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Vom Tragestuhl zum Lastkraftwagen

Die Dresdner Chaisenträger: Ein ganz besonderer Berufsstand

Dienstag, 31 Mai 2016 17:00
Gottlob Moré: Königl. Porte-Chaisenträger in Dresden (1895) Gottlob Moré: Königl. Porte-Chaisenträger in Dresden (1895) Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek

Dresden – Bereits im Altertum war die Beförderung ägyptischer und babylonischer Würdenträger in Sänften üblich. Seit dem 17. Jahrhundert kam die Portechaise (frz. = Tragestuhl) auch in europäischen Städten in Gebrauch, wurde in Paris und Berlin heimisch und gelangte schließlich auch an die Elbe, in die Residenz Augusts des Starken.

„Dresdens ältestes Vehikel für den öffentlichen Nahverkehr“ (Silvia Brand) bestand aus einer mannshohen hölzernen Kabine, die von zwei kräftigen Männern, den Chaisenträgern, an seitwärts angebrachten Holmen getragen wurde.  Der Einstieg erfolgte durch eine Vordertür, Vorhänge für  Tür- und Seitenfenster ermöglichten Diskretion.  Ein Vorteil:  Bei der Beschaffenheit damaliger Straßen muß es für die Fahrgäste eine Wohltat gewesen sein, aus den federlosen Kutschwagen in die weitaus bequemere Sänfte umsteigen zu können.

1705 hatte der Senator und Kaufmann Johann Friedrich Landsberger mit zunächst vier Chaisen und acht Trägern in Dresden eine Sänftenträgeranstalt auf eigene Rechnung begründet, die 1709 auf zehn Portechaisen mit 20 Trägern erweitert wurde. Nach seinem Tode führte Landsbergers Witwe den „Contract“ fort, deren Erben traten das Geschäft für 285 Taler an die Stadt Dresden ab. Seit 1730 führte ein Stadtrat die Aufsicht über die Beschaffenheit von Sänften und Bekleidung der „Ratschaisenträger“. Ihre Diensträume befanden sich ab 1745 in einem eigenen Chaisenhaus, ein langestreckter Flachbau, der sich auf der Südseite des Altmarktes am Ausgang der Schreibergasse befand.

Der Volksmund reimte:

„Das Geschlecht, das dieses Haus bewohnte,
Mächt'ges, Schönes trug's mit sich herum,
So lang' noch der Zahn der Zeit es schonte,
Unsrer Residenz Paladium.“

Ein Zeitgenosse, Hermann Günter Meynert alias Janus (1808-1895), attestierte den Chaisenträgern ein „roh-pfiffiges Bediententalent“; rühmte gar ihre, durch Bescheiden- und Verschwiegenheit gegebene Eignung als Postillons d' amour. Zugleich seien die Chaisenträger „mechanische Tausendkünstler“, die in ihrer auftragsfreien Zeit Mäusefallen, Stiefelknechte und Vogelkäfige anzufertigen wussten, außerdem Strümpfe und Socken strickten. Ihre Präzision bei Umzügen war legendär, so sollen die dienstfertigen Männer im neuen Quartier das Salzfass genau auf jene Stelle des Tisches zu setzen in der Lage gewesen sein, wo es bereits in der alten Wohnung seinen Platz ausgefüllt hatte.

Indes hatte der Kammerherr Rudolph Gottlob von Seifertitz 1719/20 die Aufstellung von Chaisen am kurfürstlichen Schloss veranlasst, trugen nunmehr auch die „Hofchaisenträger“ in gelben Leibröcken Kavaliere und Hofdamen durch die barocke Stadt. Ebenso kamen im rechtselbischen Altendresden Sänftenträger in Mode.

Doch eine neue Zeit brach sich auch und gerade im Verkehrswesen unserer Stadt Bahn. Aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Pferdedroschken wurde das Chaisentragen in Dresden 1878 eingestellt, das legendär gewordenene Chaisenhaus im selben Jahr abgebrochen. Indes blieb die bereits seit 1717 bestehende Genossenschaft der Chaisenträger weiterbestehen, vollzog manchen technischen Wandel, wechselte vom Tragestuhl zum Lastkraftwagen, vom Frack zur Arbeitskombi. Noch heute firmiert die „Genossenschaft Ratschaisenträger e. G. zu Dresden“ als Spezialtransportbetrieb für Maschinen, Geldschränke, Öfen und Klaviere in 01189 Dresden, Am Eiswurmlager 5.

Die gelbuniformierten Herren aber, die, in Spitzwegscher Manier, dereinst die Dresdner und ihre Gäste durch die Elbestadt bugsierten, haben ihren Platz in den Annalen längst eingenommen. Als sympathische Erinnerung an ein beschauliches Zeitalter, in dem die städtische Personenbeförderung per pedes, und dabei auch bequem, geräuschlos und umweltschonend, eine schöne Selbstverständlichkeit gewesen war.

 

Literatur:

Silvia Brand: Dresdener Bilderbuch. Dresden 1888.
W. E.: Für fünf Groschen nach Neustadt. Aus der Geschichte der Dresdner Chaisenträger. In: Dresdner Monats-Blätter. Zeitschrift der Freunde Dresdens. 37. Jahrgang, Folge 1, Frankfurt am Main 1986.
Janus (d. i. Hermann Günter Meynert): Charaktergemälde von Dresden, grau in grau; für Alle, welche die Elbresidenz bewohnen oder kennen zu lernen wünschen. Pößneck 1833.

Letzte Änderung am Dienstag, 31 Mai 2016 17:15
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