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„Historischer Ballast oder notwendiger Erinnerungsort?“

Der Ehrenhain auf dem Dresdner Garnisonfriedhof

Sonntag, 06 November 2016 00:58
Ehrenhain auf dem Dresdner Garnisonfriedhof Ehrenhain auf dem Dresdner Garnisonfriedhof Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Wie umgehen mit dem Ehrenhain der Dresdner Regimenter des Ersten Weltkrieges auf dem Garnisonfriedhof? Dies war das Thema einer Diskussionsrunde im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Unbequeme Denkmale“, wozu der Verein „Denk Mal Fort!“ am 2. November in das Kultur-Forum des „riesa efau“ in die Wachsbleichstraße eingeladen hatte.

Die Moderation des Abends lag bei Dr. Hans-Joachim Jäger (Gesellschaft zur Förderung der Dresdner Frauenkirche), der den Ehrenhain in seiner Einleitung ausdrücklich als „Denkmal der Baugeschichte“ klassifizierte. Referenten waren der Historiker Dr. Justus H. Ulbricht (Dresdner Geschichtsverein) und der Lehrstabsoffizier für Militärgeschichte an der Offizierschule des Heeres, Holger Hase („Denk Mal Fort!“). Während Justus Ulbricht zunächst die Frage der überkommenen Kriegerdenkmäler in Bezug auf die heutige Erinnerungskultur aufwarf und eine Suche nach Argumenten für den Umgang damit anregte, lieferte Holger Hase einen profunden Abriss zur Geschichte des Garnisonfriedhofs und seines imposanten Ehrenhaines.

1901 am Rand der Dresdner Heide für die verstorbenen Angehörigen der Dresdner Garnison angelegt, war das erweiterte Friedhofsareal bereits während des Ersten Weltkrieges als Ort für ein Ehrenmal der gefallenen Angehörigen Dresdner Regimenter der sächsischen Armee vorgesehen. Nach Plänen des Regierungsbaurats Emil Hartmann wurde 1917 bis 1920, östlich der ursprünglichen Friedhofsmauern, eine weiträumige Anlage errichtet. Während im Mittelteil neun hochformatige galvanoplastische Ehrentafeln (der bereits im Frieden aktiven Regimenter) dominieren, ergänzen je sechs querformatige (für die Reserve- und Ersatztruppenteile) an beiden Seitenflügeln die Anordnung. Sieben Gedenktafeln aus Stein und drei querformatige aus Metall wurden zusätzlich an den Außenseiten bzw. Aufgängen des Bauwerks angebracht. Da die gefallenen Feldgrauen fern der Heimat bestattet werden mussten, diente der Ehrenhain deren Angehörigen auch als symbolischer Gedenkort, vordergründig jedoch als Stätte kollektiven Erinnerns zum Volkstrauertag bzw. für die früheren Regimentsangehörigen, die hier ihrer gefallenen Kameraden gedachten.

Um die Dimension des Geschehens zu verdeutlichen, stellte Hase eine Modellrechnung vor, wonach allein die 17 Infanterieregimenter, bei angenommenen 2.500 Gefallenen je Regiment, eine Gesamtzahl von etwa 42.500 Toten zu beklagen hatten. Der Garnisonfriedhof (seit 1930 „Standortfriedhof“) ist von Anbeginn Reichseigentum gewesen, ging nach 1945 aber in den Besitz der Stadt Dresden über, die 1955 auch die Umbenennung des Areals in „Nordfriedhof“ vornahm. 1987 wurde der Friedhof unter Denkmalschutz gestellt.

Nach rund 100 Jahren ist die Stahlbeton-Konstruktion des Ehrenmals dringend sanierungsbedürftig. Mauern mussten bereits notgesichert werden. Aus welchem Blickwinkel man auch die Problematik betrachtet, für die Stadt besteht perspektivisch Handlungsbedarf. Wie dann mit der Anlage umgehen? Begleitend zu anstehenden politischen Entscheidungen, könnte ein öffentlicher Diskurs zu Vergangenheit und Zukunft des Ehrenhains hilfreiche Argumente herausarbeiten.

In der nun folgenden Diskussion der etwa 25 Gäste, unter denen sich auch Vertreter der Ämter für Denkmalschutz und Stadtgrün sowie des Arbeitskreises für Sächsische Militärgeschichte befanden, kamen einige Aspekte des Umgangs mit Kriegerdenkmälern des Ersten Weltkrieges zu Sprache. Bedauert wurde, dass das Gedenken zum 13. Februar 1945 in Dresden alle anderen Gedenkanlässe praktisch überlagere und gerade der Garnisonfriedhof für die Öffentlichkeit nicht existiere.

Auch der weitaus unbefangenere Umgang des Auslandes mit ähnlichen historischen Überlieferungen wurde thematisiert. Kritisch wurde die in Deutschland übliche Unterscheidung in „gute“ und „böse“ Opfer angesprochen, die man jenseits der Landesgrenzen so nicht praktiziere. Einig waren sich die Beteiligten, dass der Ehrenhain der Dresdner Regimenter erhalten werden muss. Zu hoffen bleibt, dass hierfür ein Weg gefunden wird, der die stille Würde der Anlage und die Erinnerung an die im Weltkrieg gefallenen Sachsen mit den Herausforderungen einer modernen Zeit glücklich zu verbinden weiß.

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