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Sächsische Schweiz

Denkmalalarm in Sebnitz

Montag, 23 Oktober 2017 18:14
Historischer Türstock am Ottendorfer Erbgericht Historischer Türstock am Ottendorfer Erbgericht Quelle: Bert Wawrzinek

Sebnitz - Die Zahl der geschützten Kulturdenkmale in Sachsen verringert sich unaufhörlich. Noch im November 2014 gab es laut Innenminister Ulbig 102.911 Denkmale im Freistaat, im Mai 2017 waren es noch 101.600. (Sachsen Depesche berichtete: https://www.sachsen-depesche.de/kultur/denkmalalarm-im-landkreis.html) Demnach gingen binnen zweieinhalb Jahren mehr als 1.300 Denkmale unwiderruflich verloren, und der Abriß geht munter weiter. Auch in Ottendorf in der Sächsischen Schweiz, seit 2012 Ortsteil der Großen Kreisstadt Sebnitz.

2007 wurde das idyllische Örtchen Sieger des landkreisweiten Wettbewerbs „Unser Dorf hat Zukunft“. Keine Zukunft hat indes das frühere Erbgericht in der Hauptstraße 12. Obschon auf der Liste der Kulturdenkmale in Ottendorf (Sebnitz) als „bild- und strukturprägend“ und mit „baugeschichtliche(r) und ortsgeschichtliche(r) Bedeutung“ charakterisiert (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Ottendorf_(Sebnitz)), hat der Sebnitzer Stadtrat am 20. September 2017 den Abbruch beschlossen. So läßt die Stadtspitze auf ihrer Internetseite mitteilen: „Das ehemalige Erbgericht in Ottendorf – mittlerweile ein gefährlicher Schandfleck in dem Sebnitzer Ortsteil – kann abgerissen werden.“ (http://rathaus.sebnitz.de/aktuelles/presseinformationen/ruine-in-ottendorf-kann-abgerissen-werden/)

Das ruinöse Gebäude gefährde, so die Stadtverwaltung weiter, die öffentliche Sicherheit. „Möglichkeiten einer Nachnutzung“ seien aus bautechnischen und wirtschaftlichen Gründen verworfen worden, weshalb die Stadt das Bauwerk per Zwangsversteigerung erworben und nun den Abbruch vorzunehmen habe. Danach solle geprüft werden, „in welcher Form die Abbruchfläche gestaltet werden“ könne. Die Sprachregelung für das tödliche Szenario, hier wie anderswo: „Derzeit bereitet die Verwaltung den Fördermittelantrag und die Ausschreibung vor. Die Abbruchmaßnahme soll im Jahr 2018 durchgeführt werden. Das Objekt ist im Brachenkonzept der Stadt aufgeführt.“

Nun ist ein Erbgericht nicht irgendein Bauwerk, vielmehr (Be)Sitz des früheren „Erbrichters“, nicht selten eines Lokators (Siedlungsunternehmers), der im Zug der mittelalterlichen Ostsiedlung jene ersten wagemutigen Bauern in die neue Heimat führte und für seine Verdienste um die Dorfgründung mit dem Erbrichteramt und einem besonderen Landstück (evtl. auch Schank- und Braurecht) entlohnt wurde. Der Erbrichter, als Vertreter der Obrigkeit die wichtigste Person im Dorf, sein Haus dessen öffentliches Zentrum. Hier wurde über Jahrhunderte Recht gesprochen, beratschlagten und feierten die Ottendorfer in guten wie in schlechten Zeiten.

Noch steht - ein stummer Vorwurf - das mächtige Haus in morbidem Charme. Was könnten diese Mauern nicht alles erzählen! Ist es eine „gestaltete Abbruchfläche“ und die Wiederherstellung der vorgeblich gefährdeten „öffentlichen Sicherheit“ wert, diesen traditionsreichen Bau für immer auszulöschen? Unwiderruflich? Gibt es jenseits der stupiden Logik wirtschaftlicher Verwertbarkeit keine anderen Motive, denkmalgewordene Kulturgeschichte für spätere Generationen zu bewahren?

Ein stiller Vorwurf Quelle: Bert Wawrzinek
Ein stiller Vorwurf
Quelle: Bert Wawrzinek
Hofseite Erbgericht Ottendorf | Quelle: Bert Wawrzinek
Hofseite Erbgericht Ottendorf
Quelle: Bert Wawrzinek
Mit später angefügtem Gasthof (Postkarte von 1916) | Quelle: Manfred Schober
Mit später angefügtem Gasthof (Postkarte von 1916)
Quelle: Manfred Schober

 

Letzte Änderung am Dienstag, 24 Oktober 2017 01:53
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