Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Kunst & Kultur

Nordsachsen

Denkmalalarm in Oschatz

Mittwoch, 25 Oktober 2017 21:11
Oschatz, Leipziger Platz mit Rotem Vorwerk (Markierung),  Lithographie um 1840 Oschatz, Leipziger Platz mit Rotem Vorwerk (Markierung), Lithographie um 1840 Quelle: Privatarchiv Wawrzinek

Oschatz - Die Zahl der geschützten Kulturdenkmale in Sachsen sinkt weiter. Noch im November 2014 gab es laut Innenminister Ulbig 102.911 Denkmale im Freistaat, im Mai 2017 waren es noch 101.600. (Sachsen Depesche berichtete: https://www.sachsen-depesche.de/kultur/denkmalalarm-im-landkreis.html) Demnach gingen binnen zweieinhalb Jahren mehr als 1.300 Denkmale unwiderruflich verloren, und der Abriß geht munter weiter, auch in Oschatz.

Das „Rote Vorwerk“ in der Bahnhofstraße 1 ist eines der älteste Bauwerke der 15.000- Einwohner-Stadt, doch auch im schönen Döllnitztal ist bestehender Denkmalschutz keine sichere Überlebensgarantie. Weil an genau dieser Stelle eine Sporthalle geplant ist, soll das Gebäude jetzt abgerissen werden. Zwar gäbe es, nach Auffassung traditionsbewußter Oschatzer, für besagte Halle mehrere Alternativstandorte, sei die Eigentumssituation unklar und die Wahrscheinlichkeit hoch, hier eher einen Parkplatz entstehen zu sehen. Vor allem aber ist das auch als „Vorwerk Praschitz“ (oder Praschwitz) bzw. „Vorwerk vor dem Brüdertor“ bezeichnete Baudenkmal ein bedeutsamer Träger steingewordener Kulturgeschichte und kann als Vorläufer des Oschatzer Stadtkrankenhauses angesehen werden. 

Urkundlich erstmals 1476 als Vorwerk erwähnt, soll das kommunale Gut bereits im 12. Jahrhundert entstanden sein. Seit 1528 im Besitz der Stadt, lieferte das ursprünglich als Vierseithof errichtete Anwesen einst nennenswerte Beiträge zum Stadthaushalt. Infolge der Verelendung nach dem Dreißigjährigen Krieg an die Kirche verkauft, überließ jene das Vorwerk 1835 wieder der Kommune, die darin Armenhaus und -schule sowie Wohnungen für „Klosterfrauen“ einzurichten hatte. In einem Seitengebäude aber entstand 1840 mit dem Hospital das erste städtische Krankenhaus. Zwei Generationen später waren dessen Kapazitäten erschöpft und ein Krankenhausneubau vonnöten. Nach der 1895 erfolgten Schließung wurden Haupt- und Nebengebäude zu Wohnzwecken umfunktioniert, wobei es bis in die jüngere Vergangenheit geblieben ist. Zuletzt durchgeführte Erhaltungsmaßnahmen datieren aus den 1970er Jahren. Nebengebäude und Scheune wurden 2004 abgerissen, das erhaltene Hauptgebäude steht seit Jahren leer.

Eigentümer sind die Oschatzer Wohnstätten, eine Tochtergesellschaft der Stadt. Die Wohnungsgesellschaft hat den Abriß des Bauwerks beantragt und die Zustimmung der oberen Denkmalschutzbehörde erlangt. Lediglich markante Gebäudeteile, wie Sandsteingewände müßten dabei geborgen werden. Nach erfolgtem Abbruch werden die Wohnstätten das (einen Viertelhektar große) Grundstück zum Preis von 70.000 Euro an die Stadt verkaufen, die damit den Schulcampus erweitern und besagte Sporthalle errichten möchte. Auch wenn die Entscheidungen bereits getroffen wurden, ist der Erwerb durch die Stadt erst für den Sommer 2019 vorgesehen. Eine Gnadenfrist ist das freilich nicht. 

Die erst nach einem Rechtsstreit erwirkte Abrißgenehmigung des geschichtsträchtigen Gebäudes stößt bei Fachleuten wie Beobachtern nicht nur auf Zustimmung. Das Landesamt für Denkmalpflege attestiert der Anlage „als ehemaligem Stadtgut mit im Kern sehr alter Bausubstanz“ eine „ortshistorische, sozial- und baugeschichtliche Bedeutung“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Oschatz). Auch aus den Reihen des Oschatzer Geschichts- und Heimatvereins wird Unmut laut. Warum ein Neubau ausgerechnet an diesem Ort? Ist der Abriß gar mit Fördermitteln stimuliert worden? Moniert werden ferner der begrenzt erscheinende Horizont mancher Entscheidungsträger, die fehlende Phantasie bei der Suche nach einer neuen Nutzungsmöglichkeit. 

Der Rat der Großen Kreisstadt Oschatz umfaßt 26 Männer und Frauen aus den Reihen von CDU, Linken, FDP, FWO, NPD, SPD und Grünen. Einzig die Grünen-Abgeordnete Uta Schmidt votierte gegen Kauf und Abriß, allein der sympathischen Gartenbauingenieurin war es ihre Stimme wert, für die Bewahrung eines Bauwerks einzutreten, das an die 1000 Jahre für die Oschatzer Bürger seinen treuen Dienst versah. Wirklich nur eine Stimme?

 

Und so sieht das Rote Vorwerk heute aus:

Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:OschatzRotesvorwerk.JPG | Jwaller | CC BY-SA 3.0
Quelle: commons.wikimedia.org/wiki/File:OschatzRotesvorwerk.JPG | Jwaller | CC BY-SA 3.0

 

Letzte Änderung am Donnerstag, 26 Oktober 2017 01:23
Artikel bewerten
(19 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten