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Zu Pfingsten trägt Leipzig wieder schwarz

Das Wave-Gotik-Treffen (WGT) wirft seine Schatten voraus

Samstag, 09 Mai 2015 14:57
Wave-Gotik-Treffen in Leipzig: Besucher eines Konzerts in der Kuppelhalle Wave-Gotik-Treffen in Leipzig: Besucher eines Konzerts in der Kuppelhalle Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Leipzig – Noch zwei Wochen, dann ist es wieder soweit: Wie in jedem Jahr treffen sich in Leipzig über die Pfingsttage mehr als 25.000 Anhänger der schwarzen Szene aus aller Welt, um gemeinsam das Wave-Gotik-Treffen zu zelebrieren. Das Festival ist nicht nur wegen der vielen Konzerte und anderen Musikveranstaltungen an verschiedenen Spielorten so beliebt, sondern auch wegen des Rahmenprogramms aus vielen kleinen und größeren Kulturevents, die das besondere Flair des WGT ausmachen.

Was 1992 als überschaubare Veranstaltung mit noch nicht einmal zweitausend Besuchern im damaligen „Eiskeller“ im Leipziger Stadtteil Connewitz begann, ist heute das weltweit größte Musik- und Kulturfestival dieser Art. Fast über die ganze Stadt verteilt wird den Besuchern eine Vielzahl an Einzelveranstaltungen geboten – und das alles zu einem noch immer relativ moderaten Gesamtpreis. Auch wenn beim WGT die Musik im Mittelpunkt steht, so ist es doch das ganze „Drumherum“, das dieses viertägige Festival so besonders macht. Den ganzen Tag über ist eigentlich immer irgendwo was los.

Frühaufsteher können sich beispielsweise in der Kult-Kneipe „Sixtina“ mit einem gepflegten Absinth-Frühstück verköstigen, während es sich für jene, die später aufstehen, weil sie bis spät in die Nacht durch die diversen Clubs gepilgert sind, eher empfiehlt, zur Stärkung im Heidnischen Dorf am Torhaus Dölitz einzukehren, wo bei Mittelalter-Musik in diversen Schänken nicht nur eine einzigartige Variationsbreite an Met-Sorten kredenzt wird, sondern auch frischer Mutzbraten und andere rustikale Kost. Wer derlei fleischliche Gelüste ablehnt, findet ein paar hundert Meter weiter an der Agra-Halle in Markkleeberg, wo abends die Hauptkonzerte stattfinden, einen immer gut besuchten Stand mit dem leckersten vegetarischen Essen weit und breit.

Zur Institution sind mittlerweile die Ausstellung „Kinder der Nacht – unangepasst und überwacht“ und die Veranstaltungen in der Stasi-Gedenkstätte „Runde Ecke“ geworden, wo die Verfolgung von Gothics in der ehemaligen DDR thematisiert wird. Wer sich im SED-Staat schwarze Klamotten anzog, die Haare hochtoupierte und The Cure oder Depeche Mode hörte, geriet schnell ins Visier der Staatssicherheit. Die „Runde Ecke“ zeigt Auszüge aus Originalakten und führt szenische Lesungen durch, die das Ausmaß der Nachstellungen durch die frühere DDR-Geheimpolizei dokumentieren. Auch andere Einrichtungen und Museen zeigen Ausstellungen, die irgendwie mit der Gothic-Szene zusammenhängen. Einer der Höhepunkte des letzten Jahres war eine Sonderausstellung mit Werken des kurz zuvor verstorbenen Schweizer Künstlers und Film-Designers HR Giger in der Galerie Sansvoix nahe des Leipziger Hauptbahnhofs.

Viel stärker noch als sein Vorbild und Freund Salvador Dalí wirkte Giger als zeitgenössischer surrealistischer und phantastisch-realistischer Künstler in den Bereich der modernen Populärkultur hinein. So gestaltete er zahlreiche Schallplatten- und CD-Cover, zumeist für Musikgruppen aus dem Heavy-Metal-Bereich, machte sich jedoch vor allem einen Namen als Designer von Filmkulissen, -requisiten und -figuren. Den meisten Menschen dürfte Giger bekannt sein durch die Erschaffung jenes grauenerregenden außerirdischen Wesens, das der „Alien“-Filmtetralogie seinen Namen gab. Die schaurige Kulissenlandschaft zweier „Alien“-Streifen entsprang ebenfalls seiner Fantasie. Neben Skizzen, Zeichnungen und Bildern des Künstlers zeigte die Leipziger Ausstellung auch eine große Alien-Skulptur sowie eine Möbelgruppe, die Giger für David Lynchs Science-Fiction-Meisterwerk „Dune“ entworfen hatte.

Musikalisch wird auch in diesem Jahr eine sehr große Bandbreite geboten – von Sythpop, Elektro und Industrial über Neofolk und klassische Gothic-Musik bis zu Batcave, Punkrock, Mittelalter, Düsterrock und Metal. Gleich zweimal tritt beispielsweise die italienische Dark-Wave-Legende Kirlian Camera auf, um Stücke aus verschiedenen Schaffensperioden darzubieten. Auch Klassiker wie Deine Lakaien oder Samsas Traum sind diesmal wieder dabei. Wer es gerne etwas härter mag, ist mit den russischen Pagan-Metallern von Arkona oder der schwedischen Black-Metal-Band Dark Funeral gut bedient. Und wer möchte, kann auch mal einen Klassik-Abend einlegen. Entsprechende Kontingente, im letzten Jahr z. B. für Mozarts „Requiem“, werden von der Leipziger Oper und anderen renommierten Häusern exklusiv für WGT-Besucher reserviert. Das genaue Programm findet man unter www.wave-gotik-treffen.de.

Für die SACHSEN DEPESCHE wird in diesem Jahr unsere Mitarbeiterin Valérie Cohène exklusiv vom WGT berichten. Valérie lebt und studiert in Leipzig (Ethnologie, Kulturwissenschaften und Philosophie) und besucht das Festival schon seit Jahren. Natürlich kennt sie sich nicht nur mit der Musik und der ganzen Szene gut aus, sondern hat auch ein feines Gespür für das Besondere und Spezielle. Ihren Debüttext lieferte sie bei uns mit ihrem Bericht über ein Satyricon-Konzert im Leipziger Werk 2 ab (www.sachsen-depesche.de/kultur/satyricon-begeisterten-das-publikum-im-leipziger-werk-2.html). Wer also auch in Sachen WGT interessante Hintergrundinformationen bekommen möchte, die man woanders nicht findet, sollte in zwei Wochen öfter mal bei der SACHSEN DEPESCHE reinschauen.

Letzte Änderung am Samstag, 09 Mai 2015 15:07
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