Login

sachsen-depesche.de

Freigegeben in Kunst & Kultur

Dresdner Wahrzeichen

Das Moritzmonument an der Brühlschen Terrasse

Montag, 09 Januar 2017 02:31
Das Dresdner Moritzmonument von Wilhelm Walter (1555) Das Dresdner Moritzmonument von Wilhelm Walter (1555) Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Dresdens ältestes erhaltenes Denkmal – ist das Wilhelm Walter (1526-1586) zugeschriebene Moritzmonument aus dem Jahre 1555. Nachdem Kurfürst Moritz von Sachsen (1521-1553), ohne männliche Erben zu hinterlassen, in der Schlacht von Sievershausen den Soldatentod gefunden hatte, trat sein Bruder August (1626-1586) dessen Nachfolge an. Während dieser Zeit waren die Festungsanlagen Dresdens ausgebaut worden, und so ließ August an der Spitze der Hasenberg-Bastei – zwischen dem früheren Pirnaischen und Ziegeltor – seinem Bruder ein imposantes Denkmal setzen.

Der Überlieferung nach hatte der Verstorbene bis zu diesem Punkte die Befestigungsarbeiten vorantreiben können, von dort an habe Kurfürst August diese weiterführen lassen. Nach Schleifung der Festungswerke bildete das Moritzmonument den Eckpunkt zweier, nach den beiden steinernen Kurfürsten erst benannten Promenaden: der am Pirnaischen Platz beginnenden Moritz- und der nach der Brühlschen Terrasse einmündenden Augustusallee. 1895 bekam es durch den Oberlandbaumeister Temper seinen heutigen Platz an der Nordostecke der Befestigungsanlagen, der Außenmauer der Jungfernbastei am östlichen Ende der Brühlschen Terrasse. 

Der Hauptteil des sechs Meter hohen und drei Meter breiten Denkmals bildet ein in dorischer Ordnung ausgeführter Erker von Pirnaischem Sandstein. Darin in Hochrelief fünf überlebensgroße Figuren: Kurfürst Moritz (vom Betrachter links), dem der Knochenmann mit einem Stundenglas die ablaufende Zeit vorhält, übergibt seinem Bruder August das Kurschwert. Im Hintergrund beider Gemahlinnen: Moritz' Agnes von Hessen in Witwentracht, mit einem das Gesicht verdeckenden Schleier; hinter August, die später als „Mutter Anna“ verehrte Kurfürstin Anna von Dänemark. Darüber, die Handlung gleichsam bestätigend, die Trinitas von Gottvater, Christus und Heiligem Geist (als herabfliegender Taube). 

Unter dem Bau kündet eine Inschrift von den durch Kurfürst Christian I. (1590) und König Friedrich August I. (1818) veranlassten Restaurierungen, eine kleine Tafel darunter erinnert an weitere in den Jahren 1871, 1895 und 2000. Zu beiden Seiten des Denkmals prangen (seit 1678) zwei große, mit Gesims bedeckte Steintafeln, deren linke die Lebensdaten von Kurfürst Moritz und Kurfürstin Agnes trägt, die rechte eine Würdigung Moritzens und die Nachricht, dass Anna sich 1548 mit Kurfürst August verehelicht habe. Nach Gurlitt waren über diesen Tafeln einst zwei weitere angebracht (bis 1822). Überhaupt muss das Monument ursprünglich weit großartiger angelegt gewesen sein, wie ein späterer Holzstich (bei Schäfer) mit pompöser Attika, Balustrade und Fresken eindrucksvoll veranschaulicht. 

Das Moritzmonument im 16. Jahrhundert. Holzstich (1858) | Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek
Das Moritzmonument im 16. Jahrhundert. Holzstich (1858)
Quelle: Privatarchiv Bert Wawrzinek



Jene Zeichnung mag auf ein Aquarell von Zacharias Wehme (1591) zurückgehen, das Gurlitt als „Entwurf für die Erweiterung“ des Denkmals abtat, da er keine Darstellung kannte, die derartige „Bereicherungen“ hätte bestätigen können. Eine solche findet sich indes bei Löffler (S. 48), wo G. da Tola mit einer Zeichnung um 1570 die frühere Pracht doch erahnen lässt. Im Jahr 2000 wurde das Denkmal durch eine Nachbildung ersetzt. Das Original ist seither in den Kasematten unterhalb der Brühlschen Terrasse, dem Museum Festung Dresden. zu bewundern. 

Soweit die Fakten, doch – nicht anders als heute – machte sich das gemeine Volk höchst eigene Gedanken zur verordneten Gedenkkultur, und so entstand eine weitere, populäre Auslegung der in Stein gehauenen Allegorie. Denn mit dem Moritzmonument hat sich – neben dem Brückenmännchen (siehe:www.sachsen-depesche.de/kultur/dresden-das-br%C3%Bcckenm%C3%A4nnchen-an-der-augustusbr%C3%Bccke.html)– auch eines der ältesten Dresdner Wahrzeichen erhalten. Nach Schäfer wurde es im Volksmund gewöhnlich „die Horche“ genannt, woran vor allem die markante Gestalt der Kurfürstin-Witwe Agnes und der neben Moritz lauernde Knochenmann Anteil haben, welche die Phantasie der Dresdner besonders anzuregen vermochten. 

Demnach soll Moritz seinem Bruder unter dem Siegel der Verschwiegenheit ein Geheimnis anvertraut haben, worauf dieser aufs Schwert habe schwören müssen. Der Knochenmann sei erschienen, um August anzudeuten, dass ein nicht gehaltener Eid den Tod nach sich ziehe. Die beiden Kurfürstinnen aber hätten ihre Männer „behorcht“. Agnes habe das Geheimnis ausgeplaudert und dafür eine lebenslang zu tragende „Maulbinde“ erhalten, während Anna dasselbe bewahrt hätte. So jedenfalls mag man vor langer Zeit das Geschehen interpretiert haben, was der Bekanntheit von Dresdens ältestem Denkmal entschieden keinen Abbruch tat – und heutige Besucher vielleicht erst richtig neugierig werden lässt.

 

Literatur:

Cornelius Gurlitt: Die Kunstdenkmäler Dresdens. Zweites Heft, Dresden 1901. 
Janus (Hermann Meynert): Charaktergemälde von Dresden, grau in grau; für Alle, welche die Elbresidenz bewohnen oder kennenzulernen wünschen, Pößneck 1833. 
Fritz Löffler: Das alte Dresden. Geschichte seiner Bauten, Dresden 1981. 
Wilhelm Schäfer: Deutsche Städtewahrzeichen. Ihre Entstehung, Geschichte und Deutung. Erster Band, Leipzig 1858.

Artikel bewerten
(39 Stimmen)
Bitte anmelden, um einen Kommentar zu posten