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Neofolk-Szene in der Kritik

Das Leipziger „Fire & Sun“, Jännerwein und der „Rolling Stone“

Dienstag, 30 August 2016 21:22
Jännerwein beim "Fire & Sun" in Leipzig Jännerwein beim "Fire & Sun" in Leipzig Quelle: SACHSEN DEPESCHE

Leipzig – Bereits am 25. Juni fand der diesjährige Neofolk-Abend „Fire & Sun“ im Schlosspark Knauthain in Leipzig statt. Eingeladen hatte der szenebekannte Konzertveranstalter „Equinoxe Organization“, auf der Bühne zu sehen waren die deutschen Bands Traum'er Leben und Stein sowie Jännerwein aus Österreich und Of The Wand And The Moon aus Dänemark. Ein attraktives Linup also, das mehrere Hundert Neofolk-Fans aus ganz Deutschland in den beschaulichen Leipziger Stadtteil Knautkleeberg lockte.

Wie schon im letzten Jahr sorgten die Veranstalter für ein stimmungsvolles Ambiente, bei der Verköstigung mit Getränken und Grillgut, darunter auch superleckerer Halloumi für die Fleischverächter, waren deutliche Verbesserungen im Vergleich zum letzten Jahr festzustellen. Gab es 2015 nur so etwas wie eine Art provisorischen Getränkestand, wurde heuer ein Bierwagen aufgefahren. Dafür vermissten manche die opulenten Fleischspieße, die im letzten Jahr auf dem Grillrost brutzelten. Für ungläubiges Staunen sorgten die Öko-Dixieklos aus Holz, die eine Leipziger Firma am Schloss Knauthain aufgestellt hatte.

Stimmungsvolle Musik

Das „Fire & Sun“ geriet jüngst in die Schlagzeilen. Unter den Besuchern befanden sich auch zwei Redakteure des Magazins „Rolling Stone“, die allerdings weniger musik- als vielmehr enthüllungsjournalistisch unterwegs waren. Möglicherweise hatte ein zuvor auf dem SPD-nahen Internetportal „Blick nach Rechts“ veröffentlichter Beitrag, der den schon seit einigen Jahren stattfindenden Neofolk-Abend als eine Art Musikevent von und für Rechtsextremisten dargestellt hatte, den Anstoß zu der Reportage gegeben. Die Veranstalter haben solche Vorwürfe stets zurückgewiesen. Herausgekommen ist am Ende ein ziemlich sensationsheischender Bericht im „Rolling Stone“, bei dem sich Dabeigewesene manchmal fragen dürften, ob sie eine andere Konzertveranstaltung besucht haben. Doch der Reihe nach.

Die Konzerte begannen am frühen Abend, den Anfang machten Traum'er Leben, eine musikalisch sehr vielseitige Darkfolk-Gruppe aus Hannover mit weiblichem Gesang. Mit den martialischen Klischees, die über die Neofolk-Szene kursieren, hat die Band um Sängerin Bia herzlich wenig gemein, auch wenn das obligatorische Schlagwerk nicht fehlen darf. Die Lieder von Traum'er Leben sind eingängig, gehen teilweise schon in den Bereich mainstreamiger Gothic-Musik, sind aber nicht unoriginell. Als Opener des Abends optimal.

Traum'er Leben mit Sängerin Bia
Traum'er Leben mit Sängerin Bia

 

Etwas Pech hatten hingegen Stein, deren Auftritt von einem heftigen Regenschauer unterbrochen wurde. Die Besucher suchten Unterschlupf, zumeist im Schutze der für Merchandise-Händler aufgebauten Zelte, doch nachdem sich die Wolken ausgeschüttet hatten, ging es munter weiter. Prominentestes Mitglied der Gruppe ist wohl Perkussionist Norbert Strahl, auch als Schöpfer der legendären WGT-Comics bekannt, der wenige Wochen später bei der „Castle Party“ in Bolkow mit In Slaughter Natives rituelle Ambient-Klänge darbot, um schließlich beim „Lichterflug“-Festival im Ruhrgebiet mit „Waldeinsamkeit“ eine Live-Premiere zu feiern. Im Schlosspark Knauthain legten Stein einen soliden, aber unspektakulären Auftritt hin. 

Als Jännerwein danach die Bühne betraten, hatte bereits die Dämmerung eingesetzt, was dem Auftritt zusätzlichen Charme verlieh. Die Salzburger gehören zur jüngsten Generation deutschsprachiger Neofolkbands in der Tradition von Orplid, Forseti oder Darkwood. Kennzeichnend für die Gruppe ist ein filigranes Gitarren- und Violinenspiel sowie der Einsatz alter Musikinstrumente wie Drehleier oder Sackpfeife. Die genretypische Percussion, mit dem viele Neofolkbands ihrer Musik einen „militärischen“ Touch verleihen, wird von Jännerwein eher spärlich eingesetzt. Im Vordergrund steht – wie etwa bei ihren schwedischen Kollegen von Solblot – neben Geige und Gitarre der Gesang. Jännerweins Lieder sind oft Lyrikvertonungen, etwa von Eichendorff, Benn oder Nietzsche, auf dem letzten Album „Eine Hoffnung“ (2015) veröffentlichten sie allerdings ausschließlich Eigendichtungen. Beim „Fire & Sun“ zeigten Jännerwein die ganze Bandbreite ihres noch jungen künstlerischen Schaffens.

Neofolk aus Dänemark: Of the Wand and the Moon
Neofolk aus Dänemark: Of the Wand and the Moon

 

Bis in die anbrechende Nacht hinein spielten schließlich Of the Wand and the Moon auf. Die Szeneveteranen um den Dänen Kim Larsen, der früher mit der Death- und Doom-Metal Band Saturnus unterwegs war, enttäuschte das Publikum nicht. Abgesehen von Jännerwein war dieser Auftritt nicht nur der Abschluss, sondern der Höhepunkt des diesjährigen „Fire & Sun“. Thematisch geht es bei Of the Wand and the Moon um Runen, nordische Mythologie und Naturmystik und -romantik. Musikalisch boten Larsen und seine Mitstreiter eine intensive und atmosphärische Mischung aus Gitarrenmusik, Flüstergesang und leisen Keyboardklängen – mit klar erkennbaren Dark-Ambient-Einflüssen, aber ohne Percussion.  

„Enthüllungsbericht“

Die Journalisten des „Rolling Stone“ interessierten sich offenbar kaum für solche Darbietungen, sondern suchten händeringend nach Anhaltspunkten für die „rechten Verstrickungen“, die der „Blick nach Rechts“ in die Welt gesetzt hatte. Prompt wurden die beiden Redakteure auch fündig, denn unter den vielen Besuchern fanden sich an diesem Abend auch der Verleger Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza, die zu den bekanntesten Protagonisten der sogenannten „Neuen Rechten“ zählen. Kubitschek führt den Antaios-Verlag, seine Gattin schreibt für die Zeitschrift „Sezession“ und bespricht regelmäßig Bücher für den hauseigenen Video-Blog. Einer ihrer Mitarbeiter ist der junge Österreicher Martin Sellner, der als führender Kopf der „Identitären Bewegung“ gilt. Auf den Internetseiten der „Identitären“ wiederum wurden positive Beiträge über Jännerwein veröffentlicht, Sellner selbst hört die Musik. Passte also alles wunderbar zusammen, um daraus einen gepfefferten Enthüllungsbericht zu basteln.

Schon am Anfang der Reportage („Der Sound der Neuen Rechten“) wird der Leser mit einer Art Gruselszenerie eingestimmt. So heißt es in dem Beitrag, der später auch von den Springer-Kollegen der „Welt“ übernommen wurde: „Es herrscht eine familiäre, fast schon bedächtige Atmosphäre. Vielleicht 200 Besucher, davon ein knappes Drittel Frauen. Ein flottes Viererclübchen gar im Cocktaildress mit Bleistiftröcken und High Heels. Vereinzelt Kinder. Hinter der winzigen, in der Mitte des Areals platzierten Bühne hilft ein junger Vater seinem – etwa 12‑jährigen Sohn beim Schnüren der Springerstiefel. Schmissige Burschenschaftler in weißem Hemd mit Hosenträgern tummeln sich davor. Wenige in Mittelalterkluft. HJ-Undercuts, ausgestellte Bretsches-Hosen [gemeint sind wohl Breeches, Anm. V.C.], Flecktarn-Versatzstücke, mal NVA, mal Austria-Bundesheer.“

Das ist freilich eine sehr übertriebene und einseitige Darstellung, die der Vielfältigkeit des Publikums nicht gerecht wird. Vor allem dürfen bestimmte Kleidungsstile nicht als politisches Statement missverstanden werden. Die Neofolk-Szene ist weitgehend unpolitisch und frönt eher einem ausgeprägten Individualismus als totalitärem Gedankengut. Toleranz ist geradezu kennzeichnend für die Szene, in der sich auch bekennende Homosexuelle, Fetisch-Liebhaber oder „schwarze Hippies“ willkommen fühlen dürfen. Ausgegrenzt wird niemand, und auf jedem Punk- oder Metal-Konzert herrscht höherer Grad an Aggressivität. Neofolker sind in der Regel friedlich und verfahren nach dem Motto: Leben und leben lassen. Dass sich unter den Hörern auch solche finden, die sich politisch rechts der Mitte verorten, ist nicht weiter verwunderlich, denn mit Themen wie Heimat oder Tradition und einer bewussten Abwendung von der Moderne bieten sie vordergründig vielleicht ein paar Anknüpfungspunkte für Leute mit einer solchen Gesinnung. Das ist aber auch schon alles. Wer behauptet, dass „Rechte“ hier dominieren oder über einen nennenswerten Einfluss verfügen würden, kennt die Szene herzlich wenig. 

Stellungnahme von Jännerwein

Zum Auftritt von Jännerwein heißt es in dem „Rolling Stone“-Artikel: „Während das Publikum die Dark-Folker Traum’er Leben aus Hannover teilnahmslos vorüberziehen ließ, kommt bei Jännerwein zum ersten Mal so etwas wie Spannung auf. Das Quintett aus Salzburg verwendet ein Metrum, das penibel auf Nicht-Blues und somit auch auf Nicht-Rock’n’Roll getrimmt ist. ‚Spannungslose Harmonik‘ hat man dazu im Impressionismus gesagt. Das mehrstimmige Volkslied oder jene Eigenbau-Genrekonstruktion ‚Alpin Folk‘ stehen Pate.“ Und weiter: „Gruppen wie Forseti, Orplid und Darkwood suchten die innere Emigration in Natur-, Literatur- und Mythologiethemen, was sich in altertümlichem Deutsch und kitschigen Versen niederschlug. Wer sich schon immer gefragt hat, was eigentlich das Gegenteil von Funk ist, oder auf einer Party damit angeben möchte, die uncoolste Musik des Planeten entdeckt zu haben: Bei Neofolk wird er fündig.“ Die Musik hat ihnen also nicht gefallen. Vielleicht wären sie lieber auf ein Rock- oder Blues-Konzert gegangen. Neofolk ist nunmal eine ganz andere Art von Musik – weder „besser“ noch „schlechter“, sondern ganz einfach nur anders.

Jännerwein fühlten sich nach der Reportage des „Rolling Stone“ zu einer Erklärung veranlasst, die das Magazin immerhin auf seiner Internetseite brachte. In ihrem Statement verwahren sich die Salzburger gegen den Vorwurf, eine „rechte Vorzeigeband“ zu sein. „Freilich kann sich keine Band ihre Fans aussuchen; was wir aber können, ist vehement der politisch motivierten Nutzung unserer Musik zu widersprechen. So wenig uns der Musikgeschmack Herrn Sellners und der Identitären schmeichelt, so entschieden verbitten wir uns, für Politik solcher Art, ja überhaupt für Politik vor den Karren gespannt zu werden. Wir geben uns für keine Ideologie her, auch nicht für die der Identitären“, so Jännerwein.

Ob solche Erklärungen dazu beitragen, die Neofolk-Szene aus der Schusslinie zu nehmen, oder ob sich vermeintlich um „Aufklärung“ bemühte Journalisten nun vielleicht noch stärker herausgefordert fühlen, angebliche Verbindungen zu rechtsextremen Kreisen aufzuspüren, bleibt abzuwarten. Neues Futter könnte das im Oktober in Leipzig letztmalig stattfindende Festival „Runes & Men“ liefern. Dort treten mit Blood Axis und Death in June nämlich zwei Szenegrößen auf, die – auch in dieser Hinsicht – als besonders umstritten gelten. Falls der „Rolling Stone“ wieder mit investigativen Mitarbeitern vorbeischaut, mögen diese doch bitte auf eine etwas wirklichkeitsgetreuere Darstellung achten. Nicht, dass das Blatt unter Neofolkern irgendwann als „Lügenpresse“ verschrien ist.

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