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Nolde-Stiftung zeigt ausgewählte Werke des Expressionisten

Emil Noldes Spätwerk in Seebüll: Debatte um NS-Sympathien des Künstlers

Mittwoch, 13 April 2016 17:21
Emil Nolde: Zinnen und Stockrose (1938) Emil Nolde: Zinnen und Stockrose (1938)

Seebüll/Leipzig – Die Nolde-Stiftung im nordfriesischen Seebüll zeigt anlässlich ihres 60-jährigen Bestehens noch bis Ende November eine Ausstellung mit Werken aus Emil Noldes umfangreichem Spätwerk. Für Stiftungsdirektor Christian Ring ist das Alterswerk des berühmten Expressionisten ruhiger, stiller, epischer und romantischer als seine vorherigen Arbeiten. „Es geht um Emotionen und das Zwischenmenschliche, und die Farben werden intensiver“, so der Kunsthistoriker. Die Ausstellung im früheren Wohnhaus des Künstlers zeigt insgesamt 178 Exponate, darunter 50 Gemälde, 87 Aquarelle sowie verschiedene Zeichnungen und Grafiken.

Auch wenn die Nolde-Stiftung dieses Thema wie üblich ausblendet, entfacht die aktuelle Werkschau in Seebüll doch erneut die Debatte über die zwiespältige Rolle des Künstlers im Nationalsozialismus. Obwohl der Expressionismus dem engstirnigen Kunstverständnis der NS-Machthaber widersprach und sich Noldes Werke letztlich in der Schmähausstellung „Entartete Kunst“ wiederfanden, galt der heutzutage überaus populäre Maler norddeutscher Landschaften, dem Siegfried Lenz 1968 in seiner „Deutschstunde“ ein Denkmal setzte, zeitweilig als Sympathisant der Nationalsozialisten.

In einem Schweizer Nachlass tauchten 2013 mehrere Dokumente aus dem Jahr 1938 auf, die Nolde als Bewunderer Hitlers mit stark antisemitischem Einschlag zeigen. So bekannte sich der Künstler in einem der Schriftstücke, das er, wie die Kunsthistorikerin Aya Soika vermutet, an den Pressechef der Reichsregierung, SS-Gruppenführer Otto Dietrich, richtete, zum „Glauben“ an den „großen deutschen Führer Adolf Hitler“ und erinnerte an seine schon „um 1910 geführten Kulturkämpfe gegen die herrschende Ueberfremdung in allem Künstlerischen und gegen die alles beherrschende jüdische Macht“.

Nordschleswig-Frage

Vier Jahre zuvor war Nolde der Nationalsozialistischen Arbeitsgemeinschaft Nordschleswig (NSAN) beigetreten, einer Organisation der deutschen Volksgruppe im dänischen Grenzbereich. Auch wenn man hier zugunsten Noldes, den Lenz in Person des Max Ludwig Nansen als Widerständler darstellte, nicht unbedingt von einer hochpolitischen Angelegenheit ausgehen muss, da es sich auch um grenzlanddeutsche Anhänglichkeit eines unversehens im dänischen Staat Ansässigen gehandelt haben könnte, so deuten seine Briefe aus dem Jahr 1938 und auch andere Dokumente darauf hin, dass er dem Nationalsozialismus nicht gerade ablehnend gegenüberstand.

Umso tragischer, dass er trotz Fürsprache einzelner NS-Politiker von den Nationalsozialisten verfemt wurde, über 1000 seiner Werke aus deutschen Museen entfernt wurden und 48 davon 1937, also ein Jahr vor Niederschrift seines sechsseitiges Typoskripts an Dietrich, das auf den 6. Dezember 1938 datiert, in der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ diffamiert wurden.

Emil Nolde (eigentlich Hans Emil Hansen) wurde 1867 als vierter Sohn des Bauern Niels Hansen und seiner Frau Hanna Christine in Nolde bei Buhrkall nahe Tondern in Nordschleswig geboren. Der Ort im nördlichen Teil des Herzogtums Schleswig gehörte von 1867 bis 1920 zu Preußen und damit zum Deutschen Reich. Bei der Volksabstimmung im Jahr 1920 stimmten in Buhrkall 51 Prozent der Stimmberechtigten für Dänemark, 49 Prozent votierten deutsch. Ganz Nordschleswig wurde daraufhin Dänemark zugeschlagen, so dass Nolde die dänische Staatsbürgerschaft erhielt.

Der Künstler verstand sich jedoch zeitlebens als Deutscher, besuchte deutsche Schulen, sprach Deutsch und bezeichnete seine Herkunft als eine „Mischung aus Schleswigerin und Friesenblut“. Sein Vater war Nordfriese und stammte aus der Gegend um Niebüll, seine Mutter kam aus Südjütland. Mit 17 Jahren begann er eine Lehre als Holzbildhauer und Zeichner in Flensburg. Später besucht er die Malschule von Friedrich Fehr in St. Gallen, nachdem ihn die Münchner Akademie unter Franz von Stuck abgelehnt hatte. In der Schweiz entstanden erste Landschaftsaquarelle und auch groteske Darstellungen der Berggipfel in Sagengestalt, die in hoher Auflage als Postkarten erschienen und Nolde ein bescheidenes Auskommen sicherten.

Naturmalerei und religiöse Motive

Nach einem Aufenthalt in Paris heiratete er im Februar 1902 heiratete er die jungen dänischen Schauspielerin Ada Vilstrup, legte im Zuge seiner Vermählung seinen Familiennamen ab und nannte sich fortan nach seinem Geburtsort Nolde. Das Ehepaar lebte zunächst in Berlin, während der Sommerwochen im Fischerdorf Lildstrand an der Nordküste Jütlands und zog später nach Flensburg. Finanziell ging es den Beiden zu dieser Zeit nicht sonderlich gut, Ada war zudem oft krank. Während Aufenthalten auf der Insel Alsen in den Jahren 1903 bis 1905 entstand in Noldes Bretteratelier am Strand unter anderem das berühmte Gemälde „Frühling im Zimmer“.

Bis Ende 1907 war Nolde Mitglied der Künstlergruppe „Brücke“, lernte in Berlin den norwegischen Expressionisten Edvard Munch kennen und trat schließlich der Berliner „Secession“ bei, die er jedoch nach einem Streit mit Max Liebermann wieder verließ und zur „Neuen Sezession“ ging. 1909 malte er im Fischerdorf Ruttebüll an der Nordsee die ersten religiösen Bilder, etwa „Abendmahl“, „Pfingsten“ und „Verspottung“. In den folgenden Jahren fanden größere Ausstellungen mit Werken Noldes in Hamburg, Essen, Jena und Hagen statt. 1911/12 entstand sein Hauptwerk, die neunteilige Reihe „Das Leben Christi“.

Als Angehörige der „Medizinisch-demographischen Deutsch-Neuguinea-Expedition“ bereisten Nolde und seine Gattin Russland, Korea, Japan, China und die Südsee. Später zog es den Künstler auch nach Venedig, Rapallo, Arezzo und Wien. Zwischen 1915 und 1925 entstanden zahlreiche Gemälde mit Motiven von seinen Reisen, aber erneut auch religiöse Werke wie „Grablegung“ oder fantastische Aquarelle, zu denen Nolde durch Aufenthalte auf der Hallig Hooge inspiriert wurde. 1916 zog er mit Ada nach Utenwarf an der schleswig-holsteinischen Westküste und wurde im selben Jahr Mitglied im Arbeitsrat für Kunst in Berlin.

Inzwischen hatte sich die wirtschaftliche Situation der Noldes erheblich gebessert, so dass der Künstler Ende der zwanziger Jahre damit beginnen konnte, den Bau eines Wohnhauses nach eigenen Entwürfen in Seebüll zu beginnen. Zunächst entstand das Atelier im Erdgeschoss, später wurden der Wohnbereich und Repräsentations- und Ausstellungsräume eingerichtet. Der burgartige Bau mit seinen schmalen Fenstern und dem flachen Dach, der in seiner geradlinigen Form an die Bauhaus-Architektur der zwanziger Jahre erinnert, ragt imposant aus der ebenen Landschaft heraus. Nolde wollte das Gebäude bewusst als Kontrast zu den gedrungenen Friesengehöften mit ihren Reetdächern, wie sie kennzeichnend für die Gegend waren, errichten. Das Nolde-Haus in Seebüll beherbergt bis heute die Nolde-Stiftung samt Bildersaal. Die ehemaligen Wohnräume in der ersten Etage sind zu Kabinetten für Noldes Papierarbeiten umgestaltet worden.

„Entartete Kunst“

Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht in Deutschland übernahmen, war Nolde ein vielgeachteter und berühmter Künstler. 1931 wurde er etwa in die Preußische Akademie der Künste in Berlin aufgenommen. Zunächst begrüßte er die die NS-Machtergreifung und schrieb am 27. April 1933, zwölf Wochen nach Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, an den norwegischen Kunsthistoriker Henrik Grevenor: „In diesem politisch unruhigen Winter sind so vielerlei Geschehnisse, die einen dauernd in Anspruch nehmen, weil wir doch sehr mitleben in der so stark durchgeführten und schönen Erhebung des deutschen Volkes.“

Nur wenige Monate später, im November 1933 berichtet Nolde seinem Lehrer Hans Fehr voller Stolz von seiner Teilnahme an einem Abendessen im Münchner Löwenbräukeller anlässlich des zehnten Jahrestages des sogenannten Hitler-Putsches, zu dem ihn Himmler höchstpersönlich eingeladen haben soll: „Die Feier war sehr bewegend. Wir sahen u. hörten den Führer zum ersten Mal. (…) Der Führer ist groß u. edel in seinen Bestrebungen u. ein genialer Tatenmensch. Nur ein ganzer Schwarm dunkler Gestalten noch umschwärmen ihn in einem künstlich erzeugten Kulturnebel. Es hat den Anschein, daß demnächst die Sonne hier durchbrechen wird, diese Nebel zerstreuend.“

Im Jahr 1934 erfolgte schließlich Noldes Beitritt zur NSAN, doch schon in diesem Jahr nahmen die Angriffe auf seine Kunst seitens der Machthaber stetig zu. Neben Speer und Goebbels, der in seiner Privatwohnung sogar Bilder Noldes hängen hatte, gab es weitere Stimmen wie jene des späteren Kulturministers Bernhard Rust und des Reichsjugendführers Baldur von Schirach, die Nolde aus der Schusslinie nehmen wollten. Am Ende setzten sich jedoch der schroffe Nolde-Verächter Alfred Rosenberg und Geistesverwandte durch, so dass die Bilder des norddeutschen Künstlers schließlich beschlagnahmt und als „entartete Kunst“ herabgewürdigt wurden.

Im Jahr 1941 wurde Nolde schließlich aus der Reichskammer der Bildenden Künste „wegen mangelnder Zuverlässigkeit“ ausgeschlossen und erhielt Berufsverbot. Vorausgegangen war eine Intervention Reinhard Heydrichs bei Goebbels‘ Propagandaministerium. Der Leiter des Reichssicherheitshauptamts hatte sich beschwert: „Der berüchtigte Kunstbolschewist und Führer entarteter Kunst, Emil Nolde, hat in seiner Steuererklärung noch ein Einkommen von 80.000 RM angegeben.“

Immer wieder hatte Nolde Eingaben bei Goebbels gemacht und beispielsweise darauf hingewiesen, dass er „von Beginn der Nationalsozialistischen Bewegung als fast einzigster (sic!) deutscher Künstler im offenen Kampf gegen die Überfremdung der deutschen Kunst, gegen das unsaubere Kunsthändlertum und gegen die Machenschaften der Liebermann- und Cassirerzeit gekämpft“ habe. In dem vermutlich an Reichspressechef Dietrich gerichteten Brief vom 6. Dezember 1938 schrieb der damals 71-Jährige zudem erbost: „Es wird gesagt, dass meine Kunst von Juden gefördert und gekauft worden ist. Auch das ist falsch. Einzelne versprengte Bilder sind in den späteren Jahren durch den Kunsthandel zu Juden gekommen, im Allgemeinen jedoch bekämpfen sie mich. Die Reinheit und das ursprüngliche Deutsche in meiner Kunst haben sie bespöttelt und nie gewollt. Meine wesentlichen Bilder sind alle in deutschem Besitz, von Deutschen gekauft, die durchaus nicht fremdländisch angekränkelt, sondern bewusst Deutsche sind.“

Wegweisender Expressionist

Das alles half nichts. Nolde blieb bis zum Ende der NS-Diktatur persona non grata und stand unter Berufsverbot. Nach dem Krieg tilgte er antisemitische Passagen aus seiner mittlerweile vierbändigen Biografie. Nachdem er 1956 in Seebüll gestorben war, übernahm die dortige Nolde-Stiftung den Auftrag, „den umfangreichen Nachlass Emil Noldes in Seebüll im Sinne des Künstlers zu verwalten, sein Werk der Nachwelt zu erhalten und weltweit zu vermitteln“, wie es in einer Selbstbeschreibung heißt. Die erste Jahresausstellung im Nolde-Haus wurde bereits 1957 eröffnet.

Die aktuelle Ausstellung in Seebüll zeigt Emil Nolde als wegweisenden Künstler des Expressionismus, der seinem Farbenrausch wie auch seinen bevorzugten Motiven von Menschen, Landschaften, Meer und Blumen, aber auch Fantastischem und Groteskem bis zum Schluss treu blieb. Beispielgebend sind etwa das gezeigte Bildnis „Glühender Abendhimmel“ von 1945, die Tier-Allegorie „Triumph der Weisheit“ aus dem Jahr 1946, „Freundinnen“, ein Doppelporträt zweier Frauen aus demselben Jahr oder auch das 1939 entstandene Bild „Ochsen am Morgen“.

Die Ausstellung von Noldes Spätwerk ist montags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet und ergänzt in diesem Jahr weitere Nolde-Ausstellungen im internationalen Rahmen wie die Retrospektive im Stockholmer Museumsjuwel „Prins Eugen Waldemarsudde“ oder eine Auswahl von Bildern in der „Villa Mondriaan“ im niederländischen Winterswijk.

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