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Fotoausstellung von Lothar Lange zum Tag der Deutschen Einheit

Bitte „keine politischen Inhalte“ – am 3. Oktober in Dresden

Donnerstag, 29 September 2016 10:49
Lothar Lange, Fotograf und Hannah-Arendt-Verehrer Lothar Lange, Fotograf und Hannah-Arendt-Verehrer Quelle: Bert Wawrzinek

Dresden – Eine „finale Ausstellung“ will Lothar Lange zum diesjährigen Tag der Deutschen Einheit in Dresden zeigen. 5.000 Bilder sollen die Wandlung der sächsischen Hauptstadt von 1989 bis 2015 dokumentieren; Motto: 25 Jahre Friedliche Revolution. Nicht irgendwo, sondern zentral im Rahmen des offiziellen Festprogramms, vor dem Haupteingang des Dresdner Rathauses.

Die Dresden Marketing GmbH, eine Tochterfirma der Stadt, hat den Rahmen abgesteckt. Im Bestätigungsschreiben an Lange heißt es: „Auf der gesamten Fläche und somit auch im Rahmen Ihrer Ausstellung sind keine politischen Inhalte, Symbole, Flaggen o. ä. zugelassen.“ Wie das, an einem solchen Tag? Gibt es denn ein politischeres Thema; eines, das im Leben der Menschen in Mitteldeutschland in den letzten 25 Jahren stärkere Spuren hinterlassen hat, als der Volksaufstand im Herbst 1989 und die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten?

Hinsichtlich politischer Symbolik existiert in Deutschland eine besondere Befindlichkeit. Denkwürdig ist eine Filmsequenz vom Abend des 22. September 2013, als im Berliner Konrad-Adenauer-Haus eine ausgelassene CDU die eben gewonnene Bundestagswahl feiert, die Parteispitze auf der Bühne. Generalsekretär Hermann Gröhe, der heutige Bundesgesundheitsminister, lässt sich ein Deutschlandfähnchen reichen, mit dem er im Takt der Musik herumwedelt – bis die Kanzlerin es ihm mit einer Geste der Abscheu aus der Hand reißt.

Nun ist Lothar Lange nicht 1989 von Hannover nach Dresden gekommen, um sich von Befindlichkeiten beeindrucken zu lassen. Die Dresdner kennen den quirligen Feuerkopf mit dem markanten Sprachstil. Im besten Wortsinn ist Lange „umstritten“, und niemand kann mit Sicherheit behaupten, was der bekennende Hannah-Arendt-Verehrer wirklich ist: Narr oder Genie, Verrückter, Nervensäge, Marxist, Libertärer – oder einfach ein Unangepasster, ein „Nonkonformer“ also, wie man vor einiger Zeit gern formulierte. Allemal geht von ihm eine Beunruhigung aus, etwas Unberechenbares.

Die Vita des Protagonisten ist nichts für Kleinbürger: „Geboren 1956 in Schwäbisch Gmünd, Insasse verschiedener Kinderheime. In Hannover Abitur, zweiwöchiges Studium der Germanistik, Gegenkandidat von Gerhard Schröder beim Unterbezirksparteitag der Jungsozialisten und Gründer des ersten Second-Hand-Kaufhauses der Welt, Heirat, vier Kinder. Seit 1984 als Antiquar und Photograph unterwegs“, sagt Lange über Lange.

Für Kontinuität im Zickzackkurs sorgen Bücher und Fotos. 19.000 seiner Bilder aus dem Dresden der Jahre 1990 bis 1994 verwahrt, als „Sammlung Lange“, das hiesige Stadtarchiv. Und immer sind es, wie er es nennt, „soziokulturelle Projekte“, zuletzt der Wagenplatz auf dem Globusgelände, die Lange anschiebt, ihn beschäftigten und wieder weitertreiben. Ein stimmungsvoller Ort war sein Antiquariat in der Dresdner Louisenstraße, damals in den frühen Neunzigern, als die alte Ordnung gerade verschwunden war und die neue noch nicht etabliert. Vitalität und Heiterkeit jener Ära, in der es keinen Staat mehr zu geben schien, haben sich den Zeitgenossen eingeprägt.

Viel Zeit ist seitdem vergangen. Die Bürger dieses Landes haben sich mit Systemen arrangieren müssen, die nahezu jeden Lebensbereich zu regulieren suchen. Dementsprechend zeigt die Mehrheit Wohlverhalten und strebt nach Konfliktvermeidung. Aus dem Credo „Freiheit statt Sozialismus“ von 1990 ist ein „Bloß nicht anecken“ von 2016 geworden, ein „Keine politischen Inhalte am Tag der Deutschen Einheit“. Nietzsche hat im „Zarathustra“ den Typus des „letzten Menschen“ beschrieben, dem jeder Hang zum Größeren, zu Leidenschaft, Kampf und Gefahr längst fremd geworden ist. „Blinzelnd“ wünscht der letzte Mensch nichts mehr als den trägen Fortgang seiner Bequemlichkeit. Lothar Lange, der lieber Unruhe stiftet, wirkt wie dessen Antithese, und seine Bilder taugen kaum für eine nostalgische Rückschau.

Die offizielle Feier zum deutschen Nationalfeiertag findet in dem Bundesland statt, das den Vorsitz im Bundesrat bekleidet, heuer in Sachsen. Hier beeilt man sich, ein „weltoffenes, bürgernahes und buntes Deutschlandfest“ auszugestalten, werden doch Bundesrat, Bundestag und Bundesregierung in Dresden präsent sein, und die Welt schaut mit Spannung gerade auf den weiß-grünen Freistaat. Denn hier begann nicht nur die friedliche Revolution im Herbst 1989. In Sachsen nahmen auch die regierungskritischen PEGIDA-Proteste ihren Ausgang, die 2014/2015 ein Ausmaß erreichten, das die Bundesrepublik in den vergangenen Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat.

In Dresden werden vom 1. bis zum 3. Oktober 2016 bis zu einer halben Million Gäste erwartet. Lothar Lange wird sein „Opus magnum der Wendezeit“ präsentieren: ein buntes Mosaik, das sich in keine Schublade pressen lässt, dessen Gesamtbild in den Augen des Betrachters aber Assoziationen wecken könnte, die auch kein noch so starrer Rahmen wird verhindern können.

Letzte Änderung am Donnerstag, 29 September 2016 18:15
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