses mit den Schweden. Kurz darauf, am 17. September 1631, schlugen diese das Tilly‘sche Heer bei Breitenfeld vernichtend. Hierbei machte Johann Georg keine gute Figur, als seine ungeübten Truppen schon nach kurzem Kampf die Flucht antraten, und erst die schwedische Reiterei den glänzenden Sieg erringen konnte. 

Die Sachsen rückten nun nach Böhmen und besetzten Prag. Nachdem Wallenstein bis Leipzig vorgedrungen war, eilten die Schweden auf einen sächsischen Hilferuf hin herbei. Am 16. November 1632 kam es zur Entscheidungsschlacht bei Lützen, wobei Gustav Adolf fiel. Doch der Tod des Schwedenkönigs gab dem sächsischen Kurfürsten neue Handlungsfreiheit. Nachdem schwedische Politiker ihm die Spitze der protestantischen Kriegspartei verwehrt hatten, zog sich der Kurfürst aus dem Bündnis zurück, wechselte abermals die Seiten und schloss mit dem Kaiser am 30. Mai 1635 den Prager Frieden. Der revanchierte sich mit der Abtretung von Ober- und Niederlausitz, dem größten Landgewinn, den Kursachsen nach 1547 je erzielen sollte. Im Friedensvertrag verpflichtete sich Johann Georg, die katholischen Bewohner der Lausitzen – in erster Linie Sorben – sowie das Domstift Bautzen und die Klöster St. Marienstern und St. Marienthal zu schützen und zu erhalten. Das Bündnis mit dem Habsburgerreich aber bildete fortan die Grundlage sächsischer Außen- und Deutschlandpolitik bis 1866. Allein auf dieser Basis sollte es August dem Starken später möglich sein, seine Wahl zum König von Polen zu betreiben. 

Der Seitenwechsel jedoch hatte die fatale Folge, dass die Schweden nun Sachsen mit furchtbaren Kriegsgräueln überzogen, worunter vor allem die wehrlose Zivilbevölkerung zu leiden hatte. Johann Georg hielt sich derweil – anderthalb Jahre – bei seiner Armee auf, die überwiegend in Norddeutschland eingesetzt war. Seine Niederlage in der Schlacht von Wittstock am 4. Oktober 1636, wurde wegen des Bündnisbruchs – des Verrats an der protestantischen Sache – auch als Gottesurteil gedeutet. 

Böhmische Exulanten 

Erst nach langem Zögern und weiteren militärischen Erfolgen der Schweden fand sich der Kurfürst zu Verhandlungen bereit. Am 6. September 1645 schlossen Johann Georg I. und der schwedische General Torstensson den Waffenstillstand von Kötzschenbroda. Sachsen schied aus dem Krieg aus, womit die Kämpfe ein Ende fanden, nicht aber die Truppendurchmärsche. 1648 beendete der Westfälische Frieden den Dreißigjährigen Krieg. Sachsen hatte etwa die Hälfte seiner Bevölkerung verloren, behielt die Lausitzen, musste aber Magdeburg abtreten. Das Land war gänzlich verarmt, hatte an politischer Bedeutung verloren – und doch: Man nimmt an, dass bis zu 150.000 aus Glaubensgründen vertriebene Einwanderer – Reformierte und Protestanten – damals nach Sachsen gekommen sind. 1654 genehmigte Johann Georg die Gründung der nach ihm benannten Johanngeorgenstadt durch böhmische Exulanten. Eine Erfolgsgeschichte: die unter dem Einfluss der Zuwanderer aufblühende Stadt entwickelte sich in einem halben Jahrhundert zur neuntgrößten Stadt des Landes! 

1653, auf dem ersten Reichstag nach dem Friedensschluss, übertrugen die evangelischen Reichsfürsten Johann Georg das Direktorium der evangelischen Stände. Wenig politisches Gespür zeigte dessen testamentarische Verfügung, das Kurfürstentum nach seinem Tode unter die vier Söhne aufteilen zu wollen. Trotz der verfügten Oberhoheit des Ältesten wurde damit die innere Einheit des Landes geschwächt. Fehlenden Weitblick suchte Johann Georg durch Ratgeber wie den Oberhofprediger Mattias Hoe von Hoenegg zu kompensieren, der einen starken Einfluss auf den Kurfürsten ausübte, ihn in seinem unmäßigen Hass auf die Reformierte Kirche noch bestärkte. 

45 Jahre hat Johann Georg I. den Kurhut getragen. Er starb im Alter von 72 Jahren und wurde zunächst in der Krypta der Dresdner Sophienkirche beigesetzt. Nach deren Zerstörung bei den Bombenangriffen auf Dresden vom Februar 1945, wurde sein Sarkophag in die Grablege der Wettiner im Freiberger Dom überführt. Hier ruht er neben seiner Gemahlin Magdalena Sibylla, die ihm zweieinhalb Jahre später nachfolgte. 

Literatur:

Karlheinz Blaschke: Der Fürstenzug zu Dresden. Leipzig / Jena / Berlin 1991. 
Albert Herzog zu Sachsen: Die Wettiner in Lebensbildern. Graz / Wien / Köln 1995. 
Otto Kaemmel: Festschrift zur 800-jährigen Jubelfeier des Hauses Wettin. Dresden 1889.

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