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Das Buch „Troublemaker“ blickt hinter die Kulissen der Organisation

In den Fängen von Scientology: „King of Queens“-Star Leah Remini packt aus

Samstag, 04 März 2017 04:34
Leah Remini klärt über Scientology auf Leah Remini klärt über Scientology auf Quelle: mvg Verlag

Wiesbaden – Millionen von Fernsehzuschauern kennen die US-Schauspielerin Leah Remini als Ehefrau des tollpatschigen, aber liebenswürdigen Paketboten Doug Heffernan (Kevin James) in der beliebten Sitcom „King of Queens“. Was viele Fans der Serie bei Erstausstrahlung Ende der neunziger Jahre nicht wussten: Remini war überzeugtes Mitglied der „Scientology Church“ und hatte der Organisation über zwanzig Jahre lang Dollar-Beträge in insgesamt zweistelliger Millionenhöhe gespendet. Erst Mitte 2013 schaffte sie den Absprung, kehrte den Scientologen den Rücken und hat ein Buch über ihre Zeit in der „Church“ geschrieben, das beim Münchner mvg Verlag in deutscher Übersetzung erschienen ist.

Leah Remini geriet schon im zarten Kindesalter in die Fänge jener Sekte, die sich auf die obskuren „Lehren“ des 1986 verstorbenen Science-Fiction-Autors L. Ron Hubbard („Dianetik“) beruft. Die 1970 in Brooklyn, New York, geborene Tochter eines italienischstämmigen Arbeiters und einer Lehrerin österreichisch-jüdischer Herkunft wuchs bei ihrer Mutter auf, die sich von ihrem Mann schon früh getrennt hatte. Die Alleinerziehende ist bis heute Mitglied von Scientology und schleppte ihre damals neunjährige Tochter mit zu Scientology. Dort erlebte sie im Laufe der Jahre Dinge, die an totalitäre Systeme erinnern.

Überwachung und Denunziation

Remini schildert in ihrem Buch „Troublemaker“ anschaulich, wie Scientology ein engmaschiges Netz von Überwachungsmaßnahmen und Mechanismen zur Denunziation bei „Fehlverhalten“ von Mitgliedern aufgebaut hat, um die Anhängerschar zu kontrollieren und auf Linie zu halten. Vorgeblich geht es darum, immer höhere Bewusstseinsstufen zu erlangen, in Wirklichkeit gibt es auf beiden Seiten zumeist nur handfeste materielle Interessen: Die Organisation will Geld von ihren Mitgliedern, die Anhänger erhoffen sich von ihrer Mitgliedschaft nicht selten materielle Vorteile. Remini musste irgendwann feststellen, dass es diese Win-Win-Situation in Wirklichkeit nicht gibt. Sie spendete 10 Millionen Dollar an die „Church“, Karriere in Hollywood machte sie allerdings so gut wie gänzlich ohne deren Hilfe.

Die US-Schauspielerin, die ihre Laufbahn in den frühen Achtzigern mit einer Teenie-Rolle in der Serie „Wer ist hier der Boss?“ startete und seitdem auch in Deutschland bekannt ist, bestätigt in „Troublemaker“ das, was auch schon andere prominente Aussteiger wie der Regisseur und Oscar-Preisträger Paul Haggis („Crash“) in ihren Enthüllungsbüchern beschrieben haben: Scientology baut psychische Abhängigkeitsverhältnisse auf und fördert mitunter Praktiken, die bewusst auf die Erniedrigung der Anhänger zielen. Diese Erfahrung musste Leah Remini schon als Teenager machen, als sie als zeitweiliges Mitglied der elitären „Sea Org“ zu dreckiger und schwerer körperlicher Arbeit herangezogen wurde, während sich andere Mitglieder, die bereits eine höhere Stufe erreicht hatten, am Pool sonnen durften und sich von den „niederen“ Chargen bedienen ließen.

Die Regeln bei Scientology sind hart und für Außenstehende oft kaum nachvollziehbar. Remini beschreibt, dass sie oft für Dinge bestraft wurde, die allgemein als harmlos oder ganz normal gelten. Selbst der Umstand, dass sie während der Geburt ihrer Tochter Sofia im Jahr 2004 von den Ärzten ein leichtes Schmerzmittel verabreicht bekam, reichte für ihren Supervisor aus, um sie zurückzustufen. Dies entspräche nicht den Richtlinien der „Kirche“ sagte man ihr damals. Die US-Mimin beteiligte sich auch selbst an der Denunziationsmaschinerie der Sekte, wie sie in ihrem Buch offen zugibt. Den Anhängern werde schließlich ständig eingeimpft, bei beobachtetem „Fehlverhalten“ anderer Mitglieder sogenannte „Wissensberichte“ anzufertigen und einzureichen. Sie schrieb sogar einmal einen solchen Bericht über den amtierenden Scientology-Chef David Miscavige, der seine Frau mit seiner Assistentin betrogen hatte, was innerhalb der Sekte als schwerer Verstoß gegen die Verhaltensregeln gilt. Der Bericht landete in der „Rundablage“, wie sie schreibt. Dafür wurde sie von den Oberen einmal mehr angezählt.

„Übermensch“ Tom Cruise

In dem Buch schildert sie auch ihre Zusammenkünfte mit dem Top-Star der „Scientology Church“, dem Schauspieler Tom Cruise, der innerhalb der Sekte fast wie ein „Übermensch“ verehrt wird. Er gilt, wie Ober-Scientologe Miscavige oder auch der zweite Star-Scientologe John Travolta, als nahezu unantastbar. Ihren endgültigen Bruch mit der Organisation leiteten denn auch eine Reihe von Denunziationsberichten über vermeintliches „Fehlverhalten“ Reminis auf der Hochzeit von Tom Cruise und seiner Kollegin Katie Holms ein. Als sie sich darüber beschwerte, dass sie nicht am gleichen Tisch wie ihre gute Freundin Jennifer Lopez sitzen durfte, die sie überhaupt erst im Auftrag von Scientology zu der Hochzeit eingeladen hatte, wurde sie mit „Auditings“ (eine Art Gehirnwäsche mittels eines zweifelhaften Apparates namens „E-Meter“, der angeblich über ähnliche Funktionen wie ein Lügendetektor verfügen soll) zur Überprüfung ihres Seelenzustandes bestraft. Den endgültigen Ausschlag gab schließlich der Umstand, dass sie wegen der vielen Kurse und sonstigen Verpflichtungen im Rahmen ihrer Scientology-Mitgliedschaft kaum noch Zeit für die eigene Familie hatte. In „Troublemaker“ schreibt Remini dazu: „Was die Leute oft nicht wissen: Man muss sich jeden Tag, sieben Tage pro Woche, mindestens dreieinhalb Stunden in einer der Kirchen mit den Lehren von Scientology beschäftigen. Als berufstätige Frau merkte ich bald, dass ich gar nicht mitbekam, wie mein eigenes Kind aufwächst. Das brachte mich ins Grübeln.“

Hollywood hautnah

Gemeinsam mit ihrem Mann, dem Seriendarsteller Angelo Pagan, trat sie schließlich aus – und gilt seitdem als Abtrünnige, als „unterdrückerische Person“, zu der andere Scientologen keinen Kontakt mehr haben dürfen. Dennoch war für sie die Abkehr von der Organisation ein Befreiungsschlag. Remini deutet an, dass sich einige Anhänger nicht an die von Scientology auferlegten Kontaktverbote hielten und – unter höchst konspirativen Bedingungen, die an Agenten-Thriller erinnern – weiterhin mit ihr Umgang pflegten. „Troublemaker“ ist ein lesenswertes, flott geschriebenes Buch, das interessante und teilweise erschreckende Einblicke in die Scientology-Welt bietet, die Außenstehenden normalerweise verborgen bleiben. Für Fans der Serie „King of Queens“ ist es außerdem zu empfehlen, weil Remini auch viel über ihre Zeit in Hollywood und den Dreh der Sitcom schreibt. Insgesamt eine runde Sache.


Literaturhinweis: Leah Remini: Troublemaker. Wie ich Hollywood und Scientology überlebte, 280 Seiten, geb., zahlreiche Abb., mvg Verlag: München 2016, € 19,99.

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