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Sonderausstellung „Pathos und Idylle“ in München

Das alte Italien in Fotografie und Malerei

Dienstag, 30 Juni 2015 13:14
Italien - Land prachtvoller Architektur Italien - Land prachtvoller Architektur Quelle: ART DEPESCHE

München - In der „Italienischen Reise“ dokumentierte Goethe die Eindrücke, die er während seines Aufenthalts in Italien von September 1786 bis Mai 1788 sammelte. Oft sind seine Aufzeichnungen naturwissenschaftlicher Art oder beschreiben Naturerscheinungen, bisweilen bezeugen sie aber auch seine Faszination für die Antike, die schon in dem rätselhaften Spruch „Et in Arcadia ego“, den er seinem Bericht voranstellt, ihren Ausdruck findet.

Das mythische Land Arkadien ist eines der Motive, die sich in einer Sonderausstellung der Neuen Pinakothek in München wiederfinden. „Pathos und Idylle. Italien in Fotografie und Malerei“, so der Titel der Schau, zeigt derzeit neben Gemälden, die Italien als romantisches Sehnsuchtsmotiv inszenieren, eine Auswahl von frühen Italien-Fotografien, die zwischen 1846 und 1900 entstanden sind. Zusammengetragen wurden sie von dem einstigen Filmproduzent Dietmar Siegert, der zu den bedeutendsten Fotosammlern in Deutschland zählt. Die Aufnahmen erwarb der Pinakotheksverein gemeinsam mit der Ernst-von-Siemens-Kunststiftung und der Sparkassen-Finanzgruppe 2014 von Siegert und stellte sie dem Münchner Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung.

Zu sehen sind in verschiedenen Räumen unter jeweils einem Oberthema Aufnahmen von folkloristische Szenen, Natur- und Wolkenstudien, Bilder von Skulpturen oder Blicke auf altrömische Ruinen. Auch die Ausbrüche des Ätna 1865 und des Vesuv 1888 wurden im Lichtbild festgehalten. Einführend werden die Besonderheiten und Gestaltungsmittel der frühen Fotografie wie Tonwertabstufungen, unterschiedliche Perspektiven oder Lichtreflexe am Beispiel der Arbeiten von Calvert Richard Jones vorgestellt. Der walisische Mathematiker gilt als einer der Pioniere der Panoramafotografie und bereiste neben Italien auch Frankreich.

Im weiteren Rundgang werden in fünf Sälen ausgewählte Fotografien zu den Gemälden der Sammlung, die vielfach schon von Museumsgründer König Ludwig I. erworben wurden, in Beziehung gesetzt. Zunächst geht es um Rom als Zentrum der katholischen Welt und den deutschen Künstlerbund der „Nazarener“ (auch als Lukasbund bekannt), zu dem Maler wie Friedrich Overbeck und Friedrich Wilhelm von Schadow gehörten, die Anfang des 19. Jahrhunderts versuchten, die religiöse Monumentalmalerei der Renaissance wiederzubeleben. Ergänzt werden die Bilder durch ähnliche Fotografien wie die des Künstlers Giacomo Caneva, der neben derartigen Genreaufnahmen auch Landschafts- und Naturstudien anfertigte.

Solche Fotografien finden sich neben ausgewählten Werken der Landschaftsmalerei von Joseph Anton Koch, Johann Christian Reinhart und anderen im nächsten Saal der Ausstellung. Insbesondere die britischen Fotografen James Anderson und James MacPherson folgten den Gestaltungsmitteln einer geradezu pathetischen Malerei, die Italien dem Betrachter als Land erhabener Naturlandschaften mit Wasserfällen, Felsenformationen oder antiken Ruinen inmitten unberührter Haine näherbrachte. Gleich darauf kann der Besucher Gemälde von Franz Ludwig Catel, Louis Léopold Robert oder August Riedel betrachten, die vor allem Porträts und Szenen aus dem italienischen Volksleben zeigen und durch entsprechend pittoreske Fotografien von Filippo Belli ergänzt werden.

Eine kleine historische Lehrstunde erwartet einen dann im vorletzten Saal der Ausstellung, wo Bilder und Aufnahmen zu sehen sind, die die künstlerische Begleitung von Italiens langem Weg zur nationalstaatlichen Einigung im 19. Jahrhundert dokumentieren. Das Risorgimento inspirierte zahlreiche italienische Künstler, aber auch deutsche Historienmaler wie Wilhelm von Kaulbach und Carl Theodor von Piloty, zu epischen Werken, die sich mit der Nationalgeschichte der Italiener befassen. Verschiedene Fotografien von Stefano Lecchi und Luigi Sacchi zeigen schließlich Szenen aus den Kämpfen um Rom 1849 und Garibaldis „Zug der Tausend“ bis zur Einnahme Palermos im Jahr 1861 bildeten wichtige Stationen dieser Geschichte. Die gezeigten Aufnahmen sind einzigartig, zählen sie doch zu den frühesten fotografischen Dokumenten von Kriegsschauplätzen überhaupt.

Am Ende der Ausstellung lebt in den idyllischen und stimmungsvollen Gemälden Arnold Böcklins sowie den Aufnahmen Wilhelm von Gloedens und seines Cousins Wilhelm Plüschow der eingangs erwähnte Mythos Arkadien auf. Gloeden und Plüschow fotografierten einheimische Modelle als Akt oder in antikisierenden Gewändern vor dem Hintergrund der architektonischen Reste des klassischen Altertums. „Das Leben in der südlich-arkadischen Natur wird zum Gegenentwurf zur städtisch geprägten modernen Zivilisation“, heißt es dazu in einer Erläuterung der Ausstellungsmacher. Deren Anliegen, das Reise-, Sehnsuchts- und Sagenland Italien mit den Schwesterkünsten Malerei und Fotografie zu würdigen, ist überaus gelungen und lädt dazu ein, sich intensiver mit den dargestellten Themen und Motiven zu befassen. Die Sonderausstellung „Pathos und Idylle" in der Neuen Pinakothek ist noch bis zum 21. September zu besichtigen.

Letzte Änderung am Freitag, 07 August 2015 14:40
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