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Dresdner Wahrzeichen

Dresden: Das Brückenmännchen an der Augustusbrücke

Montag, 02 Januar 2017 17:32
Das Brückenmännchen an der Dresdner Augustusbrücke Das Brückenmännchen an der Dresdner Augustusbrücke Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Die sächsische Landeshauptstadt verfügt über nicht wenige weltbekannte Wahrzeichen, worunter im Zeitalter des Massentourismus vor allem architektonische Meisterleistungen wie Frauenkirche, Zwinger oder „Blaues Wunder“ verstanden werden. Vor der Industrialisierung, der Fremdenverkehr steckte noch in den Kinderschuhen, dominierten Wallfahrer, Handelsreisende und Handwerksburschen Europas Straßen. Lediglich der Adel schickte seine Söhne auf Kavalierstour in die Welt.

Wahrzeichen – Erkennungszeichen der Städte – konnten vielfältigen Ursprungs sein. Da waren Weichbildsteine (die der Umgrenzung der Orte dienten), Gerichtszeichen (z. B. Rolandssäulen), Schlusssteine an Brücken oder Domen, Wirtshauszeichen, die Türme einer Stadt oder sagenhafte bzw. schwer erklärbare Phänomene. Doch nur wenige jener außergewöhnlichen Dinge, die einen Ort letztlich unverwechselbar machen, eroberten Herz und Phantasie des einfachen Volkes auf Dauer, „bürgerten“ sich ein, um als „Wahrzeichen“ allgemeine Gültigkeit beanspruchen zu können. 

Eine besondere Rolle spielten hierbei die Handwerksgesellen, welche vom Spätmittelalter an auf mehrjährige Wanderschaft gingen, um außerhalb der engeren Heimat Erfahrungen zu sammeln. Bis zum Aufkommen der Wanderbücher sollte der reisende Handwerksbursche die Wahrzeichen einer durchlaufenen Stadt genau gekannt haben; diente deren Kenntnis gegenüber den gestrengen Altgesellen als Beweis für vorgeblichen Aufenthalt. 

Kein Touristenmagnet – und doch eines der ältesten bekannten Wahrzeichen Dresdens ist das Brückenmännchen. Hermann Meynert (Janus) nennt es 1833 im „Charaktergemälde von Dresden“ als eines von drei erwähnenswerten Wahrzeichen der Elbestadt, und auch Cornelius Gurlitt verzeichnet es 1901 in seinem Inventar. Ursprünglich als Schlussstein in der Mitte von Dresdens berühmter Elbquerung, soll das beinah lebensgroße Halbrelief aus Sandstein deren Baumeister Matthäus Focius (Matthaeus Fotius) zeigen. Die steinerne Brücke mit ihren 24 Pfeilern und 23 Bögen wurde erstmals 1287 erwähnt. In dieser Zeit war es gebräuchlich, dass sich die Baumeister an Brücken und Kirchen auf Schlusssteinen selbst verewigten. Und so schaut das steinerne Männchen sitzend, die Hände in den Schoß gelegt, noch immer unbewegt elbabwärts. Sommers wie winters trägt es einen Rock mit Knopfleiste, dazu Pelzmütze und Stiefel. Der Dresdner Volksmund hat das Steinbild einst derb „Matz-Fotze“ genannt. Als geflügeltes Wort fand es gar Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch der Residenzstadt. Kein Geringerer als Gaetano Chiaveri (1689-1770), der Baumeister der Hofkirche, benutzte den Begriff in einem Brief an einen Hofbeamten, den er damit als „Duckmäuser“ zu charakterisieren suchte. Selbst Goethe ließ in seiner Farce „Hanswursts Hochzeit“ (1775) einen „Matz Fotz von Dreßden“ auftreten. 

Am 19. März 1813, beim Abzug der Franzosen, wurde der Brückenpfeiler samt Wahrzeichen gesprengt. Der Bildhauer Christian Gottlieb Kühn schuf nach einer historischen Ansicht bald (1814) Ersatz. Das ramponierte Original wurde wieder aufgefunden, als die Kühn‘sche Kreation längst die reparierte Brücke zierte. Über die Identität des Dargestellten sind vielfach Überlegungen angestellt worden, „von denen aber keine eine einigermaßen stichhaltige Begründung“ haben (Gurlitt). Aus dem im Volksmund überlieferten „Matz Fotze“ glaubte man ableiten zu können, dass „Matthäus Fotius“ (auch Matteo Foccio oder Fuccio), der Erbauer der Brücke, jener florentinische Baumeister gewesen sei, der um 1250 in Florenz und Neapel Bauten ausgeführt hatte. Doch zu jener Zeit zog es Baumeister eher von Deutschland Richtung Italien. Nach Wilhelm Schäfer könnte der im Volk erhaltene deutsche Name „Matthäus Fotz“ (= Mund, Maul, Gesicht) ebenso nachträglich italisiert worden sein. 

Wer heute nach dem Brückenmännchen Ausschau hält, wird nicht lange suchen müssen. Unterhalb des „Italienischen Dörfchens“ sind es nur wenige Schritte. Falls kein parkender LKW die Sicht versperrt, darf man sich auch von den Glascontainern des – einen Steinwurf entfernten „Theaterkahns“ – nicht irritieren lassen. Dahinter erhebt sich der erste Brückenpfeiler, der auf halber Höhe das einst so berühmte Wahrzeichen trägt, während rechts davon die Blechlawine einer unsentimentalen Zeit über das Terrassenufer donnert. 

Eines der ältesten Wahrzeichen Dresdens - das Brückenmännchen | Quelle: Bert Wawrzinek
Eines der ältesten Wahrzeichen Dresdens - das Brückenmännchen
Quelle: Bert Wawrzinek


Dass der steinerne Mann den bekannten Abbildungen des Denkmals nur entfernt ähnlich sieht, dürfte überraschen. Das 1814 wiederaufgefundene Original des Steinbildes hatte der „Restaurateur Helbig“, Besitzer der gleichnamigen Gaststätte, einst unter dem Sockel der Brückenrampe neben seinem Etablissement einmauern lassen. Da es immer mehr verwitterte, ließ er eine Kopie davon anfertigen, welche neben das Original gesetzt wurde. Offenbar hat man sich beim Neubau der Brücke 1907/10 dann für dies – eigentlich dritte – Brückenmännchen und gegen das zweite (die erste Kopie nach der Brückensprengung 1813 und bis zum Neubau als Schlussstein präsent) entschieden. Nach Gurlitt war das Originalbild 1901 „verschollen“, während die Kopie in Helbigs Restaurant gezeigt worden sei. Auch wenn die zugehörige Zeichnung wieder verwirrend dem ersten Ersatzbild von 1814 ähnelt: Helbig hatte immerhin das Original zur Verfügung – und vielleicht entspricht „unser“ Brückenmännchen ja doch der Helbig‘schen Kopie des ursprünglichen Wahrzeichens. Restauriert wurde es zuletzt 1967. 

Urig schaut er schon aus, der kleine Kerl, archaisch und weit weniger würdevoll als sein Kühn‘scher Nachfolger von 1814, trutzig irgendwie und eine Spur verschlagen. Aus den feinen Strümpfen sind wieder derbe Stiefel geworden, wie sie einst die Steinmetze trugen, Rock und Mütze zeigen deutlich schlichteren Zuschnitt. Viel hat das Brückenmännchen schon gesehen, und auch 2017 wird es stoisch die Elbe herabschauen, während ringsherum eine Welt aus den Fugen gerät.

 

Literatur:
Cornelius Gurlitt: Die Kunstdenkmäler Dresdens. Zweites Heft, Dresden 1901. 
Janus (Hermann Meynert): Charaktergemälde von Dresden, grau in grau; für Alle, welche die Elbresidenz bewohnen oder kennenzulernen wünschen, Pößneck 1833. 
Wilhelm Schäfer: Deutsche Städtewahrzeichen. Ihre Entstehung, Geschichte und Deutung, Erster Band. Leipzig 1858.

Letzte Änderung am Freitag, 06 Januar 2017 20:25
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