Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Kunst & Kultur

Aus der Frühzeit der Industrialisierung in Sachsen

Just & Hantzsch – die erste sächsische Papierfabrik stand in Sebnitz

Mittwoch, 01 März 2017 05:00
Die Sebnitzer Papierfabrik ca. 1840 Die Sebnitzer Papierfabrik ca. 1840 Quelle: Archiv Manfred Schober, Sebnitz

Sebnitz – Vor 190 Jahren begann die maschinelle Papierfertigung in Sachsen. In der Kleinstadt Sebnitz am Rand der Sächsischen Schweiz entstand mit Just & Hantzsch die erste sächsische Papierfabrik, die zweite im ganzen Kaiserreich. Eine sächsische Erfolgsgeschichte. Die Gründer des Unternehmens, Christian Friedrich Just, Carl Gotthelf Just und Carl Gotthold Hantzsch – sämtlich miteinander verwandt –, waren wohlhabend gewordene Sebnitzer Leinwandhändler. Mit dem Niedergang des Weberhandwerks durch die aufstrebende Maschinenweberei und die Einfuhr billiger englischer Textilwaren, suchten diese wohl nach einer zukunftssicheren Einnahmequelle.

Start nach englischem Vorbild

Auf einem Wiesengrundstück vor der Stadt begann 1826 der Bau eines Fabrikgebäudes. Die ersten Maschinen wurden im Winterhalbjahr 1826/27 aufgestellt, die Konzession lautete auf „Anlegung einer englischen Patent-Papierfabrik in Sebnitz“. Technische Ausrüstung wurde also aus England eingeführt, das auf dem Gebiet des Maschinenbaus damals am weitesten fortgeschritten war. Der Antransport erfolgte auf dem Wasserwege, englisches Fachpersonal half bei der Aufstellung vor Ort. Erste Bögen „Maschinenpapier“ wurden am 12. April 1827 hergestellt. 1828 übernahm das Unternehmen eine in Saarlouis erfundene Zylinder- bzw. Langsiebmaschine, die anstatt einer begrenzten Schöpfmenge, Endlospapier herzustellen vermochte. Die sich entwickelnde Tapeten- und Verpackungsproduktion machte die Herstellung auch großer Formate notwendig.

Schwieriger Beginn und königliche Anerkennung

Zunächst aber galt es, auftretenden Hemmnissen zu begegnen. Sebnitz lag abseits der großen Verkehrswege, Rohstoffe und Papier konnten nur mit Pferdefuhrwerken transportiert werden. Nicht minder kompliziert war die Beschaffung des wichtigsten Rohstoffes, der Hadern (Lumpen). Kaum zu glauben: Das Unternehmen erhielt dafür keine eigene Lizenz, da im damaligen Sachsen das Recht zum Hadernsammeln an Einzelpersonen verpachtet wurde. Also bezogen Just & Hantzsch Hadern überwiegend aus dem benachbarten Böhmen. Das war billig, aber nur unter Umgehung von Zollschranken und auf Schleichwegen zu realisieren. Wenn hoher Schnee diese unpassierbar machte, trat in Sebnitz Hadern-Mangel ein! Auch kostete der Unternehmensaufbau weit mehr Geld, als das Einlagekapital hergab, musste der sächsische Staat mit Beihilfen einspringen.

Um die hohen Transportkosten von England aus zu sparen, wurde teilweise versucht, Maschinen und Apparaturen im Lande herstellen zu lassen. Rückschläge blieben nicht aus, da die englische Qualität nicht immer zu erreichen war. Eine besondere Herausforderung war der Antrieb der Maschinen, ursprünglich mit Wasserkraft, ab Ende der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts per Dampfmaschine. Trotz mancher Startschwierigkeit stieß die Patentpapierfabrik auf großes Interesse und konnte 1829 Proben ihrer Arbeit auf der Industrieausstellung in Dresden präsentieren. 1834 verlieh der sächsische König den Sebnitzern „wegen Vorzüglichkeit der Leistungen, Großartigkeit ihres Unternehmens und Herstellung der ersten Maschinen-Papier-Fabrik in Sachsen“ die Kleine goldene Preismedaillle.

Learning by doing führt zum Erfolg

Die Belegschaft der Fabrik rekrutierte sich aus arbeitslos gewordenen Leinewebermeistern und -gesellen, Tagelöhnern; auch Frauen, die bis dahin saisonal in der Landwirtschaft gearbeitet hatten. Während 1828 knapp 60 Beschäftigte verzeichnet waren, sind es um 1840 bereits 150. Arbeiter aus der Sebnitzer Umgebung hatten nicht selten Wegstrecken von mehr als einer Stunde Fußmarsch zurückzulegen. Brot, eine Flasche Malzkaffee und das Mittagessen für den Tag wurden von daheim mitgenommen oder von Familienangehörigen an den Arbeitsplatz gebracht. Ab 1889 gab es eine Werkskantine. Gearbeitet wurde 1829 täglich 12 Stunden, für die fünfziger Jahre ist regelmäßige Nachtarbeit belegt. Als echtes Start-Up ihrer Zeit, waren Just & Hantzsch – Fabrikarbeiter wie Firmenleitung – zunächst gehalten, sich die notwendigen Fertigkeiten während der laufenden Produktion anzueignen.

Die erzeugte Papiermenge nahm stetig zu und konnte der steigenden Nachfrage kaum standhalten. Dass dabei die Qualität hohen Anforderungen genügt haben muss, zeigt ein Blick in die Kundenkartei, wonach bereits 1830/31 bekannte Verlage wie Breitkopf & Härtel in Leipzig sowie das Bibliographische Institut in Hildburghausen zu den Abnehmern zählten. Selbst der „Dresdner Anzeiger“, die älteste Tageszeitung der Landeshauptstadt, wurde schon 1829 auf Sebnitzer Papier gedruckt.

Von der Aktiengesellschaft zur Demontage

Bis 1870 bestand die „Königlich Concessierte Patentpapierfabrik Gebrüder Just & Hantzsch“ als Familienunternehmen. Dann erfolgte die Umwandlung, kaufte die „Actien-Gesellschaft Sebnitzer Papier-Fabrik, vormals Just & Co“ im Januar 1872 Fabrikgelände und Grundstück für 200.000 Taler. Dem unaufhörlichen Aufschwung, bedingt durch fortgesetzte Modernisierung, den Eisenbahnbau in der Region sowie gute Exportmöglichkeiten, vor allem nach Südamerika, folgte 1904 der Zusammenbruch. Ein langfristiger Vertragsabschluss mit dem August-Scherl-Verlag, der erhebliche Erweiterungen zur Folge gehabt hatte, führte durch anhaltende Produktionsstörungen zum Konkurs.

Eine neugegründete AG konnte noch einmal an die Erfolge früherer Zeit anknüpfen und führte das Unternehmen durch Inflation und Weltwirtschaftskrise. Während der Jahre des Zweiten Weltkrieges ging die Produktion zurück, männliche Arbeiter wurden zum Kriegsdienst eingezogen. Im Frühjahr 1945 musste die Papiererzeugung eingestellt werden. Mit dem Kriegsende kam die völlige Demontage durch die russische Besatzungsmacht, fand die Papierherstellung in Sebnitz nach 118 Jahren ihren Abschluss.

Die Sebnitzer Papierfabrik ca. 1890 | Quelle: Archiv Manfred Schober, Sebnitz
Die Sebnitzer Papierfabrik ca. 1890
Quelle: Archiv Manfred Schober, Sebnitz

 


Literatur:

Manfred Schober: Die Sebnitzer Papierfabrik in den Jahren 1826 bis 1860. Ein Beitrag zur Wirtschaftsgeschichte Sachsens, in: Sächsische Heimatblätter, 27. Jahrgang, Heft 1/1981. Dresden, 1981, S. 23-27.

Manfred Schober: Die Papierfabrik Sebnitz in den Jahren 1826-1945, in: Beiträge zur Heimatgeschichte. Die Stadt und der Kreis Sebnitz in Vergangenheit und Gegenwart, Heft 6. Sebnitz, 1989, S. 53-63.

Letzte Änderung am Freitag, 03 März 2017 03:15
Artikel bewerten
(24 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten